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Das Mädchen Irma La Douce

 

»Irma La Douce« ist einer jener Filme, die Wilder selbst für einen Misserfolg hielt. Das Publikum war da ganz anderer Meinung. Wilder meinte im Gespräch mit Cameron Crowe, einige Szenen in diesem »Mezzo-Musical« seien »ein bisschen dick aufgetragen«. Außerdem sei es ein Problem, dass Leute nicht die Sprache des Landes sprechen, in dem gespielt wird (1). Jack Lemmon und Shirley MacLaine spielen Franzosen. Lemmon sei als Franzose viel zu amerikanisch. »Das ganze Ding war viel zu amerikanisch, um glaubwürdig zu sein. Ich glaubte es nicht ... und sie auch nicht. Der Film war ein Flop in Paris, in Frankreich. Aber er war ein großer Hit hier: In Deutschland mochten sie ihn, weil sie glaubten, die Franzosen besser zu verstehen. [Wir lachen]« (2).

 

Obwohl Wilder mit diesen Einwänden bezüglich der kulturellen und sprachlichen Divergenzen nicht ganz Unrecht hatte, ist »Irma La Douce« ein bestechender, brillanter Film, der auch bei neuerlicher Betrachtung nicht an seinem Reiz verloren hat. Die Einwände spielen in der Gesamtwürdigung des Streifens meinem Gefühl nach eine untergeordnete Rolle.

 

Die Rue Casanova in Paris ist das Prostituiertenviertel, in dem auch Irma La Douce (Shirley MacLaine) dem Gewerbe nachgeht. Ihr Zuhälter Hippolyte (Bruce Yarnell), »Der Ochse« , ist mit ihr äußerst zufrieden, denn sie verdient nicht schlecht, ist begehrt bei den Freiern. Zuhälter, Prostituierte und Polizei haben sich in dem verruchten Bezirk arrangiert. Alles läuft seinen gewohnten Gang. Doch als der Flic Nestor Patou (Jack Lemmon) in den Bezirk versetzt wird, ist er entsetzt über die Verhältnisse dort und nimmt sich vor, gründlich aufzuräumen. Bei einer eigenmächtigen Razzia im Hotel Casanova, in dem sich die Freier mit ihren Prostituierten treffen, verhaftet er u.a auch seinen eigenen Chef, Inspektor Lefèvre (Herschel Bernardi) – und wird prompt entlassen.

 

Nestor ist am Boden zerstört, begibt sich in die Kneipe von Moustache (Lou Jacobi), in der die Prostituierten und ihre Zuhälter verkehren, und legt sich mit Irmas Zuhälter an, der ihm körperlich überlegen ist. Glück im Unglück fällt Hippolyte ein Kronleuchter auf den Kopf, und plötzlich ist Nestor der Held der Anwesenden, »Der Tiger«. Irma vertraut sich ihm an, Nestor wird ihr neuer Beschützer, will aber nicht wahrhaben, dass er sich damit selbst zum Zuhälter machen müsste, zumal er sich in die schöne Frau längst verliebt hat und nicht ertragen kann, dass sie ihrem Gewerbe weiterhin nachgeht. So kommt er auf eine Idee: Er verkleidet sich abends in den angeblich reichen »Lord X«, als der er Irma das Versprechen abnimmt, nur noch mit ihm zu verkehren, keine anderen Freier mehr zu empfangen und abends mit ihr Patiencen zu legen. Das alles kostet Geld. Und Nestor muss tagsüber in den Markthallen schwer arbeiten, um das viele Geld für seine Abende mit Irma zu verdienen.

 

Das Doppelspiel droht schließlich aufzufliegen, als Irma das vermeintliche Schloss des reichen »Lord X« sehen will. Nestor täuscht einen Selbstmord vor, indem er die Kleider des Lords in die Seine wirft. Doch dabei beobachtet ihn ausgerechnet Hippolyte, der ihn bei Lefèvre anzeigt. Nestor wandert ins Gefängnis, verurteilt zu 15 Jahren, zumal auch sein Freund Moustache behauptet, er habe »Lord X« aus Eifersucht getötet. Nestor ist verzweifelt. Nur ein Ausbruch aus dem Gefängnis scheint ihn noch retten zu können ...

 

Das Erstaunliche an Wilders Inszenierung ist zunächst einmal die uneingeschränkte, offene, deutliche Thematisierung eines Milieus zu einer Zeit (1963), in der dies nicht gerade auf der Tagesordnung stand. Die Frivolität, das Lockere dieses Films, aber auch der Charme, die Lebensfreude und der Humor, mit der Shirley MacLaine die Prostituierte Irma spielt, kommen in einer schier unglaublichen Selbstverständlichkeit daher. Die Dialoge sprühen vor dieser Ehrlichkeit, etwa wenn Lemmon Moustaches Worte verinnerlicht, warum man wegen käuflicher Liebe ins Gefängnis gehen soll, während der Hass auf einen anderen nicht bestraft würde.

 

Gleichzeitig führt Wilder die Zerrissenheit seiner Personen dem Betrachter vor Augen. Irma hat sich mit ihrem Dasein im Rotlicht-Milieu scheinbar abgefunden, doch als »Lord X« auftaucht, ihr das Leben in einem Schloss vorgaukelt, beginnt sie wieder zu träumen und zu hoffen. Nestor, der die Verlogenheit seines Berufsstandes im Bezirk erkennt und verachtet, sieht keinen anderen Weg, als sich in eine Art konstruierte Persönlichkeitsspaltung zu begeben, morgens Zuhälter, abends der »reine« Lord, und zerbricht fast daran. Allerdings kommt auch hier Wilders komödiantische Ader voll zum Tragen. Denn Lemmon spielt dieses Hin- und Hergerissensein nicht in einer extrem tragischen Rolle, sondern mit viel Humor.

 

Diese Aufspaltung seiner Person in Zuhälter und Lord ist aber andererseits nur die Vorstufe dazu, die Liebe zu Irma ohne Verlogenheit, ohne Doppelmoral leben zu können – ein riskanter Weg, den Nestor geht. Doch gerade hier zeigt Wilder sich, nein nicht als Moralist, sondern als – wenn auch vielleicht skeptischer – Optimist. Leben ist Risiko, Sicherheit ist eine Illusion. Nestor geht seinen Weg, manchmal verzweifelt, aber er steht immer wieder auf, flieht aus dem Gefängnis, lässt sich alles Mögliche einfallen, um wieder eins, eine Person zu werden. Warum? Weil Wilder an die Liebe glaubte.

 

Wilder treibt die Handlung in »Irma La Douce«, obwohl ein romantischer Film, nicht in die Melodramatik, weil er die Tragik des Geschehens – wie oft in seinen Filmen – immer wieder komödiantisch »bricht«. Wilder bleibt realistisch, optimistisch, und auf eine sozusagen überprüfbare Art, in einem überschaubaren Rahmen steckt er die Kriterien von berechtigter Hoffnung ab. Grandios, weil das Konstruierte, das jede filmische Handlung ausmacht, unmerklich, leicht, manchmal beschwingt den Zuschauer mitreißt, ohne dass es konstruiert wirkt, die Konstruktion also nicht vordergründig ist, sondern die Geschichte, die erzählt wird, Gegenstand bleibt.

 

Wilder hatte sich für Shirley MacLaine entschieden und die Bewerbung Brigitte Bardots für die Rolle der Irma abgelehnt. Das war sicher eine richtige Entscheidung; die MacLaine ist großartig anzusehen und es ist kaum vorstellbar, dass es die Bardot bezaubernder hätte machen können. Auch nach fast 40 Jahren ist dieser Film ein Ereignis sondergleichen, spritzig, bunt, sexy, und gehört für mich zu den Kultfilmen des 20. Jahrhunderts.

 

Ulrich Behrens

 

(1) Cameron Crowe: Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder?, München und Zürich 2000, S. 86.

(2) Ebd. S. 191.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei CIAO.de

 

Das Mädchen Irma La Douce

[Irma La Douce] USA 1963

Start:

Verleih:

Laufzeit: 135

FSK:

Drehbuch: Billy Wilder, I. A. Diamond, nach einem Bühnenstück von Alexander Breffort

Regie: Billy Wilder

Darsteller: Jack Lemmon, Shirley MacLaine, Lou Jacobi, Bruce Yarnell, Herschel Bernardi, Hope Holiday, Joan Shawlee, Grace Lee Whitney, Paul Dubov, Howard McNear, Cliff Osmond, Diki Lerner, Herb Jones, Ruth Earl, Jane Earl

 

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