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Mamma Mia!

In die Zeiten des deutschen Musikfilms zurückversetzt fühlen darf man sich mit dem ABBA-Verbrechen "Mamma Mia!".

 

Eine junge Frau (Amanda Seyfried) steigt aus dem Meer an griechisches Inselland und wie die Aphrodites gibt auch ihre Zeugung Rätsel auf. Nicht die Liebe trägt sie aber in die Welt, sondern drei Briefe an drei Männer, ein jeder, wie das mütterliche Tagebuch mit viel "Punkt-Punkt-Punkt" verrät, als möglicher Vater im Verdacht. Da sie bald Hochzeit auf der griechischen Insel feiert, wo die Mutter (Meryl Streep) ein heruntergekommenes Hotel führt, lädt sie hierzu die drei Kandidaten ein, um kurz vor Schluss auch noch den väterlichen Segen zur Eheschließung zu ergattern. Da Mutter von der Rückkunft der einstigen Strandliebhaber nichts erfahren darf, Trubel in der Suche nach der verantwortlichen Hüftpartie also vorprogrammiert ist, verspricht die Filmreklame ein "rauschendes Fest", wenn nicht gleich den amüsantesten Film der Sommersaison und legt als Garant noch den Eskapismus-Pop von ABBA obenauf, um deren ekstatisch-hedonistische Dancefloor-Epiphanien dies Musical herum geschrieben ist.

 

So wird denn auch, wer sich auf drei nicht amüsiert, vom Film zur Statistikwahrung einfach totgeschlagen. Zumindest fühlt man sich so danach. Der Zwang zur guten Laune, zum offensiv offensichtlichen Amüsement, der "Mamma Mia!" auszeichnet, erscheint, mit solchem Nachdruck, schwer verdächtig. Alles Grimassieren und Gejohle, für das zwei weibliche Sidekicks sorgen, Freundinnen der Mutter aus früheren Zeiten im lautstark eingeforderten zweiten Frühling, überdeckt kaum den strengen Geruch nach Spießermuff. Man fühlt sich in gruseligste Gefilde der Filmgeschichte versetzt, in die scheußliche Epoche des deutschen Musikfilms, als sämtliche Wirtschaftswunderprominenz von Sinnen in Badehosen das Mittelmeer stürmte, um dort unter viel Schubidu verklemmten Liebeleien nachzugehen. So ist auch alles Griechische bei "Mamma Mia!" zu exotischer Kulisse und Kolorit verdammt, zu ein bisschen Lebensart-Suggestion für Pauschalreisenprospekte-Leser mit entsprechenden Kleinbürger-Fantasien. Fehlt nur noch Udo Jürgens und sein "Griechischer Wein". Im Vordergrund ist man indes schwer beschäftigt, Körpersäfte und Indezentes in Auslassungspunkte abzudrängen und an der Wiederinstandsetzung der heilen Familie zu basteln.

 

Wäre dann wenigstens noch was vom Irrwitz geblieben, der sonst so regelmäßig aus dem Genre Filmmusical blitzt, das wie kaum ein zweites Filmkonventionen mit Leichtigkeit zum Einsturz bringt und jeden Rahmen sprengt. Statt Mut zur spielerischen Subversion herrscht in "Mammia Mia!" jedoch pure Einfallslosigkeit und Biedersinn: Choreografien, die stur realistisch den gegebenen Räumen verhaftet bleiben, so dass sich der Tanz kaum einmal in den künstlichen Musicalraum erheben kann, bestimmen das bei allem Amüsementdiktat doch nur sedierende Geschehen.

 

Thomas Groh

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 16.07.2008. in: www.perlentaucher.de

 

 

Mamma Mia!

Großbritannien / USA 2008 - Regie: Phyllida Lloyd - Darsteller: Meryl Streep, Pierce Brosnan, Amanda Seyfried, Colin Firth, Christine Baranski, Julie Walters, Stellan Skarsgård - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 109 min. - Start: 17.7.2008

 

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