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Leben und Lieben in L.A.

Wieder einmal Ensemblespiel in der Großstadt: Beziehungsprobleme und Lebenswege von 11 Personen.

 

Quer durch L.A. folgt der Plot diversen Schicksalen: Hannah (Gena Rowlands) und Paul (Sean Connery) sind seit vierzig Jahren verheiratet, doch eine tödliche Krankheit belastet ihre Beziehung ebenso wie die Erinnerung an vergangene Verhältnisse; Meredith (Gillian Anderson) ist schon seit langem an ihr Single-Dasein gewöhnt - als sie Trent (Jon Stewart) kennenlernt, tut sie sich schwer mit dem Knüpfen von Banden; die verheiratete Gracie (Madeline Stowe) besteht bei ihrer Affäre mit dem ebenfalls verheirateten Roger (Anthony Edwards) auf Sex ohne Zusammenleben; Mildred (Ellen Burstyn) besucht ihren an AIDS sterbenden Sohn Mark (Jay Mohr) im Krankenaus; Joan (Angelina Jolie) versucht nach einem Zusammentreffen in der Disco den zurückhaltenden Keenan (Ryan Phillipe) für sich zu gewinnen; und dazwischen zieht der einsame Hugh (Dennis Quaid) durch Bars und erzählt volltrunken seine Lebensgeschichte - die jedesmal anders lautet. Doch obwohl all dies unabhängig voneinander geschieht sind die Schicksale der elf Personen miteinander verbunden...

 

Ein alter Hipster wie Frank Zappa hat sicher geahnt, dass sein Spruch "Reden über Musik ist wie Tanzen über Architektur" oft für andere Leute herhalten wird müssen. Dass Regisseur und Drehbuchautor Willard Carroll so sehr darin verliebt ist, dass er ihn im Lauf des Films immer wieder als Leitmotiv seines Ensemblefilms einflechten wird, dafür kann der verstorbene Poprecke natürlich nichts. Angelina Jolie spricht ihn gleich zu Beginn (und dann noch ein paarmal), wenn auch leicht verfremdet: "Reden über Liebe ist wie Tanzen über Architektur." Die Metapher wirkt jetzt zwar noch ein bisschen krummer, aber hat was Allgemeingültiges. Solcherart ist die Struktur dieses Personenreigens: Die Wege der Menshcheit sind eben unergründlich, aber im Herzen sind wir doch alle gleich und suchen nach Liebe.

 

Stadt der Engel, Neonlicht, Bran Van 3000s schickes "Drinking in L.A." auf dem Soundtrack - so beginnt Carroll seine Geschichte(n). Das flächendeckende Design steht hier zuerst einmal im Vordergrund - man kann das durchaus als bereitwilliges Statement lesen, sich von der realistisch geerdeten Welt, die Robert Altman in Short Cuts zeigte, abzusetzen. Immer wieder werden solche Zwischenmomente die den Charakteren folgenden Handlungsläufe unterbrechen (ein besonderer Lieblingsmoment ist der Übergang von Nacht zu Tag) wie um an den optimistischen Tonfall des Films zu erinnern, sollte eine der Episoden einen ein wenig zu bitteren Nachgeschmack verbreitet haben. Ganz unverfroren setzt man hier auf Kino alter Schule: Lieblich dahinplätschernde Beziehungskisten, in denen Momente untergebracht sind, in denen wir uns alle wiederfinden können, mehr will dieser Film gar nicht. Das macht ihn zwar leicht bekömmlich, auf der Schattenseite aber leider auch recht vorhersehbar.

 

Soviel Sympathien für seine Figuren zeigt Lieben und Leben in L.A., dass er ihnen gar nicht wirklich Schmerzen zufügen kann. Man ahnt schon lange vor dem Ende nicht nur, dass diese Figuren zueinander kommen müssen, es ist auch recht klar, dass all die Einzelschicksale in Zweisamkeit münden werden. Viel von Verletzlichkeit wird geredet in den Dialogen, wirklich durchstehen muss es keiner so richtig. Playing By Heart heißt der Film im Original, und vor lauter Herz scheint man ans Böse in der Welt gar nicht mehr glauben zu wollen (soviel sei verraten: soweit, dass auch noch der todkranke Sohn durch ein Wunder geheilt wird, geht man trotzdem nicht). Zwar nimmt sich Carroll als Regisseur zurück, um Drehbuch und Schauspielern den Vortritt zu lassen, doch lässt das leider eher die Schwächen des Films in den Vordergrund treten.

 

Ein wenig zu stolz auf sein Drehbuch ist Carroll nämlich: Im Bestreben, seinen Figuren immer den richtigen Satz in den Mund zu legen wollen, verliert dieser Film öfter als ihm lieb ist, an Bodenhaftung. Für jeden Treffer in den Wortwechseln hat Carroll immer die doppelte Menge an Überschlauheit parat - besonders die Dialoge von Jolie und Phillipe kranken an diesem Syndrom: Sätze, die man gern dem Leben abgeschaut hätte, aber doch nur Filmsätze sind. Das liegt auch ein bisschen am aufgedrehten Spiel der Jungakteure: Gut kommen hier vor allem die Schauspieler weg, die aus sich heraus ruhend agieren. Connery und Rowlands als Altehepaar machen es vor, wie man entspannt mit dem Material umgeht, auch Gillian Anderson und Dennis Quaid punkten durch Introspektion; die Bescheidenheit im Spiel lässt die Mängel des Dialogs vergessen.

 

Der mag zu witzig für sich selbst sein, das Gesamtresultat lahmt ein bisschen am Sirup. Zu prächtig sind die Kamerawelten von Veteran Vilmos Zsigmond, zu niedlich die Verzahnung der Geschichten, um etwas anderes als ein feelgood movie für alle Generationen zu produzieren. Hier wird die obere Mittelschicht nicht auseinandergenommen, sondern liebevoll ins Zentrum gerückt (Schwächen sind dazu da, überwunden zu werden): Die schicken Appartements und makellosen Welten (wo sonst wird man in einer Bar von Nastasja Kinski angesprochen) haben groß Hollywood draufstehen, und auch ansonsten folgt Playing By Heart gern der jüngeren Hollywoodpraktik, nicht Filme übers Leben, sondern über andere Filme zu machen (und dann rotzfrech das Gegenteil zu behaupten). Kinoplakate gibt es hier wie Sand am Meer, und auch ansonsten hat Carroll Lieblingsfilme von Citizen Kane bis zum Texas Kettensägen-Massaker eingebaut: Das führt ihn mit dem danach gedrehten, bei uns aber früher veröffentlichten Magnolia zusammen, der in allem ein wenig mutiger (und dadurch enervierender) war und zumindest gewagt hat, seine Existenz als bloßes Filmprodukt in den Vordergrund zu schieben. Doch vor so viel Gefälligkeit hat hier das Risiko keinen Platz mehr und am Ende dreht sich alles in eine Kreisbewegung des Glücks - zum größenwahnsinnigen Scheitern von Paul Thomas Andersons Film verhält sich Lieben und Leben in L.A. wie vor sieben Jahren Lawrence Kasdans gefälliger Grand Canyon zu Short Cuts: Zutraulichkeit statt Wagemut.

 

Christoph Huber

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.allesfilm.com

 

Leben und Lieben in L.A.

PLAYING BY HEART

USA - 1998 - 121 min.

Regie: Willard Carroll

Buch: Willard Carroll

Kamera: Vilmos Zsigmond

Musik: John Barry

Schnitt: Pietro Scalia

Darsteller:

Gillian Anderson (Meredith)

Ellen Burstyn (Mildred)

Sean Connery (Paul)

Anthony Edwards (Roger)

Angelina Jolie (Joan)

Jay Mohr (Mark)

Dennis Quaid (Hugh)

Gena Rowlands (Hannah)

Nastassja Kinski (Melanie)

 

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