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Kundun

Irgendwann in der Mitte von Martin Scorseses „Kundun“ liest der 14. Dalai Lama einen Brief des 13., in welchem er prophezeit, dass die Religion Tibets von China zerstört werden wird und er und seine Anhänger sich wie hilflose Bettler auf Wanderschaft begeben werden müssen. Er sagt: „Was kann ich tun? Ich bin nur ein Junge.” Seine Berater sagen: “Du bist derjenige, der diesen Brief geschrieben hat. Du musst wissen, was zu tun ist.“ Dieses buchstäbliche Vertrauen auf die Reinkarnation, aus der Überzeugung heraus, dass das Kind am Beginn von Kundun derselbe Mensch sei, der vier Jahre vor dessen Geburt starb, bestimmt den Tenor des Films. „Kundun“ ist strukturiert wie das Leben des 14. Dalai Lama, nur ist jener lediglich ein Gefäß für ein höheres Leben, einen umfassenderen Geist, der seit Jahrhunderten fortbesteht. Darin liegt des Filmes Kraft – und sein Fluch. Er sorgt für tief empfundene Spiritualität, aber er verleugnet das Menschsein des Dalai Lama; ihm werden zwar kleine menschliche Anflüge zugebilligt, aber eigentlich ist er nur eine Ikone und kein Mensch.

 

„Kundun” ist genauso aufgebaut wie jene allgemein verständlichen Darstellungen der Lebensgeschichten von Heiligen, mit welchen Scorsese als Junge in der katholischen Grundschule konfrontiert gewesen sein muss. Auch ich musste diese Legenden studieren, in denen die Heiligen auf eine überschaubare Anzahl von Anekdoten reduziert werden. Am Ende einer typischen Episode bringt der Heilige eine Weisheit zu Gehör, die die Lektion verdeutlicht und seine Zuhörer weichen zurück vor Erstaunen und Dankbarkeit. Der Heilige scheint jenseits der Zeit zu existieren, er kennt bereits die Antworten und den Ausgang der Geschichte und sein Leben gestaltet er absichtsvoll in einer Abfolge von Parabeln. 

 

„Kundun” vermittelt nur selten das Gefühl, dass dem Leib des Dalai Lama ein lebendiger, atmender und (soll ich das Wort sagen?) fehlbarer Mensch innewohnt. Im Gegensatz zu Scorseses Jesus-Porträt in „Die letzte Versuchung Christi“ geht es hier nicht um einen Menschen, der nach der Perfektion strebt, sondern um vollendete Perfektion in menschlicher Gestalt. Obwohl der Film weiser und schöner ist als Jean-Jacques Annauds neuer Film „Sieben Jahre in Tibet“, mangelt es ihm an des anderen Filmes Bodenhaftung; Scorsese und seine Drehbuchautorin Melissa Mathison sind geradezu geblendet vom Dalai Lama.

 

Wenn man sich aber damit abgefunden hat, dass “Kundun” ein Drama ohne einen glaubwürdigen menschlichen Charaker ist, kann man den Film so sehen, wie er ist: als ein Akt der Hingabe, ein Akt spiritueller Verzweiflung gar, geschleudert vor die Augen des materialistischen 20. Jahrhunderts. Seine Visualisierungen und seine Musik sind reich und anregend, und wie eine Bachsche Messe oder wie Kirchenmalerei aus der Renaissance stellt er ein Hilfsmittel zum Gottesdienst dar: Er will erhöhen, nicht hinterfragen.

 

Dass dieser Film nun ausgerechnet von Scorsese kommen musste, dem Meister der „Mean Streets“, dem Chronisten der Klugschwätzer und Heruntergekommenen ist eigentlich keine Überraschung, denn viele seiner Filme haben eine spirituelle Komponente und sehr viele seiner Figuren sind sich ihres sündhaften Lebens bewusst und fühlen sich schuldig. Für Scorsese, der einst das Priesterseminar besuchte, geht eine starke Anziehungskraft vom Spirituellen aus, und „Kundun“ ist sein Versuch, die Wiedergeburt zu erlangen.

 

Der Film beginnt im Tibet des Jahres 1937, vier Jahre nach dem Tod des 13. Dalai Lama, als Mönche einen kleinen Jungen aufsuchen, von dem sie annehmen, er könne ihr reinkarnierter Anführer sein. In einer der entzückendsten Szenen des Films platzieren sie das Kind vor einem Arrangement verschiedener Gegenstände, von denen manche dem Dreizehnten gehörten und manche nicht, und der Junge greift sich die richtigen heraus und ruft kindlich: „Meins! meins! meins!“ Zwei Jahre darauf nehmen die Mönche das Kind mit sich, damit es mit ihnen leben und seinen Platz in der Historie einnehmen kann. Roger Deakins’ Kamera fängt diese Szene mit den üppigen Farben religiöser Gemälde ein; das Kind starrt durch das Netz eines Kopftuches hindurch und sitzt unter dem roten Umhang eines Mönches, als ihm der Mann eröffnet: „Du hast beschlossen, wieder geboren zu werden.“

 

In seinem Sommerpalast betrachtet er Hunde, Pfauen, Hirsche und Fische. Man überreicht ihm einen Filmprojektor, der ihm ein paar Jahre darauf grauenhafte Bilder von Hiroshima zeigen wird. Bald wird Tibet von den Chinesen besetzt und er sieht sich mit der Herausforderung konfrontiert, sein Heimatland zu schützen und zugleich die Gebote der Gewaltlosigkeit zu befolgen. Ein Treffen mit dem Vorsitzenden Mao findet statt, bei welchem er hören muss, dass die Religion tot ist. Der Dalai Lama kann einem Mann, der solches sagt, nicht länger in die Augen sehen, er fokussiert statt dessen Maos polierte westliche Schuhe, die den Verlust der alten Wege und Werte zu symbolisieren scheinen.

 

Der Film besteht aus Episoden, nicht aus einer Handlung. Wie Illlustrationen, eingebunden in den Roman eines Menschenlebens. Soweit ich weiß, sind die meisten Darsteller echte tibetanische Buddhisten und ihre Heiterkeit ist in ganz vielen Szenen einfach bezaubernd. Die Kulisse, die Stoffe und die Teppiche und Wandverkleidungen, die Vielfalt der Metalle und Farben gehören sicherlich in das Tabernakel dieser Religion. Aber am Ende fühlte ich mich merkwürdig unerlöst; das Problem an einer Religion, die auf Reinkarnation beruht, ist, dass wir immer nur einen kleinen Ausschnitt von ihr erkennen können, und dass das Schicksal eines Einzelnen immer nur ein Schäumchen ist auf der Woge der Geschichte. Inhalte dieser Größenordnung passen besser in die Religionen als ins Kino, das von Geschichten und Charakteren lebt.

 

Ich bewundere “Kundun”, weil er so vorbehaltlos zu seiner Vision steht, für seine Entscheidung, ungeachtet des Publikumsgeschmacks seinem Herzen zu folgen. Ich bewundere ihn für seine visuelle Eleganz. Und dennoch ist dieses der erste Scorsese-Film, den ich, ehrlich gesagt, nicht immer wieder sehen wollen würde. Scorsese scheint hier nach etwas zu suchen, das ihm fremd ist und immer fremd bleiben wird. Ich glaube, bei der „Letzten Versuchung Christi“ wusste Scorsese jederzeit genau, wie es seinem Protagonisten erging. Bei „Kundun“ spüre ich, wie er sich selbst fragt: „Wer ist dieser Mensch?“  

 

Roger Ebert

 

Mit freundlicher Genehmgung des Autors aus dem Englischen übersetzt von Andreas Thomas

Dieser Text ist im Original zuerst erschienen am 16.1.1998 bei www.rogerebert.com

[http://rogerebert.suntimes.com/apps/pbcs.dll/article?AID=/19980116/REVIEWS/801160305/1023]

 

Kundun

KUNDUN

USA - 1997 - 134 min. – Scope - Verleih: Kinowelt, Arthaus (Video) - Erstaufführung: 19.3.1998/25.9.1998 Video - Produktionsfirma: Cappa/De Fina Prod. - Produktion: Barbara De Fina

Regie: Martin Scorsese

Buch: Melissa Mathison

Vorlage: nach der Lebensgeschichte des Dalai Lamas

Kamera: Roger Deakins

Musik: Philip Glass

Schnitt: Thelma Schoonmaker

Darsteller:

Tenzin Thuthob Tsarong (Dalai Lama als Erwachsener)

Gyurme Tethong (Dalai Lama, 12jährig)

Tulku Jamyang Kunga Tenzin (Dalai Lama, fünfjährig)

Tenzin Yeshi Paichang (Dalai Lama, zweijährig)

Tencho Gyalpo (Mutter des Dalai Lamas)

Geshi Yeshi Gyatso (Lama von Sera)

Sonam Phuntsok (Reting Rinpoche)

Gyatso Lukhang (Lord Chamberlain)

 

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