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Mala Noche

„Mala Noche“ ist das Debüt von Gus Van Sant, das der US-Regisseur bereits 1985 drehte, lange bevor er mit „Drugstore Cowboy“ (fd 28 331) und „My Own Private Idaho“ (fd 29 222) Kultstatus erlangte. Schon dieses Debüt wurde schnell und gleich zweifach zum Schlüsselfilm einer Subkultur: des „New Queer Cinema“ und der neuen Generation des US-Independent-Kinos genau zu dem Augenblick, als es seinen Höhepunkt erreicht hatte. Doch die naheliegende Einordnung dieses Films in die Kategorien des Minderheiten-Kinos ist womöglich nicht sehr hilfreich. Denn Van Sant ist einer der wenigen echten „Autoren“ des US-Kinos, und schon seine erste Arbeit ist weit mehr als ein „Spartenfilm“. Mit nur 25.000 Dollars überaus billig produziert, wurde „Mala Noche“ auf 16mm gedreht, jetzt auf 35mm „aufgeblasen“. Wie vergleichbare Independent-Meilensteine der Epoche, Jarmuschs „Stranger Than Paradise“ (fd 24 712) und Spike Lees „She‘s Gotta Have It“ (fd 26 083), wurde er in Schwarz-Weiß gedreht – bis auf einige kurze, nur wenige Sekunden dauernde Momente.

 

Van Sant, der Design und Fotografie studierte, legt schon hier Wert auf ausgefeilte, in der Wirkung unkonventionell-individuelle Bildgestaltung: Dazu gehört die „Wildheit“ suggerierende, vom Soundtrack unterstützte Subjektivierung und Beschleunigung der Bildperspektive. Für Ordnung sorgen vor allem der Off-Kommentar der Hauptfigur sowie die weitgehend chronologische, wenn auch über betonte Brüche voranspringende Narration, die nur gelegentlich von „flanierenden“ Passagen in die Breite gezogen wird. Vor allem die zahlreichen Nachtaufnahmen sind geprägt von scharfen Hell-Dunkel-Kontrasten, das Licht aus Straßenlaternen oder Neonlichtern wirft gleißende Kegel, und Van Sants Kamera geht zwar nahe an die Menschen und ihre Gesichter heran, lässt aber oft größere Teile nahezu unsichtbar im Dunkel. Man kann bereits hier an Béla Tarr und seinen hochgradig stilisierten Neoexpressionismus denken, der heute ein erklärtes Vorbild für Van Sants Kino ist, besonders für den Einsatz der Kamera. So deutlich die Anklänge an das Lebensgefühl der 1950er-Jahre auch sind, so unverkennbar ist „Mala Noche“ doch seiner Entstehungszeit verhaftet. Dies ist auch eine Momentaufnahme aus dem „Grunge“-Portland der 1980er-Jahre und der grassierenden Orientierungslosigkeit der „Generation X“, dem Ende der Utopien in der Spätphase des Kalten Krieges, und damit ein Dokument eines Zeitgeists, in dem Gefühle der Fragmentierung dominieren.

 

„Mala Noche“ erzählt vom Clash zweier Welten aus der Perspektive des jungen Walt, der einen Getränkeshop betreibt: In den ersten Momenten hat man gesehen, wie zwei Latino-Jünglinge als blinde (Bahn-)Passagiere nach Portland gekommen sind, jetzt lernt man sie mit den Augen und dem Off-Kommentar Walts kennen: Sie heißen Juancito (bald nur noch Johnny genannt) und Roberto (Pepper) und kommen illegal aus Mexiko, um hier ihr Glück zu machen. Beide schlagen sich durch, immer auf der Hut vor der Einwanderungspolizei und immer auf der Suche nach ein paar schnell verdienten Dollars. Hier lernt man auch bald, dass das engelhaft-unschuldige Antlitz Walts den Blick ein wenig trübt: Er ist einerseits fürsorglich um die beiden bemüht, lädt sie zum Essen ein, bietet Unterkunft und Hilfe bei Krankheiten, andererseits ist seine Motivation keineswegs uneigennützig, sondern in sexuellem Interesse begründet. Besonders das unrasierte, raue Gesicht von Johnny hat es Walt angetan, aber als der sich verweigert, muss Pepper als Ersatz dienen – für die Gegenleistung von 15 Dollar. Wenn es darauf ankommt, spielt Walt seine Position ökonomischer Stärke recht gnadenlos aus: die moderne Variante eines erzkapitalistischen Ausbeuters – der sich selbst womöglich noch als Wohltäter fühlt und gar nicht begreift, was er den zwei Abhängigen antut. „Mala Noche“ ist insofern Viererlei: Die Geschichte einer amour fou, deren Verortung im Schwulenmilieu denkbar beiläufig und in offenem Gegensatz zu Helden des „Queer Cinema“ wie Derek Jarman oder Todd Haynes inszeniert ist – es geht hier um Liebe, nicht um „schwule Identität“. Dann eine gut beobachtete Untersuchung über Cultural Clashes und Rassismus in westlichen Gesellschaften (inklusive ihrer Homosexuellenszene, die Van Sant nicht zu verklären versucht); überdies ein Film über Ausbeutung und Machtverhältnisse, ein Essay über Entfremdung in der Moderne, in der auch der Körper in all seinen „Verwertungsmöglichkeiten“ zum Handelsgut mutiert. Und schließlich aus heutiger Perspektive die frühe, beeindruckend souveräne Visitenkarte des Filmautors Gus Van Sant, die sein späteres Werk in nuce bereits enthält und gerade seinen letzten beiden Filmen, dem Grunge-Melo „Last Days“ (fd 37 428) und der verträumten Pubertätsetüde „Paranoid Park“ (fd 38 716), stilistisch am nächsten steht.

 

Rüdiger Suchsland

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst

 

Mala Noche

USA 1985 - Regie: Gus Van Sant - Darsteller: Tim Streeter, Doug Cooeyate, Ray Monge, Nyla McCarthy, Sam Downey, Robert Lee Pitchlynn - FSK: ab 12 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 78 min. - Start: 17.7.2008

 

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