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Der Kaufmann von Venedig

 

 

 

 

"Wenn ihr uns stecht,

bluten wir nicht?

Wenn ihr uns kitzelt,

lachen wir nicht?

Wenn ihr uns vergiftet,

sterben wir nicht?

Und wenn ihr uns beleidigt,

sollen wir uns nicht rächen?"

(Shylock)

 

Für die filmische Adaption von Shakespeares Bühnenstücken gab es bislang einen "Experten": Kenneth Branagh, der derzeit an Shakespeares "Wie es euch gefällt" arbeitet, ein Film, der 2006 in die Kinos kommen soll. Der Regisseur und Schauspieler konnte durch seine Filme "Heinrich V." (1989), "Viel Lärm um nichts" (1993) und "Hamlet" (1996) überzeugen, während seine Adaption des Stoffes "Verlorene Liebesmüh" (2000) allerdings als nicht besonders gelungen anzusehen ist. Daneben erwähnenswert ist sicherlich noch Roman Polanskis großartiger Film "Macbeth" (1971). An den Stoff von "Der Kaufmann von Venedig" trauten sich bislang nur wenige Regisseure. Außer einer Stummfilmadaption von Phillips Smalley aus dem Jahr 1914 und einer weiteren von 1923 (Regie: Peter Paul Felner) wurde das Stück von Otto Schenk 1968 für das Fernsehen inszeniert.

 

Michael Radford, dessen Streifen "Der Postmann" 1994 viel Lob erntete, hielt sich in der 2004 produzierten Kinoversion zum einen stark an den Urtext Shakespeares, versuchte jedoch andererseits das aus heutiger Sicht "kritische" Stück einer zeitgenössischen Interpretation zugänglich zu machen. Die Diskriminierung der Juden in fast ganz Europa zu Shakespeares Zeit lässt natürlich verschiedene Deutungen des Textes zu. Stellt man Shylock als ausschließlich skrupellosen, auf seinen eigenen Vorteil bedachten Juden dar, während man die Nicht-Juden als ehrbare Bürger präsentiert? Radford "befreit" in seiner Adaption das Stück Shakespeares von dieser potentiell antisemitischen Stoßrichtung und konzentriert sich auf die Darstellung des Konflikts zwischen den venezianischen Edelleuten und den diskriminierten Juden in Gestalt von Shylock.

 

Venedig 16. Jahrhundert. Den Juden ist es verboten, "normalen" Beschäftigungen nachzugehen. Als Geldverleiher werden sie von den Machthabern geduldet; nur fanatische Christen greifen die Juden wegen ihrer "Wuchergeschäfte" immer wieder an. Die Juden müssen rote Kopfbedeckungen tragen und sich nachts in "ihrem" Bezirk aufhalten, der abgeschlossen wird. Dieser Bezirk heißt "Ghetto". Der Name entstammt der gleichnamigen venezianischen Insel, der wiederum auf eine Gießerei zurückgeführt wird. "Getto" bedeutet umgangssprachlich eigentlich: Guss. Am 29.3.1516 entschied die venezianische Regierung, alle Juden in diesem Teil der Stadt unterzubringen.

 

Shakespeare erzählt die Geschichte des jüdischen Geldverleihers Shylock (Al Pacino), der von dem Kaufmann Antonio (Jeremy Irons) darum gebeten wird, ihm 3.000 Dukaten auf drei Monate zu leihen. Antonio benötigt dieses Geld nicht für sich selbst, sondern für seinen engsten Freund Bassanio (Joseph Fiennes), einen Edelmann, der jedoch kein Vermögen mehr besitzt und das Geld braucht, damit er um die schöne Portia (Lynn Collins) werben kann, die in Belmont lebt und um deren Gunst Dutzende von Freiern werben. Portia ist wählerisch und abergläubisch. Sie hat drei Truhen aufgestellt und geschworen: Nur denjenigen, der die richtige Truhe öffnet, nimmt sie zum Ehemann. Weder einem geckenhaften spanischen Adligen namens Aragon (Antonio Gil-Martinez), noch einem dunkelhäutigen Prinz von Marokko (David Harewood) gelingt es - zur Erleichterung von Portia - die richtige Truhe auszuwählen.

 

Shylock leiht Antonio die 3.000 Dukaten - allerdings nicht für den normalen Zinssatz für drei Monate, sondern unter folgender Bedingung: Wenn Antonio zum Fälligkeitstermin das Geld nicht (zinslos) zurückzahlen kann, hat Shylock das Recht, ihm ein Pfund Fleisch nahe des Herzens aus dem Leib zu schneiden. Shylock stellt diese Bedingung, weil er von Antonio während antijüdischer Missfallenskundgebungen der Venezianer schon mehrfach beschimpft und sogar bespuckt worden ist. Antonio lässt sich auf eine notarielle Beurkundung dieses Vertrags ein, denn er ist sich sicher, dass eines seiner vielen Handelsschiffe, die derzeit alle unterwegs sind, ihm schon bald weit mehr als 3.000 Dukaten zurückbringen werden.

 

Bassanio kann nun um die Gunst der schönen und reichen Portia werben. Für Shylock und Antonio allerdings laufen die Dinge nicht so, wie sie sich erhofft hatten. Denn Jessica (Zuleikha Robinson), die Tochter Shylocks, verlässt heimlich, unterstützt durch ihren christlichen Geliebten Lorenzo (Charlie Cox), den Diener Shylocks Launcelot (Mackenzie Crook) und Bassanios Freund Gratiano (Kris Marshall) ihren Vater und nimmt etliches an Geld mit. Launcelot wechselt in die Dienste von Antonio. Und Antonio auf der anderen Seite verliert sämtliche seiner Schiffe und ist am Fälligkeitsdatum zahlungsunfähig.

 

Shylock besteht darauf, den Vertrag einzuhalten. Es kommt zu einer Verhandlung vor dem Dogen. Nach den Rechtsbestimmungen Venedigs sieht es so aus, als ob Shylock auf seinem Recht bestehen kann. Antonios Freunde und andere versuchen verzweifelt, das Schlimmste zu verhindern ...

 

Ohne Zweifel versetzt einen der in Venedig gedrehte Film angesichts der Kostüme, der Ausstattung usw. in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurück. Visuell ist Radfords Inszenierung also gelungen.

 

Auch in bezug auf die Interpretation des Stoffes gelingt es Radford, einen im Stück selbst angelegten, der damaligen Zeit entsprechenden Antisemitismus weitgehend zu vermeiden. Im Gegenteil. Radford und Al Pacino präsentieren Shylock als einen zwar harten Geschäftsmann, aber eben auch als einen, der sich nicht anders verhält als christliche Kaufleute auch: Er ist auf Gewinn bedacht. In dem Moment allerdings, als einer derjenigen, die Shylock bespuckt und beschimpft haben, ihn um Geld bittet, sieht Shylock die Möglichkeit, den christlichen Bewohnern Venedigs den Spiegel ihres Verhaltens und Denkens vor Augen zu halten: Er besteht - wie alle anderen Kaufleute auch - auf Einhaltung des Vertrags. Hinter der oberflächlich gesehen ausschließlich skrupellosen Mentalität Shylocks steckt sicherlich auch ein gutes Stück Rache (zumal er Christen auch dafür verantwortlich macht, dass ihn seine Tochter klammheimlich nachts samt seinem Geld verlassen hat), aber eben vor allem, dass Shylock darauf besteht, dass er und die anderen Juden in Venedig genauso Menschen sind wie die Christen und sich außer im Glauben durch nichts voneinander unterscheiden.

 

In dieser Hinsicht hat Al Pacino einen wahrhaft großen Moment, als er seinen christlichen Widersachern, die um allen Preis Antonios Tod verhindern wollen, in einer engagierten Rede ihren verwerflichen Antisemitismus vorhält. Gleichzeitig gerät Bassanio angesichts der Zahlungsunfähigkeit Antonios in einen schweren Gewissenskonflikt. Denn er wollte Portia nicht gewinnen auf Kosten des Lebens seines besten Freundes.

 

Durch diese Interpretation des Stoffs erscheint auch die Gerichtsverhandlung, die durch eine List zum Scheitern Shylocks führt, in einem anderen Licht. Denn: Anstatt dass Shylock sein Recht durchsetzt, wird ihm gegenüber skrupellos (aufgrund einer List) verfahren: Er verliert fast sein gesamtes Vermögen und muss sich taufen lassen.

 

So weit so gut. Allerdings muss ich dennoch Bedenken anmelden. Radford inszenierte den Film weitgehend wie ein Bühnenstück. Der Film spielt allerdings nicht auf der Bühne, und das macht die Angelegenheit problematisch. Dramatik und Theatralik, die Zuspitzung mancher Konflikte, das "Vorführen" von Personen usw. funktioniert auf der Theaterbühne anders als auf der Kinoleinwand. Wer eine Theaterführung live erlebt und dann eine Aufzeichnung einer solchen Aufführung im Fernsehen verfolgt hat, merkt schon hier deutliche Unterschiede in der Wirkung des Gezeigten. Noch deutlicher sind die Unterschiede, wenn es sich um einen eigenständigen Film handelt, der sich fast schon streng an die Regeln des Bühnenstücks halten will. Der Film verliert hier zusehends an Dramatik und Glaubwürdigkeit des Gezeigten.

 

Hinzu kommt anderes. Obwohl Radfords Film über zwei Stunden lang ist, wirken manche Szenen allzu gehetzt, als ob sie schnell abgedreht werden mussten, um die Zeit einzuhalten, die zur Verfügung stand. Und obwohl Al Pacino, Jeremy Irons, Joseph Fiennes und vor allem auch Lynn Collins als Portia ihr bestes geben, wirken sie eben nicht wie Bühnenschauspieler, sondern wir Filmschauspieler, die sich als Bühnenschauspieler "ausgeben".

 

Besonders drastisch kommt dies in der Schlusssequenz zum Ausdruck, der Gerichtsverhandlung. Einiges ist zu atemlos, anderes zu bedächtig inszeniert. Als Shylock verurteilt wird, sein Vermögen abzugeben und sich taufen zu lassen, sinkt Pacino auf den Boden. Aber gerade diese Szene wirkt kaum tragisch, nicht in der Weise, wie es auf einer Theaterbühne in Szene gesetzt werden könnte, sondern unbeholfen, mangelhaft. Überhaupt fehlt - trotz der schauspielerischen Bemühungen - eine tiefer gehende Charakterdarstellung. Zudem wird sowohl der Tragik, als auch der Komik des Stücks durch diese Art der Inszenierung - eng an einem Bühnenstück - des Öfteren die Spitze genommen.

 

Und selbst die zeitgenössische Uminterpretation eines zweifellos Antisemitismus enthaltenden Stücks wie diesem kann Zweifel an der Richtigkeit solchen Ansinnens aufkommen lassen. Denn wenn man sich einerseits fast schon streng an das Stück halten will, sollte man dann andererseits von der Intention des Autors derart viel Abstand nehmen? Das könnte von einem "böswilligen" Betrachter als unzulässige Reinwaschung des Stoffs erscheinen. Vielleicht wäre es besser gewesen, sowohl textlich, als auch dramaturgisch in diesem Fall zu Shakespeare auf Distanz zu gehen, also eine wirklich freie Adaption des Stoffes zu liefern à la "nach Motiven aus Shakespeares ,Der Kaufmann von Venedig'". Das hätte der Inszenierung auf ehrliche Weise jede Freiheit der Interpretation bzw. der eigenen Darstellung dieser Geschichte gelassen, und die Distanz zu Shakespeare wie zur Theaterinszenierung wären klarer und verständlicher geworden.

 

Wertung: 6 von 10 Punkten.

 

Ulrich Behrens

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei:follow me now

 

 

Der Kaufmann von Venedig

(The Merchant of Venice)

USA (Italien, Luxemburg, Großbritannien) 2004, 138 Minuten

Regie: Michael Radford

Drehbuch: Michael Radford, nach William Shakespeare

Musik: Jocelyn Pook

Director of Photography: Benoît Delhomme

Montage: Lucia Zucchetti

Produktionsdesign: Bruno Rubeo

Darsteller: Al Pacino (Shylock), Jeremy Irons (Antonio), Joseph Fiennes (Bassanio), Lynn Collins (Portia), Zuleikha Robinson (Jessica), Kris Marshall (Gratiano), Charlie Cox (Lorenzo), Mackenzie Crook (Launcelot Gobbo), Heather Goldenhersh (Nerissa)

 

Internet Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0379889  

 

© Ulrich Behrens 2005

 

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