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Little Children

Trouble in Paradise

 

Der Mensch in artgerechter Haltung: genug Essen, genug Auslauf, keine Freßfeinde, Kontaktmöglichkeit mit Artgenossen. Das ist Suburbia, die ideale Welt der amerikanischen Mittelklasse, mit grünen Gärten, hübschen Häusern, großen Autos und gutsituierten Menschen darin. Ein Klischee, dessen Demaskierung ebenfalls längst Klischee geworden ist. Deswegen versucht man seit einiger Zeit, die Demaskierung affirmativ zu gestalten und die Affirmation demaskierend. "American Beauty" fand in einer Welt aus lauter mentalen Zombies dann doch echte Liebe und wahre Schönheit, wenn auch in Gestalt eines Drogendealers und einer fliegenden Plastiktüte. Sieben Jahre später ist die Welt ein Stück bedrohlicher geworden, da erscheint Suburbia ein Stück verlockender, auch wenn dort nach wie vor der Schrecken haust.

 

Todd Field, der 2001 mit "In The Bedroom" einen enormen Arthouse-Erfolg landete, erzählt in seinem Film von einer Gruppe von Menschen irgendwo in Upstate New York, also im schönen Hinterland, wo jene Leute wohnen, die zumindest finanziell keinerlei Probleme kennen. Eine nicht unbedingt unglücklich, aber sehr langweilig verheiratete junge Mutter, gespielt von Kate Winslet, geht jeden Tag mit ihrer Tochter auf den Spielplatz und findet keinerlei Gemeinsamkeit mit den Mutterschiffen, die sich dort samt Nachwuchs versammeln. Ein gutaussehender Hausmann, dessen umwerfend hübsche Gattin (die immer etwas hungrig aussehende Jennifer Connelly) als Dokumentarfilmerin das Geld nach Hause bringt, guckt lieber jeden Abend den Skaterboys zu, als für die dritte Chance aufs Jura-Examen zu lernen. Ein fürchterlich verhärmter Gnom, der sich leider übermäßig für Kinder interessiert, zieht wieder bei seiner Mutter ein, und diese wird schon bald ihres Lebens nicht mehr froh, denn ein netter, aber ziemlich psychotischer Ex-Cop gründet im Alleingang eine Bürgerinitiative und macht ihr das Leben zur Hölle.

 

Ein ironisch-distanzierter Erzähler führt durch das Geschehen, und wenn nochmal jemand behauptet, eine Off-Stimme sei "unfilmisch", dann soll er selber mal den Mund halten, denn die Kommentare des Erzählers gehören zu den spannendsten und doppelbödigsten Momenten des Films. Spätestens da drängt sich auch der Verdacht auf, man habe es mit einem Update von "American Beauty" zu tun - ein Off-Erzähler, innerlich ausgehöhlte Menschen mit intakter Oberfläche im Grünen, dazu eine Kamera von kristallklarer Eleganz und die spröde Musik von Thomas Newman, der mit seinen Zupf- und Schlaginstrumenten ein klares Gegenmodell zu den üblichen Kuschel- und Überwältigungssoundtracks entwirft.

 

Field nähert sich seinen Figuren mit genau derselben Mischung aus Offenheit, Zuneigung und Hinterlist. Viele Szenen sind ziemlich komisch, gerade weil sie einen Blick auf tiefere Wahrheiten zulassen. Manchmal, wenn zum Beispiel eine Runde von kulturbeflissenen älteren Damen sich an der Frage entzweit, ob Madame Bovary sich richtig verhalten habe, entsteht eleganter verbaler Slapstick - manchmal, wenn dann der Kinderschänder auf einmal mit Taucherbrille und Flossen im Freibad auftaucht, wächst es zur surrealen Satire. Field führt seine Figuren geschickt durch ein Labyrinth aus gegenseitigen Abhängigkeiten, unerfüllten Wünschen und Träumen, er wird unterstützt von einer treffsicheren Kamera und einem traumhaften Sounddesign, wo das Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges, das durch den ganzen Film immer wieder zu hören ist, für die Flucht in eine andere Welt steht, zu der keiner der Charaktere sich wirklich aufzuschwingen traut. Wie auf einem Karussell kommen sie alle immer wieder vorbei, es gibt keine klare Hauptfigur, sondern einen Reigen aus gleichwertigen Figuren, auf die das Interesse sich gleichmäßig verteilt. Und dieser Überblickscharakter wird dann irgendwann auch zum Problem - weil er nicht wirklich weiß, was er will, braucht der Film sehr lang, und als es am Ende doch noch dramatisch werden soll, wird es teils didaktisch und teils unglaubwürdig - sind wir nicht alle Kinder? Sind unsere Figuren nicht allesamt Teilaspekte eines kindlichen Auf-Andere-Angewiesenseins? Ja, das hätte man sich wohl auch denken können.

 

Soviel zum Film. Eine gänzlich andere Sache ist der Trailer zum Film. Der ist einfach umwerfend. Da scheint es mittlerweile Leute zu geben, die nur dafür zuständig sind, aus Filmmaterial unglaubliche Trailer zu schneiden. Es ist eine assoziative Montage, die in 90 Sekunden einen unheimlichen Sog entwickelt, in der jedes einzelne Bild wie ein Meisterwerk aus einer anderen Welt wirkt. Da zeigt sich wieder mal, daß Schnitt, genauso wie Schreiben, aus zwei Komponenten besteht, die nicht viel miteinander zu tun haben: Das eine ist die große Architektur der Geschichte, die Dramaturgie - das andere ist der Rhythmus, der Flow, der Dialog. Ersteres ist im Film beachtlich, letzteres auch okay. Der Trailer kennt ersteres nicht und hat dafür Freiheit, ein kleines Meisterwerk der Schnittkunst zu erschaffen, das in 90 Sekunden mehr Gänsehaut erzeugt als der Film in zwei Stunden.

 

Dietrich Brüggemann

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: schnitt

 

Little Children

USA 2006 - Regie: Todd Field - Darsteller: Kate Winslet, Patrick Wilson, Jennifer Connelly, Noah Emmerich, Jackie Earle Haley, Gregg Edelman, Sarah Buxton, Sadie Goldstein, Ty Simpkins - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 16 - Länge: 136 min. - Start: 26.4.2007

 

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