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Die Legende von Paul und Paula

 

 

 

Der Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker, höchstpersönlich ließ es sich nicht nehmen, die Geschichte von Paul und Paula einer genauen Prüfung auf Linientreue zu unterziehen. Zusammen mit etlichen Funktionären des Parteiapparates und staatlicher Stellen beäugte er – neben 400 „normalen“ Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik – Heiner Carows Machwerk. Carow (1929-1997) berichtete in einem Interview (auf der DVD, 30 Minuten) 1994 über das eisige Schweigen nach der Vorführung auf seiten der Nomenklatura und den frenetischen Beifall der übrigen Anwesenden. Obwohl der Film nur kurze Zeit zu sehen war und die DDR-Presse sich „eifrig“ über ihn ausschwieg, sahen ihn offenbar trotzdem Millionen Bürger der DDR. Inzwischen ist die „Legende“ selbst zur Legende, zum Kultfilm geworden – ein Film mit einer großartigen Angelica Domröse, die schlichtweg fasziniert.

 

Heiner Carow, der seinen „ewigen“ Traum von einem Film über Grimmelshausen nicht mehr verwirklichen konnte (er starb 1997), drehte u.a. in der DDR Filme wie „Sie nannten ihn Amigo“ (1959), „Das Leben beginnt“ (1960) und „Bis dass der Tod euch scheidet“ (1979).

 

„Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt,

sagt die Welt das er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt,

sagt die Welt es ist Zeit . . .
Meine Freundin ist schön,

als ich aufstand ist sie gegangen,
weckt sie nicht, bis sie sich regt,

ich hab' mich in ihren Schatten gelegt.“

(Wenn ein Mensch lebt, Die Puhdys)

Paula (Angelica Domröse) hat ein uneheliches Kind, mit dem sie allein lebt, und arbeitet in der Flaschenrückgabe eines Betriebes. Paula träumt von der großen Liebe und schert sich wenig um die Anforderungen, die der sozialistische Arbeiter- und Bauernstaat an seine Bürger stellt. Paul (Winfried Glatzeder) ist Staatsbeamter mit Karrieremöglichkeit. Paul träumt von der Ehe, der Konvenienz, einer Ehe, die seiner beruflichen Stellung angemessen ist. Das geeignete Objekt glaubt er in der Tochter eines Schießbudenbesitzers (Heidemarie Wenzel) gefunden zu haben: blond, hübsch, auf ihr Äußeres bedacht und nicht besonders helle. Beide heiraten, während Paula mal wieder Pech mit einem Mann hat, der ihr ein Kind macht und sich mit anderen Frauen vergnügt. Paula schmeißt ihn hochkant hinaus. Der Arzt in der Klinik (Rolf Ludwig) warnt sie, eine weitere Schwangerschaft würde sie nicht überleben.

 

Paula trinkt abends im Bett. In ihrer Verzweiflung beschließt sie, ein Fass aufzumachen, ein ganz großes. In einer Kneipe sieht sie Paul, er tanzt mit einer anderen, sie tanzt mit einem anderen, um beide ist es geschehen. Sie beginnen eine Beziehung. Paul, enttäuscht von seiner Ehe und seiner Frau, die ständig neue Liebhaber hat, wagt er es jedoch nicht, die Scheidung einzureichen. Das könne er sich in seiner Position nicht leisten. Paula kämpft um ihr neues Glück, will Paul für sich allein. In einer der schönsten Szenen des Films schmückt sie das Bett und sich selbst mit gelben Blumen. Beide sitzen im Bett, trinken Sekt, sind glücklich.

 

Doch als dann Paul – inzwischen auf der Karriereleiter aufgestiegen – mit seiner Frau zu einem Empfang geht, kreuzt Paula, mit Perücke und Sonnenbrille dort auf. Paul wirft ihr vor, alles zu wollen, das gehe nicht, man müsse Kompromisse machen. „Wir können doch Freunde bleiben“, sagt er zu ihr – und fängt sich kurz hintereinander eine Ohrfeige und einen Kuss ein.

 

Paula ist wieder unglücklich, verzweifelt, schimpft mit ihren Kindern. Und als ihr kleiner Sohn auf dem Weg ins Kino überfahren wird, bricht nicht nur eine Welt für Paula zusammen. Sie gibt sich und Paul und ihrer Beziehung die Schuld am Tod des Kindes. Sie ignoriert Paul, spricht nicht mehr mit ihm, lässt ihn nicht zu sich in die Wohnung.

 

Paul hingegen merkt, was er an Paula hatte. Paul schläft vor ihrer Wohnungstür, isst dort, erträgt es kaum, dass Paula, die bisher von der großen Liebe träumte und alles wollte, nun auf vermeintliche Sicherheit setzt: Sie will einen wesentlich älteren und nicht sonderlich attraktiven Reifenhändler, Reifen-Saft (Fred Delmare), mit Kleinbetrieb und modern eingerichtetem Haus ehelichen. Doch Paul lässt nicht locker. Schließlich lässt er sich von einer Nachbarin Paulas eine Axt geben und schlägt Paulas Wohnungstür ein ...

 

Paula wird erneut schwanger, ihr Traum von der Liebe ihres Lebens, die nur ihr und Paul gehört, scheint in Erfüllung zu gehen. Die beiden haben für kurze Zeit gefunden, was ihnen die Konventionen der DDR-Gesellschaft nicht zugestehen. Aber Paula überlebt die Schwangerschaft nicht. Die Schlussszene – auch eine der schönsten des Films, tragisch und voller Leben – zeigt Paul mit seinen drei Kindern im Bett liegend.

 

„Geh zu ihr und lass Deinen Drachen steigen.
Geh zu ihr, denn Du lebst ja nicht vom Muss allein.
Augen zu, dann siehst Du nur diese eine!
Halt' sie fest und lass Deinen Drachen steigen.“
(Geh zu ihr, Die Puhdys)

 

Aus heutiger Sicht erscheint „Die Legende von Paul und Paula“ fast wie eine „normale“ und typische Liebesgeschichte der 70er Jahre. Vor dem Hintergrund der damaligen Situation in der DDR allerdings, war Carows Film – am Drehbuch war Ulrich Plenzdorf beteiligt – ein mehr als gewagtes Unternehmen. Carow erzählt, auf heitere, ironische und tragische Weise zugleich – letzteres insbesondere was den Schluss des Films betrifft – über den Versuch, Glück in einer Gesellschaft zu finden, die offensichtlich ganz andere Prioritäten der Konstituierung des Sozialen hatte als Glück. Insofern ist Carows Film zwar zugeschnitten auf die damalige DDR und die Zeitumstände, aber sicherlich thematisch nicht auf die stalinistisch verfassten Gesellschaften begrenzt.

 

Das „Geschickte“ an seiner Geschichte ist die „Überkreuzung“ der Verhaltensweisen seiner beiden Liebenden. Während Paula zunächst diejenige ist, die voller Lebensmut, Vitalität, Hunger nach Liebe, Zuneigung und ein bisschen Glück an der Verwirklichung dieses „Alles oder nichts“, wie Paul ihr auf dem Empfang vorwirft, verzweifelt, und Paul der leicht naive Karrierist im Kleinen, der „privates“ Glück den gesellschaftlichen Konventionen unterordnen will – was ihm letztlich angesichts seiner eigenen Gefühle nicht gelingt –, dreht sich der Spieß nach dem tragischen Tod von Paulas Kind um. Jetzt sucht Paula nach Absicherung, während Paul spürt, was ihm an Paula wirklich liegt.

 

Der Tod markiert die Wendepunkte in Carows Film, der Tod des Jungen und der Tod Paulas. Der Tod und die einstürzenden Altbauten, die doch so wenig Neues entstehen lassen und so viel Gutes zerstören. Und trotz dieser harschen, aber in einer oft komödiantischen, manchmal schön überdrehten Art vorgebrachten Kritik an den Maßstäben einer Gesellschaft, in der die Bürger hehren Zielen dienen sollen, statt die Bedürfnisse der Bürger zum Maßstab der Dinge zu nehmen, markiert der Tod eben auch die neuen Chancen. „Geh zu ihr und lass Deinen Drachen steigen. Geh zu ihr, denn Du lebst ja nicht vom Muss allein“ – dieser Song der Puhdys markiert vor dem Hintergrund der Honecker-Gesellschaft, dass es neben Honecker noch ein paar andere Menschen gab. So schlicht und doch so kompliziert.

 

Wenn Paula sich die Ohren zuhält, weil sie das „Muss“ nicht zum x-ten Male hören will, weil sie auf ihr Glück pocht, wenn sie bei einem Konzert Paul anschaut und in ihren Augen der ganze Glanz dieses Begehrens, das alle Sinne, Körper, Seele und Geist erfasst, strahlt, dann überkommt einen das Gefühl, gleichzeitig freudig lachen und weinen zu müssen, ein ganz merkwürdiges, schönes Gefühl, das einen erbeben lässt. Angelica Domröse muss in dieser Rolle selbst fast voll aufgegangen sein; das jedenfalls merkt man ihrem Spiel deutlich an. Dabei handelt es sich jedoch nicht nur, wie man meinen könnte, um die Geschichte privaten Glücks, sondern um eine Forderung für das Glück aller, jedenfalls die Chance dazu. Deutlich wird dies an dem wechselseitigen Rückzug zunächst Pauls, dann Paulas auf die Konventionen. Es ist dieser Rückzug auf eine scheinbare Sicherheit in den Armen der Gesellschaft Honeckers und Mielkes (man erinnere sich an dessen letzte „patriarchalische“ Rede vor der Volkskammer), der dieses Begehren destruieren kann und letztlich muss.

 

Carows Film ist jedoch kein Abgesang, kein Negativum, keine Tragödie, die in der Hölle endet. Denn der Tod markiert zwar die brenzligen Schnittpunkte in der Geschichte, zugleich jedoch auch das Leben und das Weiterbestehen dieses Begehrens, das der Tod nicht unterkriegen kann und schon gar nicht die „toten“ Maßstäbe einer Parteiclique.

 

Paul schläft und isst vor Paulas Wohnungstür, und er malt ein großes Herz mit beider Namen auf die Tür, bevor er sie einschlägt, Paula ergreift und küsst und sein Glück fordert. Und Paula weiß, dass beide für einen kurzen Zeitraum das erreicht haben, wovon letztlich alle träumen.

 

Angelica Domröse ist Paula – verspielt, verletzlich, mutig, liebend, begehrend, albern, traurig, verzweifelt, naiv und vital, stark und schwach, überdreht – alles in einem, eine Musterrolle und eine Musterschauspielerin, wie man sie selten zu Gesicht bekommt. Winfried Glatzeder (den viele sicherlich aus etlichen Fernsehrollen kennen) war ebenso eine gute Wahl für diesen Paul, der in seinen Konventionen fast erstickt und doch einen Weg hinaus findet.

 

Nach langer Zeit habe ich die „Legende“ wiedergesehen. Und ich muss gestehen, dass sie auch für mich zu den Klassikern der Filmgeschichte gehört, vor allem der Filmgeschichte der DDR, neben Filmen wie u.a. „Spur der Steine“ von Frank Beyer (1966, u.a. mit Manfred Krug und Jutta Hoffmann).

 

Ulrich Behrens

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei CIAO.de

 

Die Legende von Paul und Paula

DDR 1973

Start: 14.03.1974

Verleih: Progress Film-Verleih

Laufzeit: 101

FSK: 16

Drehbuch: Heiner Carow, Ulrich Plenzdorf

Regie: Heiner Carow

Darsteller: Angelica Domröse, Winfried Glatzeder, Heidemarie Wenzel, Fred Delmare, Rolf Ludwig, Hans Hardt-Hardtloff, Frank Schenk, Dietmar Richter-Reinick, Eva Maria-Hagen

 

 

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