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L.A.Confidential        

 

Auf einer ersten Ebene ist L.A.Confidential einfach ein großartiger Thriller. Curtis Hanson beschwört die Geister des Film Noir in einer raffinierten, hervorragend gespielten und liebevoll ausgestatten Geschichte um drei verschiedene Polizisten, die über 130 Minuten zu fesseln vermag. Das ist viel, doch Hanson will mehr. Er begnügt sich nicht damit, einen mythischen Ort des Zerfalls, eine Sin City zu kreieren wie Robert Rodriguez oder eine Hommage an das Hollywood-Kino des Studiosystems zu errichten. Er fragt, was hinter den Bildern, hinter den Mythen steht. Wo Rodriguez’ durchgestylte Schwarz-Weiss-Bilder - je mehr sie es verstehen, modernste Technik zu benutzen um eine perfekte Oberfläche zu schaffen - immer leerer, nichtssagender und langweiliger werden, wirft L.A.Confidential einen kritischen Blick auf das amerikanische Leben und die Medienwelt nicht nur vor fünfzig Jahren.

 

Der Film beginnt als Werbespot für ein kapitalistisches Paradies. Das prosperierende Kalifornien der frühen 50er. Strände und Orangenhaine soweit das Auge reicht, Arbeit für alle und für jeden Arbeiter ein All-American-home und eine All-American-family. Hollywood, hier hat jeder die Chance ein Star zu werden oder zumindest mal einen zu Gesicht zu bekommen. Doch dann tauchen Kameras und Fernsehschirme im Garten Eden auf. Das Paradies zerfällt zu Filmkulissen und reproduzierbaren Bildern. Vom Himmel zur Hölle. Die Welt wird ausgelassen. Drogen, Korruption und Verbrechen florieren. Die dunkle Seite des Booms. Mindestens so glamourös und faszinierend wie die Welt der Hollywoodstars. Doch auch das nur ein Mythos, ein Medienbild. Schließlich stammt der Off-Kommentar, der uns durch den Vorspann führt, von Sensationsreporter Sid Hudgens (Danny De Vito). Dass hinter jeder Maske die man herunterreißt, hinter jedem Bild das man zerstört, niemals die mickrige Gestalt des Zauberers zum Vorschein kommt, sondern immer nur eine neue Maske, ein neues Bild, das ist die Erzählstruktur des Films.

 

Gleich in der ersten Szene werden wir buchstäblich mitgenommen hinter die Fassade der Stadt der Engel. Durch das Fenster einer jener typischen Einfamilienhäuser, deren heile Welt im Vorspann ironisch propagiert wird, sehen wir einem Mann dabei zu, wie er seine Frau verdrischt. Der Polizist Bud White (Russell Crowe), Gewaltprolet und Freund unorthodoxer Ermittlungsmethoden, sieht so etwas gar nicht gerne. Einst musste er zusehen, wie sein Vater seine Mutter zu Tode prügelte und nun kämpft er jedes Mal, wenn er Zeuge von Gewalt gegen Frauen wird, mit seinen Fäusten gegen sein Trauma und seinen Schuldkomplex an. (Seine Reputation für die Rolle erhielt der in Amerika damals gänzlich unbekannte Australier Crowe durch seine Darstellung eines Neo-Nazis in Romper Stomper.) Das genaue Gegenteil zu diesem ewigen Ödipus ist sein vaterfixierter Kollege Ed Exley (Guy Pearce), der stets perfekt gescheitelte By-the-book-Cop, der mit fairen Mitteln hoch hinaus möchte beim Department, wie sein Vater vor ihm. Zwischen Es und Über-Ich nimmt Showbizmann Jack Vinncens (Kevin Spacey), die Rolle des Ich ein. Er fungiert als technischer Berater einer beliebten Polizeiserie und versorgt Sid Hudgens unter der Hand mit Informationen aus dem Department. Nachdem Mafiaboss Micky C wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis landet ist der Thron des Mannes, der die florierende Stadt mit Drogen und Prostituierten versorgt, frei geworden. In dem entstehenden Machtkampf in der Unterwelt werden die drei Polizisten in ein dichtes Netz aus Korruption und Gewalt verwickelt, in dem die schöne Prostituierte Lynn Bracken (Kim Basinger), in die sich White verliebt, eine ebenso dubiose Rolle spielt, wie ihr stinkreicher Zuhälter und der Police Captain Dudley Smith.

 

Von Anfang an doppelt der Film seine Erzählung in einem medialen Diskurs. Die Schlagzeilen zu jedem wichtigen Ereignis sind omnipräsent und an zwei Stellen fungieren die Artikel Hudgens als Erzählung aus dem Off. Der mysteriöse Edel-Callgirl-Service „Fleur-de-lis“, dessen Mädchen Imitate großer Hollywoodstars sind, wird nicht zu einem sarkastischen Gag am Rande, sondern nimmt eine zentrale Position im Film ein. Dass Original und Fälschung nicht mehr auseinander zu halten sind, stellt auch Exley in einer der wenigen humoristischen Spitzen des Films fest.

 

Doch L.A.Confidential ist weit davon entfernt, Sittenportrait oder Milieustudie zu sein oder sein zu wollen. Sein Material ist das Kino, genauer der Film Noir, nicht das Leben oder eine bestimmte historische Epoche. Doch gerade da, wo diese Welt am deutlichsten nur aus Bildern besteht, in der Figur der Femme Fatale Lynn Bracket, entwickelt der Film eine Sehnsucht nach Authenzität, nach dem, was hinter den Bildern ist. Lynn Bracket, das ist die Schauspielerin Kim Basinger, die eine Hure spielt, die eine Schauspielerin spielt. In diesem Film voller Genrefiguren ist sie, am ausschließlichsten nur Genrefigur. Gerade sie verliebt sich in Bud White, den ewigen Außenseiter in der Welt der Image-Menschen. Was sie an ihm fasziniert, so gesteht sie in einer Szene, ist seine Unfähigkeit sich zu verstecken, zu schauspielern. Weil L.A.Confidential von dieser Sehnsucht handelt, in einer Realität die, das Ende betont es noch einmal, von den Massenmedien nicht verdeckt oder gezeigt, sondern erschaffen wird, darum ist er eben mehr als „nur“ ein großartiger Thriller.

 

Nicolai Bühnemann

 

L.A. Confidential

L.A. CONFIDENTIAL

USA - 1997 - 136 min. – Scope - Kriminalfilm - FSK: ab 16; feiertagsfrei - Prädikat: wertvoll - Verleih: Warner Bros./ Warner Home (Video) - Erstaufführung: 4.12.1997/5.6.1998 Video - Fd-Nummer: 32868 - Produktionsfirma: Warner Bros./Regency Enterprises – Produktion: Curtis Hanson

Regie: Curtis Hanson

Buch: Brian Helgeland, Curtis Hanson

Vorlage: nach einem Roman von James Ellroy

Kamera: Dante Spinotti

Musik: Jerry Goldsmith

Schnitt: Peter Honess

Darsteller:

Kevin Spacey (Jack Vincennes)

Russell Crowe (Bud White)

Guy Pearce (Ed Exley)

James Cromwell (Dudley Smith)

David Strathairn (Pierce Patchett)

Kim Basinger (Lynn Bracken)

Danny DeVito (Sid Hudgeons)

 

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