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Lady Chatterley

Leib und Seele

 

Die Romanverfilmung "Lady Chatterley" erzählt von einer verbotenen Liebe - klug und gegenwärtig.

 

Von "Lady Chatterley", dem berühmten Roman D. H. Lawrence', existieren drei Versionen. Eine davon, "Lady Chatterley and the Man of the Woods", hat die französische Regisseurin Pascale Ferran verfilmt - und zwar ihrerseits in zwei Fassungen: einer 160-minütigen fürs Kino und einer über 200 Minuten langen zweiteiligen Fernsehversion. Jene lief im Panorama der diesjährigen Berlinale, diese wird [- wurde (die fz-Redaktion)] heute Abend vom koproduzierenden Sender Arte ausgestrahlt. Wer erfahren will, was es bedeutet, von einem Film im besten Sinne angerührt zu werden, der sollte sich "Lady Chatterley" nicht entgehen lassen.

 

Lawrence' Roman und Ferrans Film spielen in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in einer ländlichen Gegend Englands; sie erzählen von Constance Chatterley, einer jungen Frau (Marina Hands), die aus wohlhabenden Verhältnissen stammt und mit dem Minenbesitzer Clifford Chatterley (Hippolyte Girardot) verheiratet ist. Clifford wurde im Krieg verwundet und ist seither bauchabwärts gelähmt. Constance leidet unter der Abgeschiedenheit und der Eintönigkeit ihrer Existenz, auch wenn sie sich dies nicht eingesteht. Als sie Parkin, dem Wildhüter des Anwesens (Jean Louis Coulloc'h), begegnet, bricht etwas in ihr auf. Zunächst reagieren die beiden schroff aufeinander. Doch als Constance Parkin eine Nachricht überbringen soll, an seinem Haus ankommt und, nachdem sie vergeblich geklopft hat, plötzlich auf der Wiese des sich waschenden Parkins gewahr wird, hält sie dem Anblick des nackten Oberkörpers nicht stand. Was sich im Folgenden entspinnt, ist eine Mesalliance, die von Ferran klug und einfühlsam in Szene gesetzt wird. In jeder Einstellung ist spürbar, dass die Regisseurin mit großer Sorgfalt arbeitet. Die Sexszenen etwa spalten sich nicht ab vom Rest des Films, indem sie wild sich wälzende Leiber zeigten. Vielmehr konzentrieren sie sich auf zwei Körper, die miteinander kommunizieren - und zwar umso reicher und fantasievoller, je länger sie sich kennen. So flankieren die körperlichen Begegnungen und das sinnliche Erleben die éducation sentimentale der Figuren.

 

Dabei hat die Art der Rührung, die Pascale Ferran herzustellen in der Lage ist, wenig zu tun mit den üblichen Methoden, mit denen Filme Emotionen schüren. Der Einsatz von Musik ist zurückhaltend, dramatische Zuspitzungen oder Verwicklungen bleiben ausgespart, die Aufnahmen der Natur begleiten und verstärken zwar das innere Erleben der Protagonistin, doch werden sie dabei nie auf eine symbolische Funktion reduziert. Die Bilder von Steinen, fließendem Wasser, Grashalmen und Baumwipfeln stehen zunächst einmal für sich. Die Tragik, die daraus resultiert, dass sich der Verbindung von Constance und Parkin der Klassenunterschied sowie seine und ihre Ehe in den Weg stellen, wird niemals verklärt. Sie bleibt bestehen, auch wenn die Figuren sie zu analysieren in der Lage sind - Constance eloquent, Parkin weniger versiert im Umgang mit Wörtern, aber nicht weniger klarsichtig. Statt auf blinde Romantik setzt Ferran lieber auf moderne Verhandlungslogik. Nicht zuletzt darin ist "Lady Chatterley" ein kluger und überraschend gegenwärtiger Film.

 

Cristina Nord

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: taz

 

Lady Chatterley

Frankreich / Belgien 2006 - Regie: Pascale Ferran - Darsteller: Marina Hands, Jean-Louis Coulloc'h, Hippolyte Girardot, Hélène Alexandridis, Hélène Fillières, Bernard Verley, Sava Lolov, Jean-Baptiste Montagut - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 167 min. - Start: 4.10.2007

 

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