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Lost in Translation

 

Hier ist der zweite Versuch einer Kritik an „Lost In Translation“. Der erste war zur Hälfte eine unwissentliche Kritik am Filmvorführer, der das falsche Bildformat gewählt hatte, so dass mich die ganze Zeit das Mikrophon über den Köpfen gestört hatte. Ich bezichtigte Sofia Coppola der Lieblosigkeit, aber in Wirklichkeit war das Capitol in Göttingen (SCHANDE ÜBER DICH, CAPITOL IN GÖTTINGEN!) lieblos...

(Wie ich immerhin gehört habe, ist es einer Dame aus dem restlichen Bundesgebiet aber in einem heimischen Kino genau so ergangen: Too much MIKRO)

 

Old Boy meets Young Girl. Diesmal nicht midlifemäßig von einem alten Mann gedreht, der wenigstens noch in seinen Filmen junge Mädchen treffen will, sondern andersrum, von einem jungen, etwa dreißigjährigen, Mädchen, Coppola, richtig getippt – die - was eigentlich, wo sie doch alles hat, auch im Film? (Vater, Langeweile, Geld, Gatte)  –zumindest im Film einen zweiten Vater findet, der ihr diesen traurigen Ort, namens „Welt“ erklären könnte (Bill Murray): Seien wir dabei vorsichtig, denn zu konkrete oder gar eindeutige Aussagen, Handlungen, Erklärungen könnten darüber hinwegtäuschen, dass „Lost In Translation“ Kunst ist. Und „Kunst“ ist wie wirkliches Leben. Und wirkliches Leben ist zweideutig, unerklärlich, eher fühlbar, als verbalisierbar. Das ist der Grund dafür, dass Murray so viel schweigt, und lieber an seinem Whiskey nippt. Denn Murray ist authentisch. Und Scarlett Johansson ist authentisch, wenn sie mit ihren (aufgespritzten?) Lippen lächelt. Das Lächeln einer Japannacht, die nicht endet. Denn sie fühlt, was er fühlt: Dubios. Wir zwei. Allein. Zuhaus im Hotel. Und Tokio heißt Warten in einer Vorhölle.

 

Ein bisschen sexy ist sie aber schon, OBWOHL sie so erfrischend unangepasst (da zu wenig magersüchtig) ist. Ein bisschen sieht man ihm seine jahrzehntelangen sexuellen Eskapaden (Erfahrung) schon an (Murray, nach all den Jahren fast schon eine mürrische Toten-Maske), obwohl seine bevorzugte männliche Handlung nur noch in diesem Nippen in Nippon besteht: am Whiskey. Wie weise, abgefuckte Väter es eben gerne tun. Es KÖNNTE was gehen – zwischen zwei Schlucken - , muss aber nicht. Denn darum geht’s eigentlich nicht wirklich.

 

Kurz: Wir Zuschauer sind nicht allein. Weil sie, unsere beiden weißen – je weniger sie reden, desto mehr fühlen sie - Symphatieträger mit uns sind, und wir mit ihnen: allein zuhaus im Hotel in diesem merkwürdigen, merkwürdigen Japan, brauchen wir uns nicht zu fürchten vor diesem psychopathischen Menschenschlag namens Japaner, die spielsüchtig sind, sexsüchtig sind, Sadomasosex für Standardsex halten und Regieanweisungen für einen Whiskey-Werbespot geben, die unübersetzbar sind: Nicht nur, dass der Japaner sein Amerikanisch sträflichst vernachlässigt, er ist auch nicht ins Amerikanische übersetzbar, da uns Amerikanern seine pathologische Exotik fremd ist, naturgemäß sein muss, krank, wie sie ist, gesund, wie wir sind. Lost in Translation – wer oder was dabei aber verloren geht, wenn man ein Land nicht verstehen will – ist für Coppola man selbst, nicht das Land. Sowas nenne ich konsequente Egozentrik.

 

Mit den Unseren können wir zwar noch amerikanisch reden, aber andere Probleme tun sich auf: Es hapert an deren Sensibilität. Nicht, dass wir uns die Deppen von Ehepartnern nicht selbst ausgesucht hätten, hm... ist halt dumm gelaufen, aber irgendwie ist es sehr unbegreiflich. Bleibt nur, sich zu besaufen auf der Japaner-Party mit Karaoke. Einen geilen Musikgeschmack hat der Japaner ja schon. Und hier der lebendigste Augenblick des Films: Murray ist plötzlich wirklich der gebrochene Kerl, für den ich ihn seit „Täglich grüßt das Murmeltier“ halte und singt Roxy Music’s: „More Than This“ mit einer schrägen, schönen und traurigen Wahrhaftigkeit, die den ganzen Rest des Films Lügen straft. So, als hätte er mal Johnny Cash gehört...

 

In „New Yorker Geschichten“, diesem Episodenfilm von Woody Allen, Francis Ford Coppola und Martin Scorsese, bringt Francis Coppola, der Vater von Sofia, eine Episode unter über ein kleines Prinzesschen von etwa 11 Jahren (gespielt von einer Coppola-Nichte), die, verklärt, verzaubert und verwöhnt, uns entführt in ihre fabelhafte Welt von Manhattan (mit Chauffeuren, Dienern, Kindermädchen etc.), ein für Francis Coppola ganz kitschiges Produkt. Auffallend dabei: Die Abwesenheit von Eltern, Menschen, die man verstehen kann, die verstanden werden könnten. Die Diener, Chauffeure des Kindes Sofia als schlechte Übersetzer eines abwesenden Vaters.... Sofia, allein zuhaus? – in Manhattan, Hollywood, Tokio? Und dann ist der Vater (Bill Murray) plötzlich da? Endlich jemand, der mit ihr redet?

 

So rührend eine father-and-child-reunion auch sein mag, sie trägt nicht einen ganzen Film, der das Fremde nur zum gemeinsamen Widerpart, zum Negativkonsens degradiert. Da draußen ist die Hektik und Kälte und Verrücktheit, wir aber finden zu einander, weil wir ganz anders, besser, sind. Zu gut für diese Welt. 

 

„Just like Honey“ von The Jesus and Mary Chain fand ich schon 1987 super. Der Film kann dem Song nichts anhaben, im Gegenteil. Das Ende von „Lost in Translation“ ließ mich ihn ganz neu entdecken: Wuchtig der Sound, wuchtig und durch die Musik auf einmal präsenter als in allen Momenten zuvor: Tokios kolossale Straßenschluchten. Ein schönes Musikvideo ist der Schluss. Überhaupt ist die Musik (u.a. von Air und Peaches) das Beste an „Lost in Translation“.

 

Andreas Thomas, im Februar 2004

 

Dieser Text ist erschienen in der: www.filmzentrale.com und bei: ciao.de

 

 

Lost in Translation - USA / Japan 2003 - Regie: Sofia Coppola - Darsteller: Bill Murray, Scarlett Johansson, Giovanni Ribisi, Anna Faris, Fumihiro Hayashi, Akiko Takeshita, Catherine Lambert, Yutaka Tadokoro - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 6 - Länge: 102 min. - Start: 8.1.2004

 

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