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 Die Klavierspielerin

 

 

 

 

Wem flau im Magen wird, wenn er Wiens Anatomisches Institut besucht oder Hanekes "Klavierspielerin", der reagiert richtig. Schließlich ist es die Huppert selbst, die kotzt. Nachdem sie, die Klavierlehrerin, den Schwanz des Schülers gelutscht hat. In Wiens Eislaufverein. Jetzt breitet sich der Schleim auf dem Boden aus. Die Kamera hält drauf, dann stellt sie fest, wie die Frau allein und einsam über das Eis stakst. Grade war die Eishockeymannschaft drauf gewesen, lachend, sich nach getaner Tat in die Handflächen hauend, gimme the five. Prall und prollig die Männer. Der klassischen Kunst verschrieben und neurotisch-pervers die andere.

Den Lesern dieser Zeitschrift müßte man eigentlich mit weniger deftigen Vokabeln kommen und zurückhaltend von Fellatio sprechen und der Frauenrolle in Österreich, der Kulturnation, die sich über den Kult klassischer Musik ausdefinieren möchte. Aber dann wären wir vom Film und von Jelineks Roman weit weg. Es geht nicht um intellektuelle Interpretation, sondern um den kalten und genauen Blick auf das, was man öffnet im anatomischen Labor. Fakten sind zu protokollieren. Wer mit Hypothesen kommt, verfälscht den Befund. Und bitte den Blick nicht abwenden. Elfriede Jelinek sieht hin, präzis sprachlich. Und Haneke findet Bilder für die Sprache. Das ist seine Stärke. Und das ist das kaum Erträgliche für die Zuschauer. Haneke ist der Jelinek kongenial. Und der Eindruck ist stark. Wir kommen zu einem Ergebnis.

Gewiß könnte man manche Bilder als Metaphern nehmen. Die vom Leben isolierte Pianodozentin allein auf dem Eis. Aber darin erschöpft sich das Bild nicht. Haneke fixiert die Kamera, und wir sehen in der Versuchsanordnung wie von ungefähr und geradezu erzählerisch zwei junge Mädchen, die auf dem Eis versunken und unangestrengt kunstvolle Pirouetten drehen; das Eishockeyteam drängt sie lärmend auseinander, sie versuchen eine Nische zu finden, sie finden sie nicht, sie geben auf. - Wir notieren das. Die Diskussion und Evaluation der Ergebnisse kommt am Schluß. Nach dem Film.

Auch das Mutterbett, in dem sich Isabelle Huppert, immerhin über 40, an die Mutter kuschelt (Annie Girardot), ist Metapher für den wiener Schoß, der nicht entläßt. Für die klassische Musik, die anderes nicht kennt. Oder nicht zuläßt. Elfriede Jelinek hat sich klassisch freudianisch zu ihrem Werk geäußert. In Hanekes Bildern wird es plausibel, daß die Befreiung aus der wiener Mutterwohnung nur durch Gewalt möglich sein wird. Durch Aggression oder Autoaggression.

Die Pianodozentin gibt guten Unterricht. Kalt. Emotionslos. Gnadenlos. Eine Art Spanische Reitschule, bloß daß wir die schönsten Lieder und die schönsten Interpretationen von Schubert hören. "Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten, es schlafen die Menschen in ihren Betten." Wie immer läßt Haneke sich die Zeit des Beobachters. Und die ist länger als die des Erzählers. Die Sequenz ist lang. Und wir hören das ganze Lied. Nie hätten wir gedacht, daß wir das romantische Lied mit einer Sadomasostimmung zusammenbringen könnten.

Schnitt. Eine neue Versuchsanordnung. Die Klavierspielerin in der Einzelkabine des Pornoshops. Sie schnüffelt an einem benutzten Kleenex. Lang, konzentriert, auf ihrem Gesicht spielt sich nichts ab. In der Wohnung zerschnipselt die Mutter, was die Tochter sich an Textilien gekauft hat; Mode lenke von der Konzentration auf die Kunst ab. Die Tochter entnimmt im Badezimmer ihrer Handtasche ein Papierpäckchen, wickelt routiniert eine Rasierklinge aus und schneidet in die Scheide. Das Blut läuft in die Wanne. "Essen ist fertig", ruft die Mutter.

Das war wieder eine lange, lastende Szene. Die Huppert spielt ohne Mimik. Wir sind Haneke dankbar, daß er uns ihren Studenten, Benoit Magimel, zeigt. Er ist zwanzig Jahre jünger, und er will eine Liebesbeziehung. Die Jelinek hat in ihrem Roman herausgearbeitet, wie die Österreicherin endlich, erstmals, aus ihrer Selbstverstümmelungobsession herauskommt und so etwas wie Gefühle zeigt. All das, was sie vermag, ist, den Liebenden für ein SM-Spiel zu trainieren. "Das Recht, sich einen Mann zu nehmen und ihn zu lehren, Sadist zu werden, das ist Herrschaft in der Unterwerfung, zwar gesellschaftlich unerlaubt; aber für eine Frau ist alles außer Gebären und Kinderaufzucht eine Anmaßung" (so Elfriede Jelinek, frei aus einem Interview in englischer Sprache). - Die Beziehung mit dem Zwanzigjährigen entwickelt sich nicht gut. Perversion ist keine Antwort auf Liebe.

Die wiener Kunstbeflissene ist voll neurotisch, sprich: ein Österreich, das sich als Kunstnation ausdefiniert, ist Symptom einer blühenden Neurose. So der Roman. Und der Film.

"Haben Sie gelesen, was Adorno gesagt hat?", wird im Dialog gefragt. Es tut weh, wie das analytische Skalpell geführt wird. Der Film fügt Jelineks Befund einige sinnliche, entlastende, aber auch sarkastische Momente hinzu. Die beredte Gestik und Mimik des großartigen Schauspielers Benoit Magimel, des Studenten der Pianomeisterklasse, läßt Menschlichkeit in die kalte Laborsituation einbrechen. Aber er macht die emotionale Depravation der Konservatoriumsprofessorin um so deprimierender deutlich. Der Mann besitzt die Gefühle, deren die Frau beraubt ist. Eine bemerkenswerte Feststellung. War es nicht zu Schuberts Zeiten gewesen, daß sich die Kunst vom gemeinen Leben, dem Dilettantismus, getrennt hatte? Daß die hohe Kunst mit dem kunstvollen Eisbahnlaufen nichts zu tun haben wollte? Daß sie ihre Adepten vereinnahmte? Fingertechnik ab zehn Jahren? Sonst merken es doch später die Kunstrichter?

Der Film bringt diesen Hintergrund zum Vorschein. Insofern ist er auch philosophisches Traktat. Denn er stellt das, was den Menschen, der bis zur Zeit, die wir klassisch nennen, noch öffentlich gewesen war, - er stellt dar, wie die Vertreibung in Intimität, Perversion und Neurose ein Land wie Österreich zu dem gemacht hat, was es heute ist. - Das wird, um Gottes willen, weder im Buch noch im Film explizit. Es zählen die Fakten. Doch ich möchte erinnern, daß es mit Richard Sennetts "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität" schon vor bald dreißig Jahren ein schönes Buch gegeben hat, das längst einer hätte konkretisieren und verfilmen können.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

 

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei:  epd film

Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

Die Klavierspielerin

von Michael Haneke, Österreich/F 2001, 130 Min.

mit Isabelle Huppert, Benoît Magimel, Annie Girardot

nach dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek,

Literaturverfilmung

Start: 11.10.2001 

 

 

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