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Meine Schwester

 

Emotionale Schwundzustände sind Catherine Breillats Spezialität, und die zelebriert sie mit einer anämischen Ritualhaftigkeit bis an die Grenze zur Selbstauflösung. In den klinischen Mann/Frau-Beziehungen ihrer Filme wird dann meistens auch mehr geredet als gevögelt; und trotzdem gibt es viel, fast alles, zu sehen. Breillats (pornografische?) Unverblümtheit ist irgendwie degoutant, in ihrer französischen Geziertheit auf jeden Fall aber höllisch nervend. Man beobachtete die ungelenken zwischenmenschlichen Kommunikationspraktiken (Blicke, Sprache, Sex) in „Romance“ und fühlte sich wie gefangen im dysfunktionalen Resonanzraum handfester Identitätskrisen. Die Rede klang hier bereits wieder urzuständlich-unschuldig (Post-„Sex-als-Warenwert“; eher wurden hier schon wieder Gefühle verschachert), wußte aber noch um die Frivolität der sexuellen Machtverhältnisse. Breillat treibt das gerne auf die Spitze, und bisher war das immer einigermaßen zum Weglaufen.

 

Interessant wird die weibliche Position dieser Geschlechterverhältnisse und der Sexualisierung des Diskurses erst durch die Rücküberführung in einen tatsächlichen sexuellen Vorzustand, den es heute natürlich in seiner Reinform nicht mehr geben kann, weil Erfahrungen, Praktiken und Erkenntnisse inzwischen frei durch die Medien flottieren, alles also schon „instant“ fühl- und erlebbar gemacht wurde. Eine „unbefleckte“ Pubertät gibt es im Prinzip nicht mehr, allenfalls noch eine pervertierte Vorstellung von Lust. Und anhand dieses adaptierten (Nicht-)Wissens figurieren sich in Breillats Teenagerfilm „Meine Schwester“ auch Vorstellungen von jugendlicher Selbstverwirklichung, Erwachsen-Sein und gesellschaftlicher Normierung. Die Ritualhaftigkeit ist in diesem Fall sogar doppelt obszön, weil in den Liebes- und Sex-Ritualen wieder nur (scheinbar authentische) Rituale einer Erwachsenenwelt zum Vorschein kommen. Bei den Kindern sieht das allerdings aus wie aus schlechten ‚Soaps’ abgekuckt.

 

So komplex sind Breillats Filme bisher selten gewesen. In „Meine Schwester“ hat sich die weibliche Hauptfigur ihrer früheren Filme in ein Schwesternpaar gesplittet, und diese Mehrstimmigkeit verschafft Breillat eine differenzierte Betrachterposition auf ihre weiblichen Figuren – und vor allem: aus ihnen heraus. Denn der Sprechraum, in dem sich Breillats Frauen/Mädchen bewegen, bleibt weiter klein und sein Klang introspektiv.

 

Viel aufschlussreicher als das etwas ermüdende Bettgeflüster zwischen der fünfzehnjährigen Elena, einer frühreifen kleinen Schönheit, und ihrem älteren Liebhaber bleiben in „Meine Schwester“ dann auch die Blicke, die zwischen den Mitgliedern der Familie Pingot ausgetauscht werden. Für die zwei Jahre jüngere Anaïs, das „Fat Girl“ (so der englische Verleihtitel), ist Nahrungsaufnahme eine Form der Kommunikationsverwerweigerung. Ihre Kilos sind stummer Protest, eine prä-sexuelle Frustration. Wenn sie also mit Sonnenbrille am Familientisch sitzt und sich mit Eis vollstopft, ist das gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung an ihre Umwelt. In „Meine Schwester“ sind alle Kommunikationskanäle zwischen den Familienmitgliedern verstopft. „Was hat sie denn,“ fragt der Vater seine Frau. „Ach, es ist nur die Adoleszenz.“ – „Na, da kommt sie aber besser schnell drüber hinweg.“ Er hat schließlich nicht das ganze Jahr gearbeitet, um im Urlaub dann solche Gesichter zu sehen.

 

In der Konkurrenzsituation der Pingot-Schwestern spiegeln sich die Härten der Sexualität viel feinfühliger wider als noch z.B. in Breillats thematisch ähnlichem Debütfilm „A Very Young Girl“ (1976), ihrer frühen Fingerübung einer unromantischen Lolita-Erzählung. Anaïs bringt eine lakonische Schlauheit in die pubertären Distinktionskämpfe der Mädchen ein, gerade wenn die Rede auf einem rein sexuellen Gesprächslevel hängenbleibt.

 

Dieser Schlauheit ist allerdings auch eine Diabolik inhärent. Den ganzen Film war sie spürbar in einem unterschwelligen Hang zum Morbiden, u.a. in den Kinderreimen Anaïs, am Ende aber bricht sie aus dem engen Sprachraum der Mädchen heraus und löscht Sprache und Sinn regelrecht aus. Es ist ein böser „Schlussgag“, der in Breillats irrationalem Akt von Gewalt steckt, aber er folgt letztlich, trotz seiner unangemessenen Ziellosigkeit und Härte, einer perfiden, kindlichen Logik von Körperpolitik: Über die Vergewaltigung, die „Initiation“, wird, notfalls eben auch durch Aneignung, eine eigene körperliche Ordnung hergestellt, um die zuvor mit der körperlich überlegenen Schwester „spielerisch“ gerungen wurde. In Anaïs letztem Blick spiegelt sich ein trotziges Gefühl von Triumph.

 

Andreas Busche

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der taz

 

 

Meine Schwester - À ma Sœur

Frankreich / Italien 2001 - Regie: Catherine Breillat - Darsteller: Anaïs Reboux, Roxane Mesquida, Libero De Rienzo, Arsinée Khanjian, Romain Goupil, Laura Betti, Albert Goldberg, Odette Barrière, Ann Matthijsse, Pierre Renverseau - Länge: 95 min. - Start: 19.9.2002

 

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