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Lily was here

 

Ein sympathischer, moralisch bekümmerter, aufrichtiger und märchenhafter Film des Niederländers Ben Verbong (DAS MÄDCHEN MIT DEN ROTEN HAAREN, DER SKORPION.) - Die siebzehnjährige Lily wird das Opfer von Gewalt. Ihr Freund, ein Ausländer, wird von holländischen Rassisten totgeschlagen. Ihr Stiefvater belästigt sie sexuell. Sie verläßt das Elternhaus, das eine Hölle der Wohlanständigkeit (und des Fernsehkonsums) ist, und fährt in die große Stadt. Was ihr bleibt, ist das Kind, das sie unter dem Herzen trägt. Der Mann, der sich dort um sie kümmert, ist ein Zuhälter.

 

Von einer Hebamme über das Wunder embryonalen Wachstums aufgeklärt, verläßt sie angewidert das Bordell, um sich zum ersten Mal in ihrem Leben für etwas anderes verantwortlich zu fühlen: für das werdende Kind. Freilich braucht sie Geld, um dem Wunder der Schöpfung ein angemessenes Zuhause zu bieten (Geburt im Krankenhaus, sonniges Kinderzimmer, freie Zeit für mütterliche Zuneigung). Jetzt ist sie es, die Gewalt ausübt. Schwanger bis hochschwanger begeht sie einen Raubüberfall nach dem anderen, bis die Geburtswehen einsetzen - in einem unterirdischen Betriebsraum der U-Bahn. Selig gluckst und schmatzt das Baby, untermalt von alten Musiktiteln der Eurythmics. Und Lily ist nicht mehr allein. Die Hebamme zeigt Frauensolidarität, und darüberhinaus hat Lily gar noch einen Mann gewonnen, den sie lieben kann. Dem Happy-End steht nichts im Weg.

 

Das Hohelied der Mutterschaft, gesungen von einer jugendlichen Gewalttäterin: Regisseur Verbong hat abseits der modischen Trends geradezu rührend altmodische Fragen aus der Tradition des Erziehungsromans gestellt. Die Schwangerschaft versinnbildlicht den Prozeß des Reifens und Erwachsenwerdens - und des Übernehmens von Verantwortung. Das Wunder des menschlichen Werdens ist der Mutter ganz nah, und doch scheint es, wenn die Hebamme die ersten Zuckungen des Fötus auf dem Monitor zeigt, aus einer anderen Welt zu kommen. Ja, Lily erfährt Unterweisung und Hilfe von einer mütterlichen Freundin (und einem väterlichen Freund).

 

In Verbongs auf die Schauspieler konzentrierter Regie verschwindet die Realität (und damit auch das Kriminelle der Protagonistin) zugunsten einer parabel- und märchenhaften, das Nachsinnen befördernden Darstellung. So vermeidet der Film sorgsam, sich geografisch festzulegen. Das Mädchen fährt in „die" Großstadt, trifft „den" Zuhälter, verläßt „das" Bordell und raubt „den" Laden aus (eine Kuscheltierboutique in einer Ladenpassage). Da die Schauspieler exzellent geführt sind (man mag nicht glauben, daß die Darstellerin der Hauptrolle keine professionelle Schauspielerin ist), entwickelt sich auf dem durch die Abstraktion gewonnenen Platz ein intensives, den Zuschauer einbeziehendes Spiel. Freilich setzt dies voraus, daß man seine Freude an Kostümen und Accessoires hat, die ihrerseits mitspielen. Lilys Graue-Maus-Ausstattung verwandelt sich während des Films kontinuierlich in knalliges Rot.

 

Auch darf man nicht zurückzucken, wenn es wieder und wieder regnet und die Kamera auf Lilys Gesicht die Schatten der Tropfen zeigt, wie sie draußen an der Scheibe hinunterlaufen. Denn dieser Regen ist - eine Gewißheit, die tröstet - immer nur ein Bild, und zwar auch dann, wenn er musikalisch daherkommt, gar wenn Annie Lennox eine neue Version des alten Eurythmics-Hits „Here comes the rain again" zum besten gibt. Der Trost des Melodrams bedeutet uns, daß alles besser sein wird.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 11/90

 

 

Lily was here

DE KASSIERE - LILY WAS HERE

Niederlande 1989. R, B: Ben Verbong. B: Sytze van der Laan. K: Lex Wertwijn. Sch: Tond de Graaff. M: David A. Stewart. Ba: Dorus van der Linden. A: Willem de Leeuw. Ko: Yan Tax. Sp: Harry Wiessenhaan. Pg: Movies Film Productions. P: Chris Brouwer, Haig Balian. 0 Delta. L: 112 Min. FSK: 16, ffr. St: 1.11.1990. D: Marion van Thijn (Lily), Thom Hoffman (Arend), Monique van de Ven (Hebamme), Coen van Vrijberghe de Coningh (Ted), Truus te Selle (Mutter), Con Meyer (Jake), Dennis Rudge (Alan), Adrian Brine (Kommissar Doesburg), Yvonne Ristie (Rita).

 

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