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Kurz in Berlin

Das berliner Fremdenverkehrsamt muss diese Kompilation gemacht haben: acht Kurzfilme aus dreißig Jahren Berlin, die eines gemeinsam haben: Die Strategie, kritische Töne wegzulassen, keine offenen Fragen stehenzulassen, keine wunden Punkte zu berühren, kurz: die Kurzfilme von „Kurz in Berlin“ handeln so gut wie gar nicht von der Stadt, in welcher sie gedreht wurden. Die Zusammenstellung ist fast ohne Ausnahme eine Anhäufung von berliner Stereotypen: Berliner Schnauze, Berliner Mauer, Berlin ist eine Reise wert.

 

Das beginnt mit dem unverblümtesten dieser Reklame-Clips, „DEFA Disco Film – Berlin“ von Uwe Beltz (Teil einer DEFA-Serie über Popbands aus der DDR) 1977 in der Hauptstadt der DDR gedreht, der ein einig Volk glücklicher sozialistischer Berliner in einem gänzlich mauerlosen Berlin präsentiert, Politessen, die die bunte Karl-Marx-Allee hinunter tänzeln und derbe aber herzliche Sprüche klopfen. Es darf und soll gelacht werden über so viel propagandistische Unverfrorenheit, denn man weiß ja, wie grau Berlin und wie traurig der DDR-Berliner in Wirklichkeit war.

 

Kein Grund jedoch für die Interfilm Berlin, Initiator dieser DVD, fortan der Propaganda abzuschwören: „Schwarzfahrer“ von Pepe Danquardt von 1992/93, Gewinner u.a. des Kurzfilm-Oscars, zeigt uns eine Light-Version des berliner Rassismus’: Eine unbelehrbare alte Dame, ein zähes, greises Relikt der Hitler-Ära, zieht in der S-Bahn über ihren dunkelhäutigen Platznachbarn her, der sich auf charmante und pfiffige Weise zu wehren weiß. Obwohl sich niemand der Mitfahrenden für ihn einsetzt, löst sich das Problem in Wohlgefallen und kollektivem Gelächter über dumme Ewiggestrigkeit auf. Wir lernen, der schwarze Ausländer besitzt den Vertrauensbonus des Humors und der Musikalität (Ghettoblaster, Reggae) und deshalb mögen ihn natürlich auch alle, pardon, deshalb mögen ihn die Berliner. Gerade dieser Film könnte aber tatsächlich überall spielen. Im Kontext dieser DVD aber will uns das Fremdenverkehrsamt sicherlich mitteilen, dass, wenn es schon rassistische Übergriffe in Berlin geben sollte, dann nur verbale von klapprigen, alten Nazitanten. Keine Angst, liebe Ausländer, kommt ruhig nach Berlin.

 

Der Anbiederung an eine internationale Öffentlichkeit ist auch der folgende Beitrag „Die andere Seite“ aus dem Jahr 2007 von der Engländerin Ellie Land nicht abhold. Hier wird von vornherein Geschichtsnachhilfe für Touris betrieben. Berliner aus Ost und West erzählen rudimentär und in gebrochenem Englisch, wie sie sich vor und nach dem Mauerfall fühlten und was sie sich so über die Leute auf der „anderen Seite“ dachten. Dabei kommt kaum mehr heraus, als man sich selbst aus drei eigenen Fingern saugen kann. Das Hübsche an diesen 5 Minuten ist, dass die Stimmen von fantasievollen Trickfilmbildern illustriert sind, aber „hübsch“ allein reicht einfach nicht aus.

 

Vielleicht der interessanteste und Berlin am ehesten repräsentierende der Filme ist „Ein-Blick“ von Regisseur Gerd Conradt („Starbuck Holger Meins“), seinerzeit, 1987, Student an der dffb. Der Film lässt einen von Westen über die Mauer hinweg mit Teleobjektiv gefilmten Ost-Tag im Zeitraffertempo von einem Bild pro Sekunde auf etwa 10 Minuten herunterschrumpfen. Die wirklich erste Ahnung von etwas Dokumentarischem, ein Berlin jenseits der Inszenierung.

 

Ein Anflug des Authentischen, der mit der nächsten Hochglanz-Halbestunde von „Der Blindgänger“ (2004) wieder gründlich ausgetrieben wird. Regisseur Andreas Samland versucht uns mit seinem Märchen unter anderem weiszumachen, dass kettensaufende siebzehnjährige Punks eine Ahnung davon hätten, was Weltrevolution sei und dass sie bereit seien, sich für die Errichtung eines Rudi-Dutschke-Denkmals in die Luft zu sprengen. Außerdem beweist der Film, dass der echte Schrebergartenspießerberliner zwar natürlich eine raue Schale aber auch ein berliner Herz hat, welches wiederum das Herz im berliner Punk zu erkennen im Stande ist. Was für eine herzliche Stadt!

 

Wie einfallsreich frech berliner Filmkünstler doch sind, teilt uns anschließend „Einige Zahlen über die Bevölkerung Berlins“ (1994) von Ralf Schuster mit. In drastischer Plastizität demonstriert der Regisseur statistische Angaben über die Bevölkerungsmenge Berlins. Wussten Sie, ein wie großes Leichenschauhaus man bauen müsste, um alle (lebenden) Berliner darin (als Tote) unterzubringen? Ich gebe zu, mir hat der inhärente Berlin-Überdruss Spaß gemacht, aber ist so ein sarkastisches Gedankenspiel mehr als eine ziemlich überflüssige Spielerei?

 

Ganz dicke künstlerisch wird’s dann in Peter Wensierskis und Helmut Jahns 15minütiger Gemeinschaftsproduktion „Berliner Blau“ von 1986. Die Mauer ist das Thema und sie wird mit Hilfe „künstlerischer Aktionen“ als „subjektive Projektionsfläche zum Brodeln“ gebracht, wie das redselige Presseheft mitteilt. Wem die Androhung brodelnden Betons noch nicht reicht, der stelle sich einfach vor, wie ein paar bunt bekleidete Hippies zu ausgeflippter Ethnomucke auf der Mauer tanzen, um zu demonstrieren, dass Kunst alle Grenzen überwindet. 15 Minuten zu lang. Dennoch ungeheuer dokumentarisch, denn es gab in den Achtzigern wirklich ganz viele solcher Menschen in Berlin.

 

Mit einem kleinen erfrischenden Lichtblick schließt dann die Sammlung: Der Film „Fliegenpflicht für Quadratköpfe“ (2004) von Stephan Flint Müller ist in etwa so sinnfrei wie sein Titel, dafür prallvoll skurriler optischer Assoziationsketten. Arrangements wie Puppen mit Hüten aus Kirchtürmen, also Dingen, die normal nichts mit einander zu tun haben, weist der überkreative Jungfilmer, der sich nicht mehr für die Reklame ausbeuten lassen will, hochgradige Relationen nach. Auch hier zwar Spaß, Abwechslung und verspielte Kurzweil, aber über Berlin, mit Verlaub: nüscht jelernt. 

 

Vor kurzem war der Autor dieser Zeilen mal kurz in Berlin. Diese Stadt hat doch an nur zwei Tagen tausend Mal mehr Aussagekraft als diese acht Kurzfilme von „Kurz in Berlin“. Also fahren Sie lieber direkt hin. Upps, das hat der berliner Fremdenverkehrsverein ja doch geschickt eingefädelt ...

 

Andreas Thomas

 

Kurz in Berlin

(DVD: Deutschland 2007)

 

Die Filme:

DEFA DISCO FILM – BERLIN Uwe Belz / DDR, 1977

05: 53 min / deutsch mit Untertiteln

 

SCHWARZFAHRER Pepe Danquart / Deutschland,

1992/93 / 12: 00 min / deutsch mit Untertiteln

 

DIE ANDERE SEITE Ellie Land / England, 2007

05: 00 min / englisch mit Untertiteln

 

EIN-BLICK Gerd Conradt / BRD, 1986

10: 35 min / ohne Dialoge

 

DER BLINDGÄNGER Andreas Samland / Deutschland,

2004 / 29: 30 min / deutsch mit Untertiteln

 

EINIGE ZAHLEN ÜBER DIE BEVÖLKERUNG BERLINS

Ralf Schuster / Deutschland, 1994 / 02: 30 min / deutsch mit Untertiteln

 

BERLINER BLAU Hartmut Jahn, Peter Wensierski

BRD, 1986 / 15: 00 min / deutsch mit Untertiteln

 

FLIEGENPFLICHT FÜR QUADRATKÖPFE

Stephan Flint Müller / Deutschland, 2004 / 13: 26 min / deutsch mit Untertiteln

 

+ Interviews mit allen Regisseuren

 

DVD, Farbe, 94 + 38 Min.

 

erscheint bei: absolut Medien [www.absolutmedien.de]

 

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