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Ken Park

 

Strangled by Kournikova

 

In „Ken Park“ gibt’s folgende sexuelle Praktiken zu sehen: Cunnilingus, Fellatio, Bondage, Strangulation, sowie „normalen“ Verkehr. So, hätten wir das abgehakt, können wir dann ja endlich zum wesentlichen Teil des Film kommen, dem Teil mit Handlung anstatt Praxis, und der machte mich deshalb böse auf den Film, weil er mich eben nicht böse auf was Anderes machte.

 

Denn „Ken Park“ fügt lediglich eine Reihe von mehr oder weniger normalen Alltagsgeschichten einer langweiligen kalifornischen jugendlichen Mittelschicht aneinander und will uns weismachen, ein Leben solch mittelmäßig netter Art müsse zwangsläufig Selbstmord oder Doppelmord an den lieben Großeltern heraufbeschwören, bloß weil Opa beim Scrabble schummelt oder Oma nicht anklopft, bevor sie das Zimmer betritt.

 

Das Problem von „Ken Park“ ist, dass er nichts Geringeres als den Untergang der Zivilisation illustrieren möchte, zur Beweisführung aber nur entweder sattsam bekannte Klischees heranzieht, wie den Skater-hassenden Vater, der natürlich auf Männlichkeit, Muskeln und Alkohol steht, das, als seien wir blind oder tumb, mehrfach noch verbalisieren muss (aber – und auch in „American Beauty“ war das schon in seiner Zeigefingerpädagogik peinlich – in Wirklichkeit natürlich schwule Tendenzen hat [nebenbei: wo bitte übrigens ist da ein zwingender Widerspruch?]), die Mutter, die den Freund der Tochter als Betthupferl verwendet oder den religiösen Fanatiker, der die voreheliche Sündigkeit der Tochter nur mit brachialen Anfällen seiner Ecclesiogenen Neurose beantworten kann. (In „Carrie“ eskalierte religiöser Wahn schon mal viel besser - und lustiger.)

 

Das Problem von „Ken Park“ ist: Der Film realisiert nicht, dass die Welt wegen all dieser gezeigten Macken der Erwachsenen nicht nur nicht funktioniert, sondern dass diese Macken zu den Grundpfeilern einer funktionierenden Gesellschaft gehören, zu den durchweg nicht immer schönen, aber normalen Spielarten/Abarten menschlicher Leidenschaften, Sehnsüchte und Werte. Zu den gängigen Modellen, die man als Teenager entweder dumpf übernimmt, oder eben dazu braucht, um sich bessere auszudenken. 

 

Männer, die Nutten der Ehefrau vorziehen? Nichts Neues. Prostitution ist schließlich das älteste Gewerbe der Welt. Väter, die saufen und ihre Kinder missbrauchen wollen? Hat’s schon immer gegeben. Väter, die ihren Söhnen die Gitarre über dem Kopf zerdeppern, die Plattennadel über die Platte ziehen, dass sie abbricht, das Skateboard kaputt treten? Wegen deren Lebenslust ihre Söhne ablehnende Väter sind das Normalste von der Welt, und für jede Sohn-Generation immer wieder ein guter Anlass, mal langsam Zuhause auszuziehen. Doch „Ken Park“ tut so, als sei das alles ganz neu und Unsensibilität in der Elterngeneration ganz fürchterlich endzeitlich, die Problematik der derart standardmäßig geärgerten Jugend aber plötzlich unzumutbar.

 

Beim Schriftsteller Bret Easton Ellis, einem anderen amerikanischen Untergangspropheten („Rules of Attraction“, „American Psycho“, „Glamorama“), geht die Rechnung auf, die bei Larry Clark in einer vergeblichen, eher müden, Anstrengung verpufft: Denn in Ellis Geschichten ist der allgemeine Sinnverlust atmosphärisch, psychologisch und ästhetisch spürbar. Die Leere im Inneren bei Ellis führt zwangsläufig zur Lust am Bösen, am Töten oder zur Todessehnsucht.

 

Larry Clark fällt nichts Besseres ein, als Erwachsene zu präsentieren, die ihre Kinder mit Werten belästigen, die allein schon in ihrer Eigenschaft, Werte zu sein, für eine durchaus vorstellbare Welt im Zerfall noch viel zu anachronistisch sind. Gegen Werte und Normen war schon immer ein Kraut gewachsen, nämlich andere Werte und Normen. Gegen eine finale Auflösung von Werten und Normen jedoch keines - mindestens würde es da schon komplizierter, aber Clark kommt nur mit den alten Kamellen...

 

Normal muffiges, kleinbürgerliches Leben, anderes ist nicht auszumachen in „Ken Park“. Kein echter Grund zur Sorge auffindbar. Alles viel zu heile oder so eindeutig bekloppt - eben so normal - dass es nicht ernsthaft einen innerhalb solcher Normalität sozialisierten Jugendlichen in die Krise oder gar zu den Waffen treiben könnte. Und wenn Clark schließlich und endlich aber die Antwort auf dumpfe Eltern in der Idealisierung unschuldig reiner Jugendlichenkörperlichkeit oder aber alternativ in deren freiwilligem Ausscheiden münden lässt, ist das Kitsch, mindestens grob unverhältnismäßig.

 

Interessant dabei, dass auch die auch unverhältnismäßigen „Virgin Suicides“ vom Co-Regisseur und Kameramann von „Ken Park“ Ed Lachman gefilmt wurden. Eine das Fatale beschwörende, negative Verklärung des Banalen zur Deklaration seiner Unerträglichkeit, eine morbide Romantisierung von Alltäglichkeit zum Behufe der Inszenierung heldenhafter Freitode/Morde ist nicht Analyse, nichtmal Provokation, sondern ein bequemes Verharren in einem eigentlich affirmativen Mystizismus. Mystizismus, der hiermit schon fast ein Genre ist: Mit dem heftig diskutierten Film „Kids“ begann Clark gemeinsam mit Co-Autor und dem späteren Regisseur Harmony Korine dieses Genre zu begründen. Korine drehte danach im ganz ähnlichen Milieu und Stil die viel sperrigeren und daher interessanteren White-Trash-Filme „Gummo“ und „Julien Donkey Boy“ (einem Original-Dogma95-Film), während Clark etwa mit Filmen wie „Another Day in Paradise“ eine unentschlossene Melange aus Entertainment und Dokudrama versuchte. In „Ken Park“ haben Korine und Clark wieder am Buch zusammengearbeitet, was den Film jedoch nicht rettet, denn was an „Kids“ noch nachhaltig beißend war, führt in „Ken Park“ bestenfalls noch zum Brechreiz, aber das genügt nicht.

 

„Ken Park“ provoziert einfach nicht. Weil Clark das aber offenbar will, benutzt er das Oberauthentizitätsargument und die Brechstange „Sex“ und tut so, als sei es heute, nach Filmen wie „Fick mich“, „Intimacy“, „Romance“ etc. immer noch provokativ, seine Darsteller richtig und sichtbar ein wenig vor der Kamera vögeln zu lassen. Vor allem aber tut er so, als sei es schon ein Omen für den kulturellen Niedergang, wenn sich ein Bürschchen ein wenig würgt und dabei zum Fernseh-Tennis mit Anna Kournikova einen runterholt. Wieso die schlechte Laune? Immerhin hat er seinen Spaß gehabt (soviel ist authentisch). Ich meinen weniger.

 

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Andreas Thomas

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der filmzentrale

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Ken Park

Regie: Larry Clark, Ed Lachman. Mit Stephen Jasso, James Ransome, Tiffany Limos. USA/Niederlande 2002, 95 Min.

 

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