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Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler

 

„Der Jud tut gut“, sagt der eine Adolf (Hitler) über den anderen Adolf (Grünbaum). Der Blitzkurs in Schauspielkunst könnte gelingen. In nur fünf Tagen soll aus dem depressiven Führer einer werden, der Siegeszuversicht ausstrahlt – am Neujahrstag 1945, vor Millionen Berlinern auf der Straße und in den Medien der Welt. Großdeutschlands Geschick hängt von der darstellenden Kunst ab – und vom pädagogischen Geschick des Lehrbeauftragten. Deswegen bekommt Häftling Grünbaum (Ulrich Mühe) Urlaub aus dem KZ, und er weiß zu schachern. Das ganze KZ Sachsenhausen muss freikommen, sonst bricht er den Unterricht ab. Geht in Ordnung. „Wenigstens hat er nicht ‚Auschwitz’ gesagt“ (Goebbels).

 

Schon gelacht? Nein? Aber Helge Schneider ist doch der Hitler! Eine Komödie ist angekündigt, und Daniel Levy („Alles auf Zucker“) ist Autor und Regisseur in Person! Im Kino dauert es ein Weilchen, bis die Erwartung korrigiert und alles auf Salz geworden ist. Im Ernst jetzt also: der Film widmet sich ausführlich der Basis der Schauspielkunst, und das ist nach der reinen Lehre tiefenanalytische Schürfung. Was kommt heraus? Der Führer hat eine schwere Kindheit gehabt. Sein Vater hat ihn geschlagen, und deswegen schlägt der erwachsene Hitler zurück – auf Deutschland und die ganze Welt! Er hat ja keine Schuld! Der Vater wars!

 

Komisch könnte es sein. Es ist aber tragisch. Und es ist fundiert, meint Levy, weil seine Sicht ja auf den Forschungen der Alice Miller („Am Anfang war Erziehung“) beruhe und weil sie sich auf den Hitler-Biografen Joachim Fest beziehe. – Nun ist es bekanntlich so, dass jeder Student der Erziehungswissenschaft sein Studium abbricht, wenn Alice Miller dran kommt. Um zu verhindern, dass der Zuschauer jetzt unbedacht das Kino verlässt, drückt ihn Levy in den Sessel zurück. Das geht so: Gewicht liegt auf den Schultern. Die Sätze fallen, mit Bedeutung beladen. Pausen liegen dazwischen wie erhobene Zeigefinger, und schwerfälliger Rhythmus lähmt den Fluchtinstinkt. Es gibt kein Entrinnen. Zu sehen sind Schauspieler im TV-Format plus Raumausstattung im Nazidesign der „Ewigen Schönheit. Film und Todessehnsucht im Dritten Reich“, falls Sie den Film von Marcel Schwierin gesehen haben.

 

Adolf Hitler also ist ein Charakter ganz wie Adolf Grünbaum und seine Ehefrau. Empathie für alle! Für alle drei! Der Führer, allein und einsam, schleicht sich durch ein Fenster aus der Reichskanzlei. Blondi, der liebe Schäferhund ist dabei. Er jault nur ein ganz bisschen, als ihn der Führer vom ersten Stock sanft hinunterschubst. Blondi kommt nicht mit ins Bett der Grünbaums, aber Hitler kuschelt sich liebesbedürftig auf der Ritze zwischen den beiden, und Frau Grünbaum (Adriana Altaras) singt ihn auf jiddisch in den Schlaf. Pscht! Nicht lachen!  Höchstens, vielleicht, ein wenig nachsichtig schmunzeln, respektvoll trotz allem. Ein Zivi würde in der Altenpflege sich so verhalten und ihm die Decke zum Kinn hochziehen.

 

Ja, ihr drei seid tolle Charakterdarsteller, und ich will und mags nicht glauben, dass ich Helge Schneider nicht wiedererkennen kann. Okay, er war jetzt beim Dreh jeden Tag drei Stunden in der Maske, und die hat ihn unkenntlich gemacht. Jei, es sind zwanzig Jahre her, dass ich mit ihm in Schlingensiefs „Menu total“ eine Szene hatte - in einem Abbruchhaus bei Oberhausen. Helge Schneider war ein aggressiver Hitler, ganz drin, gefährlich. Ich fürchtete mich vor ihm. Auch als die Schlussklappe gefallen war.

 

In „Mein Führer“ tut er (Hitler) mir leid. Helge Schneider hat es geschafft. Neben ihm und seinem Juden sind Goebbels, Speer und Himmler (derselbe wie im „Untergang“) Knallchargen, die sich mit „Herr Untersturmbannführer Oberleutnant“ anreden, weil es falsch und deswegen wohl komisch ist. Schneider aber toppt den Ganz vom „Untergang“, denn Hitler ist jetzt mehr als tragisch, er ist entschuldigt. Der jüdische Therapeut hat den Naziprobanden erfolgreich kuriert, fast. Und wie geht’s weiter? Adolf Grünbaum stirbt (peng und weg), Adolf Hitler lebt (einsame Größe). Ende des Films. Noch was zu sagen? Daniel Levy, Sie haben das letzte Wort.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret

Mehr von D.K. zum Thema hier: „Lachen über Nazis

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler

Deutschland 2006 - Regie: Dani Levy - Darsteller: Helge Schneider, Ulrich Mühe, Sylvester Groth, Adriana Altaras, Ulrich Noethen, Stefan Kurt, Lambert Hamel - Prädikat: wertvoll - Länge: 95 min. - Start: 11.1.2007 

 

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