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La Jetée

 

 

 

 

Chris Marker ist ein Pionier des Films. Im Laufe seiner Karriere drehte er viele wichtige, einflussreiche Dokumentarfilme. 1962 jedoch drehte er sein Meisterwerk. Sein einziges fiktionales Projekt, und gleichzeitig sein gigantischer Triumph: "La Jetée" - ein wahrlich perfekter Film.

 

Zunächst das Wichtigste: Im Vorspann steht nicht "Directed by Chris Marker" oder Ähnliches; der Name des Regisseurs taucht unter "A photo-roman made by..." auf. Ja, "La Jetée" ist ein Fotoroman, ein Film, der komplett durch aneinander gereihte, überblendete Schwarzweiß-Standbilder erzählt wird. Diese besondere Form der Narration ist keine selbstverliebte Spielerei, sondern eine zwingend notwendige Stilisierung, um dem Film die Kraft zu verleihen und ihn derart zu verzaubern, wie er es selber tut. Denn "La Jetée" ist ein Science-Fiction-Film, und das menschliche Auge, wie auch unsere Intelligenz lassen sich selten täuschen. In den wenigsten Fällen sehen wir einen durchgängigen Science-Fiction-Film und finden keinen Anstoß an der Zukunftsvision. Zeigt der Film zu viele Spezialeffekte erkennt das Auge diese schnell als irreale Parts auf einem gewöhnlichen Filmset; zeigt der Film zu wenig, wird dies meist als Zugeständnis an kleine Budgets oder geringe Ideenvielfalt abgetan. Dadurch, dass jedes Bild in "La Jetée" bewegungslos bleibt und als Momentaufnahme durchkomponiert ist, und somit eine Art dokumentarische Zuverlässigkeit versichert, hinterfragt der Zuschauer den Inhalt des Bildes nicht, sondern nimmt ihn als gegeben und wahr hin.

 

Aber "La Jetée" ist nicht nur Science-Fiction, sondern auch eine Liebesgeschichte. Und gerade der zu erzählenden Story kommt Markers Fotoromanstil bestens nach: Ein namenloser Mann lebt in einem postapokalyptischen Untergrundcamp in Paris, das während des Dritten Weltkrieges zerstört und radioaktiv verseucht wurde. Die Wissenschaftler des Camps sind sich sicher, dass sie durch Experimente in der Zeit umherwandeln können, und sich dadurch aus ihrer hoffnungslosen Lage befreien können. Doch ihre Versuchskaninchen sterben entweder oder verfallen dem Wahnsinn. Unser Protagonist, der namenlose Held, scheint der geeignete Kandidat für die Zeitreise-Experimente zu sein, da sein Gedächtnis sich an ein Bild einer von einem Mord verschreckten Frau, die am Rollfeld des Pariser Orly-Flughafens steht, klammert. Diese extreme Verknüpfung an ein Bild aus seiner Vergangenheit soll dem Mann helfen, bei Sinnen zu bleiben, und in just jene vergangene Zeit zurückzukehren, ohne wahnsinnig zu werden.

 

Das schmerzvolle Experiment, das durch eine Injektion gestartet wird, gelingt, und der Mann findet sich schnell in dem Paris seiner Kindheit wieder. Natürlich trifft er (als nun erwachsener Mann) die Frau wieder, die ihn schon als Kleinkind beeindruckte, und obwohl er immer nur für eine kurze Zeit in der Vergangenheit weilen kann, findet er die Möglichkeit, mit ihr Zeit zu verbringen, sie kennen zu lernen - sie lieben zu lernen. Immer größer wird sein Wunsch ewig in dieser Zeit leben zu können, trotz des Schattens eines kommenden Krieges. Eines Tages eröffnen ihm die Wissenschaftler, dass sie ihn nicht wieder in die Vergangenheit schicken werden, sondern dass sein nächstes Ziel die weit entfernte Zukunft sei. Dort trifft er auf eine friedliche, hochtechnologisierte Kultur, die sich die Ressourcen des Mondes zu Nutze gemacht hat, und die selber in der Lage ist, Zeitreisen ohne Verlust von Verstand und Reinheit, durchzuführen. Die Wesen aus der Zukunft bieten ihm ein Leben in ihrer scheinbar perfekten Welt an, doch der Mann bittet sie um ein kontinuierliches Leben in der Vergangenheit bei seiner großen Liebe.

 

Wie sich der Protagonist den gesamten Film über an ein einziges Bild aus seiner Jugend erinnert, stehen wir mit "La Jetée" vor einem ähnlichen Bilderpuzzle. Das Kunstwerk "La Jetée" lässt uns in unseren Gedanken aus den gezeigten Einzelbildern ein ausformuliertes, lebendiges Universum gestalten, ähnlich wie der Held aus einer einzigen Impression seinen gesamten Lebenszweck definiert. Er lebt und fühlt nur durch das Wissen von jenem wichtigen Bild, das diesen großen, eindrucksvollen Effekt auf sein kindliches Gemüt hatte, und ist sogar in der Lage in der Zeit zurückzureisen, um jene Bilder aufleben, um die Erinnerung zu etwas Greifbarem werden zu lassen. Mit diesem Plot im Hinterkopf gibt es schlichtweg keinen anderen Weg des Erzählens dieser Geschichte, als den hier gewählten. Dieser ist beispiellos produktiv und effektiv, wie formal poetisch, reflexiv und traumhaft schön.

 

Zu der Musik von Trevor Duncan montiert Chris Marker seine Standbilder auf eine symphonisch-rhythmische Weise. Er nutzt seichte Übergänge zwischen einzelnen Standbildern oder verwendet eine extrem schnelle Abfolge derer, um das Gefühl von Bewegung und Aktion zu vermitteln. Vereinzelt zoomt er in die Bilder hinein, um ihnen dreidimensionale Tiefe und Lebensnähe zu schenken. Strukturell wird diese poetische Standbildkomposition nur einmal von wahrhafter Bewegung unterbrochen, und dies dürfte einer der ganz großen, einmaligen Momente des Kinos sein: Das geliebte Mädchen zwinkert in die Kamera, scheint ein Lächeln zu enthüllen. Wenn Marker zunächst nur starre Einzelbilder der schönen Frau verwendet, und uns dann plötzlich an diesen ergreifenden, wahren, lebendig gewordenen Momenten des Glücks und der Liebe teilhaben lässt, dann ist dies wohl die schönste und ultimativste Liebeserklärung der Filmkunst an die Liebe an sich. Nicht nur das, dies ist einer der größten, emotionalsten Momente in der gesamten Filmgeschichte.

 

Wichtigen Dialog gibt es nicht in dem Film. Ein Erzähler berichtet in schwermütigen Sätzen aus dem Off von dem Schicksal des Mannes in der französischen Originalsprache. In den bedrückenden Bilderabfolgen, in denen wir Kenntnis von den bitteren Experimenten erlangen, hören wir auch den geflüsterten, und kurioserweise in unheimlichem Deutsch dargebrachten Dialog der Wissenschaftler.

 

Am Ende von "La Jetée" entscheidet sich der Mensch, wie oben bereits angerissen, entgegen einer harmonisierten, vollkommenen Zukunft, und bittet um Rückkehr in eine Welt, in der es "echte Gärten", "echte Vögel", "echte Frauen", aber eben auch "echte Gräber" gibt. Eine unvollkommene, sterbliche Welt, in der es aber viel reizvoller ist, liebenswerte, subjektiv als perfekt empfundene Dinge des alltäglichen Lebens, zu entdecken und zu lieben, als in einem totalitären Leben sich der technologisierten Perfektion hinzugeben. Somit ist "La Jetée" ein ergreifendes Denkmal für Romantik, Individualismus und Menschlichkeit. Und somit sagt er viel mehr aus, in seinen 28 Minuten Laufzeit, als andere Filme über die Dauer von zwei Stunden.

 

Wenn "La Jetée" endet, ist die Welt des Zuschauers eine andere geworden. Dieser Kurzfilm ist in seinem Inhalt und in seiner Form wahrlich und unmißverständlich perfekt. Eine mystische, wunderschöne Ode des Kinos an die ganz großen Dinge im Leben. Kunst für die Ewigkeit.

 

Björn Last

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in:  Mitternachtskino

 

 

La Jetée

Frankreich, 1962. Regie: Chris Marker. Drehbuch: Chris Marker. Produktion: Anatole Dauman. Kamera: Jean Chiabaut, Chris Marker. Schnitt: Jean Ravel. Musik: Trevor Duncan. Darsteller: Davos Hanich, Hélène Chatelain, Jacques Ledoux. Etienne Becker. Schwarzweiß. 28 Min.

 

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