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M Ė Eine Stadt sucht einen Mörder

 

Wieder in Deutschland

Als 1930 die Presse "M" unter dem Titel "Mörder unter uns" ankündigte, fühlte sich die NSDAP getroffen; Lang wurde anonym bedroht, die staakener Ateliers schlossen vor ihm ihre Tore, Boykott wurde geplant. Da wurde den Nazis klargemacht, daß der Film sich nicht von ihresgleichen, sondern vom düsseldorfer Kindermörder Kürten inspirierte; und nachdem Lang überdies den "die Deutschen beleidigenden" Titel radikal kürzte, gaben sich die Nazis zufrieden - nicht ahnend, daß der Film Dokument und Spiegel seiner und damit ihrer Zeit werden würde, die sich so sehr disponiert zeigte, sich faschistisch zu infizieren.

Im Film, wohlverstanden, geht es nur um die Kriminalgeschichte, die Jagd nach dem Kindermörder (Lorre). Die Polizei, angeführt von Lohmann (Wernicke), sucht ihn unverständigerweise unter den Berufsverbrechern, denen dann auch bald die ewigen Razzien nicht mehr behagen. Ihr oberster Führer, Schränker (Gründgens), beteiligt daher ihre Berufsorganisationen, die Ringvereine, ebenfalls an der Jagd. Während "das Publikum" der Hysterie und Lynchbegier verfällt und der zuständige Minister "keine Vorstellung von der Schwierigkeit der Angelegenheit" hat, arbeiten Polizei und Verbrecher produktiv. Das Rennen gewinnt die Polizei, theoretisch. Praktisch aber haben die Verbrecher den Mörder. Anstatt ihn nun, wie beabsichtigt, der Polizei in die Hände zu spielen, befiehlt Schränker, daß die Ringvereine ihm den Prozeß machen. In den Kellergelassen einer verlassenen Schnapsfabrik fordert Schränker unter dem Beifall der fanatisierten Menge, den Mörder "auszulöschen", während der Verweis auf dessen Unzurechnungsfähigkeit in allgemeiner Empörung untergeht. Im allerletzten Moment, da die Lyncher sich ans Werk begeben, erscheint jedoch die Polizei und nimmt alle hopps.

Das letzte Jahr der Weimarer Republik präsentiert sich im Film. Akteure sind die Führer der Organisationen von Polizei und Verbrechern; ausgeschaltet ist die Regierung ("Der Herr Minister scheinen nicht zu verstehen ..") und das Volk (Lohmann: "das kalte Kotzen..."). Und das Opfer ist der Kindermörder in seiner geradezu rührenden Bürgerlichkeit - Opfer der Gewalt und vor allem Opfer seiner Triebe, die ein unerforschliches und unabänderliches Schicksal ihm auferlegte ("will nicht -muß"). Wie seinen Trieben liefert er sich der Gewalt aus, gegen deren eiskalte Logik er nur an das Mitleid zu appellieren weiß. Nicht zu durchschauen vermochte er, daß diese Logik bei längerem Zusehen dahinschmilzt: auch Führer Schränker läßt sich von seinen Emotionen leiten. Er verfolgt den Mörder zunächst, damit störende Razzien unterbleiben; alsdann - in unversöhnlichem Gegensatz - um ihn sozial unschädlich zu machen; und schließlich - in abermals widersprüchlichem Verhalten - um die alttestamentarische Rachelust des Auge-um-Auge-Zahn-umZahn ("Dir soll dein Recht werden") zu befriedigen.

Wenn trotzdem der Film Schränkers Handeln konsequent erscheinen läßt, ist dies wohl auf die vernebelnde Atmosphäre des Terrors zurückzuführen, die im Film herrscht, und die sich weniger in konkreten Aktionen ausdrückt, wie in der Folterung des Wächters durch den Verbrecherführer oder die Aussageerpressung durch den Führer der Polizei, der verbotenerweise mit der Strafverfolgung einer - fiktiven - Beihilfe zum Mord droht, - als in den formalen Mitteln. In diesem Film ist immer Nacht; Licht und Schatten und ziehender Rauch erzeugen jenen verwunschenen Realismus, der jede harmlose Geste in fatale Hintergründigkeit und Endgültigkeit verwandelt. Ein Bett, ein Globus und Bierflaschen in der Mordkommission erregen ebenso unbestimmtes Ahndungsvolles wie die Röhren im Heizungskeller der Schnapsfabrik und die melancholisch-nordisch-herben Takte aus der Halle des griegschen Bergkönigs. Nimmt es wunder, daß diese Welt verdächtiger Objekte und weher Töne das Fühlen und Denken der Personen bestimmen muß?

Hier zeigt sich die große Leistung Fritz Langs, diese Einheit von materieller und ideeller Welt zu schaffen. Das ist, wohl gemerkt, nicht absolut zu nehmen. Die Trennung von Ton und Bild zum Beispiel ist das schlechthin Neue und Aufregende in diesem, Langs erstem Tonfilm. Während die Mutter den Namen ihres Kindes, "Elsie!", ruft, zeigt die Kamera das verlassene Treppenhaus, buschiges Vorstadtödland, den in den Telefonleitungen zappelnden Luftballon des Kindes. Mehr und eindringlicher konnte über den Mord und seine Wirkung nicht gesagt werden. Die Trennung von Ton und Bild liegt auch dem damals revolutionären und noch heute vorbildlichen Schnitt zu Grunde, wenn etwa ein und dieselbe Rede von verschiedenen Personen aufgenommen und weitergetragen wird.

Anders als die "Nibelungen" von 1923 und auch der "Tiger von Eschnapur" von 1959 (Fk 3/59) ist "M" auch heute - wieder .- aktuell, in doppelter Hinsicht: erfreulich, wenn der Film dem aufgeklärten Kinogänger die Situation von 1932 spiegeln würde, wenn er im Bürger M nicht nur den Kindermörder Kürten sähe; bedenklich, wenn der Film dem wieder disponierten Kinopublikum von 1960 die Mörder unter uns, die krause-präfaschistische Welt von 1932 suggerieren und empfehlen würde.

Dietrich Kuhlbrodt

Dieser Text zuerst erschienen in: Filmkritik 3/1960

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

M - Eine Stadt sucht einen Mörder

Deutschland 1931, 117 Minuten

Regie: Fritz Lang

Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang, auf Basis eines Zeitungsartikels von Egon Jacobson

Musik: Thea von Harbou, gepfiffenes Motiv aus der "Peer-Gynt"-Suite von Edvard Grieg

Kamera: Karl Vaß, Fritz Arno Wagner

Schnitt: Paul Falkenberg

Produktionsdesign: Emil Hasler, Karl Vollbrecht, Edgar G. Ulmer

Darsteller: Peter Lorre (Hans Beckert), Ellen Widmann (Frau Beckmann), Inge Landgut (Elsie Beckmann), Otto Wernicke (Inspektor Karl Lohmann), Theodor Loos (Inspektor Groeber), Gustav Gründgens (Schränker), Friedrich Gnaß (Franz, der Einbrecher), Fritz Odemar (Der Betrüger), Paul Kemp (Taschendieb mit sechs Uhren), Theo Lingen (Der Bauernfänger), Rudolf Blümmer (Beckerts Verteidiger), Franz Stein (Minister), Ernst Stahl-Nachbaur (Polizeichef), Georg John (blinder Luftballonverkäufer)

 

 

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