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The Loyal 47 Ronin

 

Meisterliche Verfilmung des traditionellen japanischen Stoffes durch Kenji Mizoguchi.

 

 

Inhalt

 

Erster Teil: Asano, ein japanischer Fürst mit ungebärdigem Temperament, zieht am Hofe des Shogun das Schwert gegen Fürst Kira, nachdem ihn dieser provoziert hat. Eine unverzeihliche Verletzung des Protokolls: Asano wird zum Tode durch Seppuku verurteilt, obwohl es heftigen Widerspruch gibt. Seine Samurai sind jetzt Entehrte, Ronin, die ihr Gesicht nur durch Rache am ungeliebten Kira wiedergewinnen können. Doch der Verwalter von Asano, Oizo, mahnt sie zur Besonnenheit: Noch sei nicht alles entschieden - zwar werden Haus und Hof von Asano beschlagnahmt, doch besteht Hoffnung, dass sein Sohn und mithin der Clan etabliert werden könnte. Ein zermürbendes Warten beginnt, doch Oizo gelingt es, 47 treue Samurai zu überzeugen, dass er, wenn der richtige Zeitpunkt da ist, Rache nehmen wird, um das Ansehen des Herrn wiederherzustellen. Die Gruppe unterzeichnet einen Eid in Blut und zerstreut sich in alle Winde. Oizo, immer wieder von anderen zur Tat bedrängt, verbringt seine Zeit scheinbar gleichmütig beim Saké und in Bordellen. Schließlich verlassen ihn Frau und Kind.

Zweiter Teil: Nachdem die Rehabilitierung von Asanos Sohn abgelehnt wird, beschließt Oizo, Kira während eines No-Spiels zu töten, wird aber von einem befreundeten Lehensherrn daran gehindert, der ihn darauf hinweist, dass der Rache auf vorschriftsgemässe Art genüge getan werden muss. Drei Jahre nach Asanos Tod versammelt Oizo nach einem Besuch bei der noch immer verzweifelten Frau seines Herrn den Trupp der 47 um sich und begeht Rache. Sie bringen den Kopf des toten Kira zum Grabmal ihres Herrn und stellen sich dann der Gerichtsbarkeit. Diese, angetan von der Loyalität und Beharrlichkeit der Ronin, verurteilt sie ebenfalls zu Seppuku anstelle des wesentlich weniger ehrenhaften Hängens. Glücklich gehen sie in den Tod, gemeinsam mit einer jungen Frau, der einer der Ronin die Heirat versprochen hatte, um Einlass an Kiras Hof zu erhalten. Nach einem Fest am Vortag erfüllen sie, einer nach dem anderen, in rituellen Kimonos ihre Pflicht, Oizo, ihr Meister, als letzter.

 

 

Kritik

 

Wie ein nahtloser Übergang aus dem Rollbild des Vorspanns beginnt Kenji Mizoguchis Meisterwerk mit einem aus einer getragenen, gleitenden Kamerafahrt brechenden Eröffnungsszene Akt der peinlichen Gewalt, der wegen Etiketteverstoß zum seppuku führt. The Loyal 47 Ronin, der Größte unter den chambara-Filmen enthält gar keinen wirklichen Schwertkampf: stattdessen zermürbende Verhandlungen, Irrwege, Täuschungsmanöver rund um einen dem Europäer großteils fremden Ehrenkodex. Die Geschichte, basierend auf einem wahren Ereignis, kennt in Japan übrigens jedes Kind: Sie ist dort so allgegenwärtig wie bei uns Winnetou oder in Frankreich Die drei Musketiere.

Mizoguchi, ansonsten eher Chronist von Frauenschicksalen, wusste mit der Kriegsära und ihren propagandistischen Aufgaben wenig anzufangen: Nur eine Handvoll Werke drehte der ansonsten äußerst produktive (manchmal bis zu vier Filme im Jahr) Regisseur zwischen 41 und 45, Titel wie The Swordsman oder The Famous Sword Bijomaru sprechen für sich. Die Legende von den 47 Ronin, in Japan Stoff unzähliger Bilder, Stücke und Filme mit ihrer Erzählung von unbedingtem Gehorsam, passte dabei gut ins Bild. Dass Mizoguchis bewusst auf Kampszenen verzichtende Inszenierung beim japanischen Publikum, dass die Schlachten eines üblichen chambara-Schwertkampffilms erwartete, auf wenig Gegenliebe stieß, tat dabei nichts zur Sache. Obwohl der erste Teil - eine Woche vor Pearl Harbor in den Kinos - floppte, begannen die Dreharbeiten zum zweiten Teil (der dann ein zweites Studio fast in den Ruin trieb) und brachten Mizoguchi eine Medaille für seinen patriotischen Dienst ein.

Und trotzdem wirkt dieses gigantische, perfekte Gebäude von einem Film bis heute nicht wie das, was man sich unter einem Propagandafilm vorstellt. Schon zwei Jahre vorher, in The Story Of The Last Chrysantemums hatte Mizoguchi seinen legendären Stil des one-cut-one-scene (also eine Szene in einer langen Plansequenz ohne Schnitte zu drehen), perfektioniert. In The Loyal 47 Ronin, der oft der japanischste unter seinen Filmen genannt wird, formt er daraus eine Architektur monumentaler Symmetrien, die einen eigenen, hypnotischen Reiz entwickelt.

Seine Spannung bezieht dieses fast vierstündige Epos in zwei Teilen nämlich nicht aus der Handlung (die, wie gesagt, im Herkunftsland ja ohnehin jedem bekannt ist), sondern aus dem Arrangement von Figuren und Raum. Wenn gleich zu Beginn etwa Fürts Kira mit einem zweiten Herrn gemessenen Schritts einen Hofgang in Richtung Kamera entlangschlendert und dabei abfällige Bemerkungen über Asano fallen lässt, so erhebt sich zuerst langsam eine statuengleich sitzende Figur im Hintergrund, schreit auf, zieht das Schwert und setzt hinterher, um Kira hinterrücks zu attackieren. Es handelt sich um die fatalen Tat, die die Ereignisse auslöst und die Aufgabe von Distanz (wie auch Etikette) während der unselige Asano Richtung Kamera zurennt, erzählen ebenso vom Verlust der Würde wie von der Akkumulierung von Emotionen im Raum. Aus der strengen, klaren Komposition wird zunehmend ein Haufen von Körpern, die sich um die Streithähne scharen und Asano zurückhalten. Mizoguchis Blick auf die Ereignisse bleibt dabei stets klar und objektiv: Weder bei diesem noch bei späteren Akten bezieht er emotional Stellung, es bleibt dem Zuseher überlassen, die ritualisierten Taten mit Gefühlen zu ergänzen.

Darum funktioniert The Loyal 47 Ronin auch für den Zuschauer, der - wie Ihr Rezensent - mit den Details der höfischen Codes und vorgeschriebenen Umgangsformen im feudalen Japan nicht vertraut ist. Mizoguchi übersetzt seine Erzählung in den Raum: Während der zahlreichen, oft fünf Minuten am Stück langen Szenen, in denen zumeist nur geredet wird, verändern die Figuren immer wieder ihre Stellung zueinander. Manchmal knien gewisse Personen vor anderen oder halten Respektabstand (als Oizo nach mehreren Jahren Asanos Frau wiedertrifft, bleibt er in einem anderen Raum sitzen, die beiden können sich nur über die Türschwelle hinweg sehen - Mizoguchis Inszenierungskunst organisiert sich rund um solche Abgrenzungen und Blockaden). Ebenso wie die Kamera: Oft folgt sie einer Figur, die die Szene betritt, sieht ihr zu, wie sie sich niedersetzt und zu reden beginnt und wird dann vielleicht subtil eine kleine Umstellung vornehmen, vielleicht ein bisschen so zur Seite fahren oder zurückweichen, dass eine weitere Figur sichtbar wird und die Komposition neue Bedeutung erhält oder das Arrangement der Figuren im Bild aus einer anderen Perspektive erfahrbar wird. Das langsame, majestätische Tempo (das nur ganz selten wie in der oben erwähnten Anfangsszene von raschen Bewegungen im Raum ducrhbrochen wird) erweist sich dabei als Vorteil des Films. Zum einen sind Mizoguchis archtitektonische Anordnungen im Raum so klar, dass selbst minimale Veränderungen eine Art vibrierenden Sog erzeugen, zum anderen wird durch den grandiosen Stillstand der Druck, der auf den Samurai und besonders ihrem Anführer Oizo, der immer wieder zur Mäßigung drängen muss, obwohl auch ihm der Sinn nach Rache steht, lastet, erfahrbar. Je länger der heißersehnte Befreiungsschlag ausbleibt, desto unerträglicher wird das zermürbende Gefühl der Erniedrigung und Machtlosigkeit, zugleich formt die gehaltene Gangart in ihrer prächtigen Eleganz das Äquivalent des beherrschenden, ehrenvollen Codes, dessen Befolgung nötig ist. In Mizoguchis Filmen drückt sich die Handlung im Stil aus, auch darin ist er ein Traditionalist, der sich auf die Malerei und Bühnenkunst seine Landes beruft.

 

In Gestalt der Hauptfigur Oizo erzählt The Loyal 47 Ronin vom Widerspruch zwischen Individualität und sozialem Gehorsam - mit der Gelassenheit des Kriegers befolgt Oizo die Codes, nach denen er erzogen wurde und versucht zugleich, auch die langsam neu hereinbrechenden Werte der Genroku-Ära (um 1700) zu akzeptieren. Nach getaner Aufgabe verbietet er den Samurais, gleich hier an der Grabstätte des Herrn Selbstmord zu begehen, stattdessen überantwortet er sie, sich eingeschlossen, der neuen Gerichtsbarkeit. Die Befolgung der Regeln, auch unter schwierigsten Umständen, nach klarer Rationalisierung: Das hagakure gibt den Ton vor. Unter diesem Gesichtspunkt muss man auch den Verzicht auf Gewalt (die ja in Mizoguchis späteren Werk durchaus auftrat) sehen: Dem Zuseher wird die Befriedigung des herausbrechenden Racheakts verweigert (jeder der zwei Teile hat allerdings kurz nach Beginn eine kleine Kampfsequenz, am Anfang des zweiten Teils ist einer der beiden Kämpfenden bezeichnenderweise in vollem No-Kostüm, auch hier: äußerste Stilisierung und Zurücknahme), da er nicht das wahre Ziel der Figuren ist, sondern die Wahrung des Protokolls. Vom erfolgreichen Überfall auf Kira erfahren wir über den Bericht eines Boten an Asanos Frau, allein an ihrer (durch höfische Regeln gemäßigten) Reaktion können wir den befreienden Aspekt ablesen.

Gewissermaßen die Subjektivierung des Objektiven trägt der Zuschauer zum Film bei (wer es nicht tut, wird sich wohl in gelangweilter Distanz abwenden): Am Ende des ersten Teils, in einer meisterlichen Plansequenz, sehen wir, wie Oizo und Sohn von Frau und Tochter verlassen werden: Ein langsames Besteigen von Sänften, die sich aus dem Bild zu entfernen beginnen, der Sohn und Oizo betreten schließlich den Rahmen und blicken mit dem Rücken zum Zuschauer den Entschwundenen nach - fast völlig frei von identifikationsträchtigen Großaufnahmen, oblässt es Mizoguchi dem Zuseher die emotionalen Geschehnisse aufzuladen.

Besonders kunstvoll dabei nicht nur die narrative Organisation des Raums (in dem Schrägen, Personenmuster und immer wieder durch Wandschirme abgeblockte, vorläufig nicht einsehbare Bereiche eine große Rolle spielen), sondern auch die nachgerade metaphysisch verrinnende Unerbittlichkeit der Zeit. Obwohl Kiras nahender Rückzug in die sichere Heimat immer drohender über den Geschehnissen schwebt, verzeichnet Mizoguchi unbarmherzig die zermürbenden Notwendigkeiten langer Gespräche, in denen sich die Figuren zu überzeugen suchen (die Zeitsprünge in der Handlung verkünden Zwischentitel): The Loyal 47 Ronin formt als einer der ganz wenigen Filme dieses Erdballs eine absolut makellose Welt für sich, deren Fremdheit überwältigende Dimensionen annimmt. Wenn am Ende der Subplot um die verlassene Geliebte eines der todgeweihten Samurai in einer gut halbstündigen Szene von Agonie in ehrerbietiges Glück und letztendlich in den unvermeidlichen Tod kippt, bleiben die Charaktere noch immer gemessen, auf Formelhaftigkeit bedacht. Aus der Diskrepanz erwächst eine Verzweiflung, der die Identifikationsstrukturen des normalen Kinos nichts entgegenzusetzen haben. Mizoguchi lehrt in diesem Film nicht nur den Raum neu zu sehen, er arrangiert ihn so zwingend, dass seine fiktive Erzählung nachgerade der einzige Weg scheint, die inneren Regungen und äußeren Pflichten seiner Figuren ohne einen Moment der Beeinflussung zu dokumentieren. Wie die sterbende Frau im Triumph ihres Endes sagt: "the lie has become the truth."

 

 

Fazit: Eines der reinsten Meisterwerke der Filmgeschichte: Dei Erzählung von Loyalitätskonflikt und blutiger Rache (ohne letztere zu zeigen) als funkelnder Kristall von gemessener Distanzierung und zermürbender Verzweiflung in perfekt gemeißelter Eleganz.

 

Christoph Huber, 13.11.2000

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in:  videoFreak.net

 

 

The Loyal 47 Ronin 

Genroku chushingura

Japan 1941

Genre: Drama

Mit: Chojuro Kawarasaki, Kunitaro Kawarazaki, Mitsuko Miura 

Regie:  Kenji Mizoguchi

 

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