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Lilja 4-ever

 

Platte Bauten

 

Plattenbauten, platte Horizonte in den ehemaligen Sowjetrepubliken bieten keine Perspektiven. Selbst unsere Vorurteile wissen das. Redundant zeigt uns Lilja 4-Ever, was wir schon wissen. Immer wieder. Und gemeine russische Menschen, denn wer im Elend lebt, muss auch elendig gemein werden. Lilja leidet, was soll sie da auch sonst tun? Viel mehr fällt Regisseur Moodysson nicht ein. Was anderes als sich unwohl fühlen geht nicht da. Aber als wären wir alle taub oder blind muss Lilja (und ihre russischen Mitbürger) uns wiederholt einschärfen: „Hier ist es doch Scheiße!“ Weil wir es sonst nicht merken würden? Als wisse sie es erst, seitdem ihr angebliches Leben im Kino ist?

 

Machen wir uns nichts vor! Der dumme Kapitalismus hat den anderen Dummen, den Sozialismus, erledigt, und nun macht er, was er eben anlagegemäß schon immer getan hat: Die wertvollsten Rohstoffe vermarkten. Da aber die Infrastruktur in diesen abgelegenen Regionen disfunktional ist für den westlichen Markt, wird importiert, was kapitalsteigernd wirkt: die alleingelassene Lilja, einer der wenigen übrigen wertvollen, (da jünger als 14 oder so) Rohstoffe, - hat ja auch nicht viel zu gewinnen mit ihrem Klebstoff und ihrem Plattenbauleben, wenn keine Knete mehr kommt von ihrer in Amerika abhanden gekommenen Mama. Soll sie sich doch freuen, wenn man sie in ein vergleichsweise hübsches schwedisches Appartement sperrt und erektile Männer auf sie legt.

 

Funktionalität zeigt uns Lilja 4-Ever. Kapitalistische, die sich nur um den Marktwert von Liebe, whatever that means, kümmert. Ganz normale Schweineschweden zeigt uns der Film. Männer, die dauernd stöhnen und keuchen (wir sehen nur deren albernes Hecheln, obwohl uns der Anblick deren zynischen Penetrierens heller erleuchten könnte), weil sie sonst nicht kommen könnten. Auch die Russen tun das und alle Männer dieses Films. Und wir sehen Lilja. Davor oder danach. Mehr oder weniger unverändert. Auch nach dem ersten Mal. Der Film und wir setzen mit gemeinsamen Kräften voraus: Sie hat natürlich gelitten. Aber ihr Lächeln, das sie den ganzen Film nie ganz verlernt, bleibt das gleiche. Lilja bleibt die Gleiche. Nicht der Film, sondern wir müssen sozialorientierte Ergänzungsarbeit leisten, wo Lilja (die Darstellerin) nicht in die mimetischen Hufe kommt. Oder kommen soll? Den Gefühlsrest besorgt die Musik von Vivaldi und Rammstein, die Musik der bösen Orte im Film (Discos, Autos, ranzige Wohnungen) ist natürlich dumpfer Techno,- stimmt ja auch.

 

Die kapitalistische Welt fährt auf Klischees ab, auf einfache, platte Emotionen. Sie hat irgendwann früher sogar mal auch Kunst ermöglicht. „This is not the time to wonder“ ist vielleicht der aktuelle Befund. Also muss man die übrig gebliebenen Massen mit ihrem stumpfen Restbewusstsein mit Emotionskeulen zur Humanität inspirieren. Vielleicht muss man das. Vielleicht ist es so richtig, so wie Fahrenheit 9/11 von M. Moore. Für mich ist das kein Grund, den ersten Film über aus dem Osten verschleppte Liebes-Mädchen als wirklich gelungen zu bezeichnen. Ich glaube, es ist alles viel schlimmer als das. Das „Davor“, das „Danach“ und das „Darunter“ auch. Wenn aber nach dem Film einer von denen sich betroffen fühlen kann, die vorher eine dieser Frauen aus der ehemaligen UdSSR meinte, für 10 Minuten geliebt zu haben, können wir dann einen Erfolg verbuchen? Ist das so? Erkennen die Gewalt nur, wenn sie mild gezeichnet und dann mit weinenden Geigen unterlegt ist?

 

Der beste Erkenntnisgewinn: Der Vergleich: die jämmerliche innenarchitektonische Armseligkeit in den ehemaligen UdSSR-Republiken verglichen mit der Wohnungs-Armseligkeit unserer EU-Standards: Luxus, damit verglichen, unserer! Sieg! und Unheil!

 

Andreas Thomas

 

Zu diesem Film gibt es mehrere Texte im archiv der filmzentrale

 

Lilja 4-ever, Schweden 2002

Regie: Lukas Moodysson (Raus aus Amal, !Zusammen!)

Darsteller: Oksana Akinshina, Artyom Bogucharsky u.a.

109 Minuten, frei ab 12...

 

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