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King Kong (2005)

 

 

 

Peterchens Traum: Der Affe kehrt zurück ins Lichtspieltheater.Werbespektakel und Pressecho

 

Die Werbekampagne im Vorfeld des Kinostarts war omnipräsent. Gorillas sollten nicht nur zum Kauf von Kinokarten sondern auch von Autos oder Handys und Computerspielen sowieso anregen. Es gab ein obligatorisches King Kong-Special bei „Kabel 1“ und, sicherlich absolut zufällig, informiert eine „Daily-Real-Soap“ seit Monaten in der „Berliner Abendschau“ über Befinden und Paarungsverhalten des Gorillas Ivo aus dem städtischen Zoo.

 

So viel steht fest: Peter Jacksons King Kong-Remake ist ein Blockbuster, der polarisiert. Während Anke Westphal, Filmredakteurin der „Berliner Zeitung“, einen der besten Filme der letzten Jahre gesehen zu haben meint, der den Mythos erfolgreich modernisiere und für jeden, vom CGI-Junkie bis zum „Denkologen“, etwas zu bieten habe, fällt in der „Taz“-Rezension unter anderem das Wort „Big-Budget-Gaga“ und man sehnt sich nach dem Abseitigen in Filmen wie Bad Taste oder Braindead. Wo die „FAZ“ ein „Künstlerdrama“ um einen Mann (Jackson) „der seine Kindheitsträume überbieten muss und sei es um den Preis ihrer Zerstörung“ sieht, bereitet „Der Tagesspiegel“ auf „ein faszinierendes Spektakel – und die verrückteste Romanze der Welt“ vor. Auch die Fans auf der einschlägigen Internetplattform OFDB.de finden den Film nicht alle „oberaffengeil“, sondern fühlen sich teilweise von Jackson und einem zu langen und zu teuren Film enttäuscht. Das „Tomatoemeter“ (Pressespiegel der US-amerikanischen Filmkritik im Netz) steigt immerhin auf 82 % und doch gibt es auch hier Stimmen, die von einer halben Stunden Spektakel, die auf drei Stunden Film gestreckt wurde, sprechen. Man darf also gespannt sein.

 

Ein Kindheitstraum

 

Glaubt man an den Mythos Peter Jackson, nicht an die Geschichte an sich, sondern wie sie uns, allen voran von Jackson selbst, erzählt wird, den Mythos vom Movie-Buff seit Kindheitstagen also, der mit seinen Freunden für 17 000 $ und über den Zeitraum mehrer Jahre das blutrünstige Alien-Trash-Vehikel Bad Taste inszenierte, das 1987 in Cannes für Begeisterung sorgte, glaubt man nun, dass dieser Movie-Buff sich einfach immer treu blieb und die Filme drehte, die er schon in Kindheitstagen drehen und sehen wollte, unter anderem eben die dreiteilige Adaption einer wohlbekannten Fantasy-Saga, die ihn schon immer faszinierte, und deren Erfolg nun die Herren Spielberg und Co. auf die Plätze wies und Jackson, ganz nebenbei, zu einem der erfolgreichsten Männer im Business machte, glaubt man, dass sich das alles so abgespielt hat (entscheidend ist, um es noch einmal hervorzuheben, das so. Dass es sich abgespielt hat, steht nicht zur Debatte), dann schließt sich mit King Kong ein riesiger Kreis. Jackson ist nicht das einzige „Splatter-Wunderkind“, das den Mainstream eroberte. Auch Sam Raimi etwa begann vor einem knappen Vierteljahrhundert mit ein paar Kumpels im Wald Horrorfilme zu drehen und durfte zuletzt für zwei Spiderman-Verfilmungen (eine dritte folgt) dreistellige Millionensummen verbraten. Dennoch ist Jacksons Karriere ein Unikum. Steiler, höher, „Larger than life“. Ein Kinotraum. Buchstäblich.

 

Seine Entscheidung Regisseur zu werden, so Jackson, gehe auf den Abend zurück, als er im zarten Alter von neun Jahren zum ersten Mal Coopers und Schoedsacks King Kong und die weiße Frau im Fernsehen sah. Die in seinem Oeuvre unübersehbare Affinität für Spezialeffekte und Monster aller Art rühre hierher und Braindead begann denn auch nicht zufällig auf „Skull Island“. Schon früh träumte er davon, seine eigene Version des Monster-Klassikers vorzulegen. Mit Zwölf stellte er den Film vor einer Super-8-Kamera nach und bereits 1996 nahm er eine aufwändige Verfilmung des Stoffes in Angriff, die aber zu Gunsten von Roland Emmerichs Godzilla-Projekt zunächst auf Eis gelegt wurde. Der Herr der Ringe-Erfolg gab Jackson nun die Möglichkeit, seinen King Kong-Film, größer als je erträumt (das Budget soll sich auf 207 Millionen Dollar belaufen), auf die Leinwand zu bringen.

 

Die Reise beginnt

 

„Unsere Lektion aus ‚Der Herr der Ringe’ lautete: Je fantastischer deine Story, desto stärker muss sie in der Wirklichkeit verankert sein... Für mich ist es viel interessanter, Fantasie durch das Fenster der Wirklichkeit zu zeigen und alles so realistisch wie möglich zu schildern“, sprach’s und so ist das Erste was uns die sündhaft teure Technik zeigt, ein mit schier unendlicher Detailversessenheit rekonstruiertes 30er Jahre-Wirtschaftskrise-New York. Es gibt Wellblechslums im Central Park (bestimmt nicht zufällig) in Sichtweite des Zoos und ein Herr im Anzug beißt nach kurzen Reinigungsmaßnahmen in einen Apfel, den er soeben aus einem öffentlichen Mülleimer gefischt hat. In dieser Situation ist das Einzige, was ein Theater-Direktor für die junge, arbeitsuchende Schauspielerin Ann Darrow (Naomi Watts) tun kann, ihr die Adresse eines „Adults only“- Clubs zuzustecken. Was folgt, ist bekannt. Der Regisseur Carl Denham (Jack Black), besessen von der Idee auf der sagenumwobenen „Skull Island“ einen Film zu drehen und auf der Suche nach einer Hauptdarstellerin trifft Ann, als diese dabei erwischt wird, einen Apfel zu klauen. Er hilft ihr aus der Patsche und überredet sie zu einer Schiffsreise in die Südsee, ins Herz der Finsternis (Conrads Buch wird im Gespräch zweier Expeditionsmitglieder direkt in den Besessenheits- und Wildnisdiskurs des Films mit einbezogen).

 

Von (Un-)Menschen, Affen und Dinosauriern

 

Die Möglichkeiten, den Ur-Stoff um einige ideologisch bedenkliche Momente zu erleichtern, lässt Jackson zunächst konsequent ungenutzt. Die rassistische Karikatur des chinesischen Schiffskochs aus dem Original taucht in einer Szene als Eins-zu-eins-Hommage auf und die Eingeborenen sind tausendmal böser und widerwärtiger als in der klischeebehafteten Darstellung von 1933. In Erdlöchern kauernde, lauernde Bestien. Hinterhältig und blutrünstig. Hässlich wie die Nacht. Bis zur absoluten Entmenschlichung überzeichnet. Eine Mischung aus Zombies und Orks. In verschwommen-düsteren Albtraumbildern gefilmt sind sie vielleicht die Schrecken erregendsten Skull Island-Geschöpfe überhaupt. Könnte man den Ur-King Kong durchaus auch als Kolonisationsmetapher deuten, das Filmteam als schieß- und profitgeile Konquistadoren, die ein gesellschaftliches Gleichgewicht, das, wenn auch nicht nach ihren Wertvorstellungen, seit Jahrtausenden funktionierte, binnen Stunden zunichte machen, würde diese Lesart angesichts von Jacksons Ureingeborenen wohl zu einem zynischen Ergebnis führen. Wie Grace in Dogville und Manderlay, müsste man zur Erkenntnis gelangen, dass die Welt ohne diese Kreaturen einfach ein besserer Ort wäre.

 

Diese Eingeborenen entführen nun Ann vom Schiff, um sie dem Riesengorilla Kong, den sie wie eine Gottheit verehren, zum Geschenk zu machen. Zwischen den beiden scheint es von Beginn an eine starke Attraktion zu geben. Der Monsteraffe veranstaltet einen sonderbaren Freudentanz, in dem er den „Weiße Frau“-Phallus auf anstößige Weise in der Luft herumwedelt. Auch Ann führt ein Tänzchen für ihn auf, wobei er einen wahrhaft sadistischen Sinn für Humor an den Tag legt, so dass von ihrer Seite erste pädagogische Maßregelungen seines ungezügelten Machismo nötig werden. Auf dem Totenkopf-Eiland ist auch die zentrale CGI-Effektorgie des Films angesiedelt. Da gibt es nicht nur eine ganze Riesensaurierherde, sondern sie muss sich auch noch im Synchronstolpern und –fallen üben, so dass einem die Dinos um die Ohren purzeln, bis man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Da regnet es Kadaver menschengroßer, durch Maschinengewehrsalven erlegter Insekten und phallische Sumpfwürmer greifen hinterrücks an. Da muss sich unser Titelheld, Ann in einer seiner gewaltigen Pranke und an einer Liane schwingend, gleich gegen mehrere T. Rex behaupten. Überall kreucht und fleucht, flattert und beißt es. Verschnaufpause exklusive. Auch wenn der Bogen, mehr als einmal, endgültig überspannt wird, so dass die Effekte in reine Kraftmeierei ausarten, stehen sie letztendlich doch im Dienst der Geschichte. Im Herzen der Finsternis, so lernen wir, ist die – oft eindeutig sexuell konnotierte – Natur eine permanente, unnachgiebige Bedrohung.

 

King Kong und die weiße Frau: Eine tragische Liebesgeschichte

 

Schließlich schafft man es, samt Riesenaffe, ins „zivilisierte“ New York zurückzukehren, wo Denham seine Beute als „achtes Weltwunder“ in einer riesigen Show sensationsgeilen, besser betuchten New Yorkern vorführt. Die Leute, die als „Ureingeborene“ vor dem angeketteten Affen über die Bühne hampeln, erinnern in ihrer Verkleidung übrigens beträchtlich an die Einwohner einer sagenumwobenen Insel in der Südsee, auf die ein Filmteam in einem gewissen Monster-Film-Klassiker von 1933 stößt. Kong gelingt es, sich zu befreien und in wilder Raserei wirft er Taxis und Straßenbahnen durch die Big-Apple-Avenues, bis Ann auftaucht um ihn zu besänftigen. Gemeinsam fliehen die beiden in den Central Park, wo ihnen auf einem zugefrorenen See dann auch noch ein gemeinsamer Tanz vergönnt ist. Ann liebevoll in der Pranke haltend vollführt der Riesenaffe mit seinem Allerwertesten auf dem Eis Pirouetten, die der Jahreszeit entsprechend geschmückten Tannen im Hintergrund. Der formale Kitsch und die inhaltliche Absurdität vereinigen sich hier auf so sonderbare Weise, dass, ganz ehrlich, eine wunderschöne Liebesszene entsteht. Dass diese dann abrupt vom Feuer schwerer Artillerie unterbrochen wird, zeugt von einem wahrhaft Dickensschen Verständnis für Kontraste. Nach einer kurzen Verfolgungsjagd findet also, wie gehabt, der Tragödie letzter Akt in luftigen 350 Metern Höhe, auf dem damals höchsten Punkt der Stadt, statt. Die Kriegsflugzeuge, die Kong auf der Spitze des Empire State Buildings umkreisen, sind ein Spiegel des fliegenden von allen Seiten attackierenden Skull Island-Getiers. Nicht nur die Natur also, auch der Mensch kann unerbittlich und grausam sein. Die friedliche Vereinigung, das Liebesbündnis von beiden, das nicht auf Unterwerfung beruhen würde, muss als illegitim vernichtet werden.

 

Das Ende eines Traumes?

 

Ich verließ das Kino ehrlich gerührt und beeindruckt, aber auch ein bisschen ratlos. Kinobetreiber setzen große Hoffnungen in den Affen. Er soll das Loch im Weihnachtsgeschäft, das Die Rückkehr des Königs hinterlassen hat, stopfen und die überhaupt beschissene Jahresbilanz aufpolieren helfen. Die Krise des Unterhaltungsmediums Kino aber kann ein Film wie dieser nicht abwenden - ja, auf lange Sicht verschlimmert er sie vielleicht. Peter Jacksons angeblicher Kindheitstraum ist erfüllt. Es war ein schöner Traum, doch jetzt ist er vorbei. Jackson hat die Hommage an seinen Lieblingsfilm als großes Überwältigungskino inszeniert, wie es Lucas zuletzt absolut nicht mehr und Spielberg nur mit größeren Abstrichen hinbekam. Der State of the Art der Spezialeffekte wurde, wieder einmal (für ein paar Monate) neu definiert. King Kong bringt neue technische Standards, aber keine neuen Impulse. Weder für Jackson noch für das Kino an sich. Womit könnte uns die neue Galionsfigur der Blockbusterindustrie jetzt noch überraschen? Eigentlich nur noch mit einem Sequel zu Heavenly Creatures, dem Film Paulines und Juliets etwa, der, laut Georg Seeßlen, noch darauf wartet gedreht zu werden.

 

Nicolai Bühnemann

 

Zu diesem Film gibt's im archiv mehrere Texte

 

King Kong

(King Kong)

Neuseeland, USA, 2005, 187 Minuten

Regie: Peter Jackson

Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, nach der Geschichte von Merian C. Cooper und Edgar Wallace

Musik: James Newton Howard, Mel Wesson

Kamera: Andrew Lesnie

Schnitt: Jamie Selkirk

Darsteller: Naomi Watts (Ann Darrow), Jack Black (Carl Denham), Adrien Brody (Jack Driscoll), Thomas Kretschmann (Kapitän Englehorn), Colin Hanks (Preston), Andy Serkis (Kong / Lumpy), Evan Parke (Hayes), Jamie Bell (Jimmy), Lobo Chan (Choy), John Summer (Herb), Craig Hall (Mike), Kyle Chandler (Bruce Baxter)

 

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