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Komm, süßer Tod

 

Als ich gebeten wurde, über diesen Film zu schreiben, sagte ich, das sei doch alles TV-Ästhetik, und ich finde den Film zwar klasse, aber wie soll ich das begründen? Eine Erlösung von unserem ausgelutschten Krimifilmkram, bis hin zum Vollpathetischen: Die Zukunft des deutschsprachigen Films liegt in Österreich. Gut, ich versuch's. Im Ohr hab ich sowieso das pathetische Flehen aus der Matthäus-Passion: Komm, süßer Tod.

Aber damit geht es schon los, hört man richtig hin, ist es das süße Kreuz, das kommen soll. Rettungsfahrer Brenner singt laut und falsch mit, das Bach-Karaoke geht über die Zentrale an alle Empfänger. Es ist grandios, dramatisch, komisch, ergreifend, echt und total richtig. Denn es geht um den letalen Zuckerschock auf dem Transport, um Mord statt Rettung.

 

Konkurrierende Rettungswagenunternehmen arbeiten mit Folter- und Killertrupps. Whodunit? Brenner, der depressive Exbulle, muß nochmal ran, als Fahrer, er kriegt sogar eine Frau ab (Nina "Nordrand" Proll), obzwar er eigentlich die andere ("die" Barbara Rudnik) wollte. Das geht als vollnormaler TV-Plot hin. Aber! Was wir sehen, ist im Film in allen Einzelheiten und in der Summe voll daneben. Ohne daß man das gleich merkt. Während der Vorführung fing es bei mir damit an, daß ich mich fragte, warum denn eigentlich die Mördersuche? Ich hab ihn doch gesehen, den Deutschen ("Mörder sind immer die Deutschen"), während der Tat, er war im Bild, aber seltsam unbeteiligt, versehentlich, als hätte die Kamera nicht aufgepaßt. Vorsätzlich falsch kadriert? Schlampert? Frech? Der Film tut so, als ob nichts gewesen wäre. Das Whodunit geht weiter. Inzwischen war ich aber hellwach. Denn es geht mit dem Daneben weiter, immer haarscharf, und das hat System. Die TV-Ästhetik des ersten Blicks geht flöten. Wieder kommt die Kamera mit einer Standard-Einstellung. Ein Bett, eine Bettdecke, das Paar wird gleich anfangen. Zwar hat Barbara Rudnik, die Herrliche, das rechte Bein in Gips; auch hat Hader einen Bauch, aber da gibt's ja die Decke. Richtig, bloß wir sind falsch TV-codiert, wenn wir meinen, vom Nabel an abwärts halte sich das Paar bedeckt. Denn im "Süßen Tod" ist genau die Körperhälfte zu sehen, die wir uns sonst nur denken können.

 

Wolfgang Murnbergers Film gibt uns den Spaß, den sonst zum Überdruß vertrauten TV-Bildern gerade nicht zu trauen. Das ist schon komisch, ein bißchen auch verzweifelt, eventuell gar zynisch, aber niemals auf Kosten eines Einzelnen. Denn die Charaktere werden durch die brillante Desillusionierungstechnik des Films definiert und zwar liebevoll. Josef Hader, der desillusionierte Nichtheld, mieselsüchtig und raunzert, kommt nur auf die depressiv-zynische Schmäh-Tour in Fahrt. Und umgekehrt wird Berti, der Zivi, also der "Zivildiener" auf österreichisch, zum Helden. Er schießt dem Chef nach nur leichtem Zögern in den Kopf - was jeder Kriegsdienstverweigerer gut und richtig finden wird (sonst: dKuhlbrodt@compuserve.com), weil nicht nur der Hader, sondern auch die Rudnik gerade vergast werden und das im Rettungswagen (Notruf 144).

Ich kann das hier schreiben, ohne zu viel zu verraten, weil es in diesem sensationellen Film um das geht, was haarscharf neben dem Plot liegt. Deswegen werde ich ab sofort die ebenso sensationelle tiefe Stimme der Rudnik, die sich unversehens in luftige Höhen entwickeln kann (ich meine die Stimme), fortan rauchig nennen. Und klar, daß der Hader, gerade aus dem als Anschlag mit Abgas gefüllten Rettungswagen entkommen, sich erstmal eine ansteckt. Auch summt er, nachdem die Sofa Surfers gerade für gute Stimmung gesorgt hatten, schon wieder "Komm, süßer Tod" vor sich hin, "ein Kirchenlied!", sagt die patente Prollfrau Nina Proll, "du bist echt pervers".

 

Die echt österreicherisch gesprochenen Dialoge sollte man schon verstehen können. Wir Norddeutschen haben's da leicht: Der Verleih hat angekündigt: nördlich der Mainlinie OmU.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: Schnitt

 

Komm, süßer Tod

A 2000. R,B: Wolfgang Murnberger. B:Wolf Haas, Josef Hader. K: Peter von Haller. S: Evi Romen. M: Sofa Surfers. P: Dor. D: Josef Hader, Simon Schwarz, Barbara Rudnik, Nina Proll u.a. 108 Min. Ventura ab 20.9.01

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