zur startseite

zum archiv

Mad Hot Ballroom

                      

Tanzsaal der Kulturen?

 

Die Dokumentation Mad Hot Ballroom von Marylin Agrelo, die auf US-amerikanischen Festivals zum Publikumsüberraschungserfolg avancierte, skizziert das Projekt „Dancing Classroom“, einen Tanz-Contest der New Yorker-Schulen, bei dem die Schüler verschiedene Gesellschaftstänze wie Swing, Merengue oder Rumba erlernen, um in einem Wettbewerb gegeneinander anzutreten. Beobachtet wird die Vorbereitung dreier Schulen in drei verschiedenen Bezirken: in Washington Heights, einem Stadtteil, der überwiegend von armen, dominikanischen Einwanderern bewohnt wird, im wohlhabenden Tribeca und in Bensonshurt, wo ehemals hauptsächlich Italiener lebten und sich nun immer mehr asiatische Einwanderer niederlassen.

 

Regisseurin Agrelo und Kamerafrau Claudia Raschke-Robinson begleiten die Schüler und ihre Lehrerinnen nicht nur im Tanzunterricht und später im Wettbewerb, sie nimmt sich auch Zeit, sie ausführlich zu interviewen, ihre Lebensumstände und ihre Stadt darzustellen. Mal verspielt oder albern, mal nachdenklich berichten die Zehn-, Elfjährigen von ihren Gedanken an die Zukunft, ihren Wünschen, Träumen oder Ängsten und dem langsam erwachenden Interesse am anderen Geschlecht. Es sind diese Szenen, in denen der Film seine größte Eindringlichkeit entwickelt. Die Kinder werden ernst genommen. Man merkt, dass sich die Regisseurin für das interessiert, was sie zu sagen haben.

 

Leider bleibt der Blick auf die Lebensverhältnisse der Metropole dabei oberflächlich und klischeebehaftet. New York ist das, betont exotische, Kaleidoskop verschiedener Kulturen, das immer wieder von Panoramaaufnahmen der Skyline zusammengehalten wird. Da gibt es die Dominikaner, die an der Ecke sitzen und Domino spielen oder den asiatischen Lebensmittelladen, in dem man lebende Krebse aus auf der Strasse stehenden Bottichen kaufen kann. Projekte wie das „Dancing Classroom“ sollen – so heißt es – die Kinder lehren, respektvoll miteinander umzugehen und ihnen neue Perspektiven öffnen. Wie reibungslos aber das Nebeneinander verschiedener Kulturen im Klassenzimmer und der Millionenstadt im Jetztzustand aussieht, ob es ein Miteinander oder so etwas wie Chancengleichheit gibt, erfährt man nicht. Ein offensichtlich arabischstämmiger Junge gesteht, dass es ihm beim Tanzunterricht gefällt, weil es hier niemanden stört, dass er „aus einem anderen Land kommt.“ Das wäre sie dann auch schon, die regelbestätigende Ausnahme.

 

Auch die Ideologie des Gewinnenmüssens und die totale Autorität der Lehrer hinterfragt der Film nicht. Einen strengen Dresscode gilt es zu beachten: Mädchen dürfen nichts tragen, was ihren Bauchnabel zeigt und Jungen haben sich die Hose anständig hochzuziehen und das Hemd hineinzustecken. Eine weitere wichtige Regel wird in einer Versammlung der Tanzlehrer mit dem Contest-Veranstalter verdeutlicht: Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder man gewinnt oder man verliert. In diesem Geiste dann auch der Ausspruch eines der Jungen: „Ich bin hier um zu gewinnen und Spaß zu haben.“ In diesem Fall macht nicht der Ton sondern die Reihenfolge die Musik. Die bitteren Tränen und breiten Gesichter derer, die im Viertel- oder Halbfinale ausscheiden sind zu sehen. Am Ende gibt es einen strahlenden Gewinner aus Washington Heights, über den seine Lehrerin berichtet, dass er ein hervorragender Tänzer und ein positives Vorbild für andere Jungen geworden ist. Ob der Schüler, den sie vorher aus dem Unterricht geschmissen hat, weil er sich weigerte, mit einem bestimmten Mädchen zu tanzen, diesem Vorbild folgen wird, bleibt zweifelhaft. Dass es nur Gewinner geben kann, wo es auch Verlierer gibt und das nicht jeder in New York lebende Dominikaner den Karriereweg zum Profitänzer einschlagen wird, scheint hier niemanden zu interessieren.

 

Festzuhalten bleibt, dass Mad Hot Ballroom gerade so aufschlussreich ist, weil er zeigt, was er zeigt. Im Guten wie im Schlechten. Der Film liefert eine eindrucksvoll dichte Darstellung der Welt der Kinder und zeigt die Metamorphose die diese durchmachen, um zur Welt der Erwachsenen zu gehören. Wichtige Zusammenhänge in der Welt der Erwachsenen übersieht er dabei allerdings geflissentlich.

 

Nicolai Bühnemann

 

Mad Hot Ballroom

USA 2005 - Regie: Marilyn Agrelo - Darsteller: Dokumentation - FSK: ohne Altersbeschränkung - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 105 min. - Start: 27.10.2005

 

zur startseite

zum archiv