zur startseite

zum archiv

Lilja 4-Ever

Der ultimative Weihnachtsfilm

 

Der ultimative Weihnachtsfilm ist "Lilja 4-ever" ganz sicher nicht. Oder doch, vielleicht gerade? Weihnachten ist für gewöhnlich die Zeit, in der entweder Blockbuster laufen ("Harry Potter", "Herr der Ringe") oder herzige Wohlfühlfilme ("Buddy, der Weihnachtself" und "Tatsächlich...Liebe"), wobei das überhaupt nichts über die Qualität der genannten Filme aussagen soll. "Lilja 4-ever" ist das krasseste Kontrastprogramm, das man sich überhaupt vorstellen kann, aber vielleicht gerade deshalb wichtig - und erfolglos, versteht sich, zumindest läuft der Film hier in Leipzig schon in der zweiten Woche nur noch in einem winzigen Kino, und bei Ciao schreibe ich gerade den zweiten Bericht, während etwa zum dritten Teil der "Matrix" schon nach einem Tag etwa 35 Rezensionen existierten. Gerade deshalb muß ich aber auch diesen Bericht schreiben, denn ich möchte diesen Film wirklich jedem nahelegen. Keine leichte Kost, gewiß, aber unglaublich dicht, vielschichtig und ergreifend ist "Lilja 4-ever", bestes Kino im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Der Film beginnt mit der üblichen Einblendung: "Memfis Film presenterar", Schnitt, eine junge Frau läuft wie gejagt durch eine anonyme westliche Großstadt, Musik von Rammstein ertönt, die schreiend betonen, daß ihr Herz brenne. Nach einer Filmminute steht besagte junge Dame in offensichtlicher Suizidabsicht auf dem Geländer einer Autobahnbrücke, wieder Schnitt, Titeleinblendung, Rückblende um drei Monate nach hinten. Dieser Beginn wirkt alleine schon wie ein Faustschlag, weil er so abseits von allem ist, das man als Filmbeginn erwartet, weil er so absolut trostlos ist und weil ein Film, dessen Titel Ewigkeit verspricht, sicher üblicherweise nicht so endet. Keine Angst, "Lilja4-ever" ist durchaus ernst gemeint, so viel darf verraten werden, aber wie die Skandinavier eben so sind (vergleiche etwa "Dogville" des Lars von Trier), ist das Ende ihrer Filme häufig zynisch.

 

Aber nun zur "normalen" Inhaltangabe: Worum geht es? Lilja ist 16 Jahre alt und lebt in einem trostlosen und verfallenen Vorort irgendwo in der ehemaligen Sowjetunion zusammen mit ihrer Mutter. Diese entschließt sich, mit ihrer neuen Liebe in die Vereinigten Staaten auszuwandern, Lilja freut sich, erfährt dann aber, daß sie alleine zurückbleiben und später nachgeholt werden soll. Wütend zerreißt sie das Foto ihrer Mutter... und ihre Tante zwingt sie mit sanfter Gewalt, aus der Wohnung aus- und in eine kleine, schäbige Bude einzuziehen, da das Geld für die große Unterkunft nicht reiche. Natürlich wohnt wenige Tage später die Tante in Liljas alter Wohnung... und ebenso natürlich schreibt die Mutter nicht und ruft auch nicht an, trotz ihres Versprechens. Lilja muß sich alleine durchschlagen, als sie eines Tages doch eine Nachricht im Briefkasten findet: Die Mutter hat geschrieben, aber nicht ihr, sondern dem Sozialamt, und auch kein Flugticket geschickt, sondern nur eine kurze Notiz, daß Lilja immer schon ungewollt gewesen sei, sie sich nicht mehr um ihre Tochter kümmern wolle und dem Amt die Fürsorge übertrage. Und das ist erst der Anfang... wie es weitergeht, solltet Ihr selbst sehen. Lilja hat einen ungebrochenen Lebenswillen, will sich durchbeißen, und in all dem Elend gibt es immer auch positive Dinge, an denen sie sich festhalten kann, etwa ihren besten Freund Volodya, einen 13jährigen Jungen, der von seinem Vater regelmäßig aus der Wohnung geschmissen wird, bei ihr Unterschlupf findet und sich dafür mit Klebstoff zum Schnüffeln revanchiert.

 

Was den Film wirklich auszeichnet, ist sein Realismus. An keiner Stelle hatte ich das Gefühl, daß das alles nur noch Film sei, übertrieben und überzeichnet um des pädagogischen Effekts willen. Selbst Dinge, die in vielen Filmen kitschig und überzogen wirken, sind hier echt (Volodyas Kostüm am Ende sei als Beispiel genannt), und genau das macht auch den Effekt des Films auf die Zuschauer aus. Meine Nachbarn im Kino haben nach ca. 20 Minuten aufgehört, Popcorn zu essen, und das kann ich gut verstehen. Dies ist kein Wohlfühlfilm, aber dafür einer, der dem Zuschauer seine Themen erbarmungslos und unausweichlich näherbringt. Getragen wird er von einem hervorragenden Drehbuch, das die Steigerung von Spannung und Tragik fein ausbalanciert und so bis zum Schluß den Spannungsbogen aufrecht erhält, von einer Regie, die nuanciert und nicht polemisch inszeniert, nicht kommentiert, sondern durch einfaches Abfilmen um so größere Wucht entfaltet (und das "einfache Abfilmen" heißt nicht, dass keine Kunst vorhanden wäre!), und vor allem auch durch zwei Schauspieler, die bisher noch in keinem Film zu sehen waren. Oksana Akinshina als Lilja spielte bisher nur einen einzigen Film ("Sisters"), den ich nicht kenne, und Artyom Bogucharsky als Volodya ist bisher überhaupt noch nicht auf Zelluloid gebannt worden. Dennoch spielen beide, als hätten sie nie etwas anderes gemacht, so glaubwürdige Darsteller in derart schwierigen Rollen habe ich lange nicht mehr gesehen, und beide sind noch fast Kinder. Lukas Moodysson, der Autor und Regisseur, ist dagegen schon bekannt, er inszenierte bisher "Raus aus Amal" und "!Zusammen!", aber Warnung: "Lilja 4-ever" ist mit beiden Filmen nicht vergleichbar, höchstens von der Qualität her!

 

Insgesamt kann ich "Lilja 4-ever" wirklich nur uneingeschränkt empfehlen: Großartige Darsteller, tolle Geschichte, stringente Regie, wichtiges Thema, überzeugender Gesamteindruck. Die negativen Anmerkungen beziehen sich nur auf das Umfeld: Erstens ist die deutsche Freigabe ab 12 Jahren ein schlechter Witz. Man sieht zwar nie viel nackte Haut und keine explizite Gewalt, aber die psychische Wirkung halte ich für einen 12jährigen unzumutbar. Ich würde sogar eine Freigabe ab 18 beantragen, ab 16 ist aber wirklich das Mindeste (Vergleich: Der Film erhielt in Großbritannien, Schweden, Norwegen, Finnland, Neuseeland die jeweils strengstmögliche Freigabe). Zweitens wird im Vorfeld anstelle des üblichen Trailers ein Betroffenheits-Werbespot der Diakonie gezeigt ("was geht uns Prostitution und Menschenhandel an?"), der entweder an das Ende des Films gehört hätte, oder besser ganz weggelassen worden wäre. Nicht nur, daß er die Komplexität des Films auf eine billige Aussage verdichtet (das muss bei Werbung aber wohl so sein), nein, er vertraut nicht auf die Wirkung des Films, sondern muss explizit machen, was sich nach dem Film sowieso jeder Zuschauer gedacht hätte. Denn drittens schauen sich diesen Streifen sowieso wieder die falschen Menschen an, nämlich die, die auch vorher schon für das Thema sensibilisiert waren.

 

Ich rate Euch sehr, ins Kino zu gehen und diesen Film zu sehen, solange er noch läuft. Kein leichter Stoff, aber sehr, sehr lohnend!

 

Benjamin Stello

 

Dieser Text ist zuerst erschienen - unter dem Namen Rumbuff - bei: www.ciao.de

Zu diesem Film gibt es mehrere Texte im archiv der filmzentrale

 

Lilja 4-ever, Schweden 2002

Regie: Lukas Moodysson (Raus aus Amal, !Zusammen!)

Darsteller: Oksana Akinshina, Artyom Bogucharsky u.a.

109 Minuten, frei ab 12...

 

zur startseite

zum archiv