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Der Kandidat ( Diese Kritik ist erschienen im Juli 1964)

 

Das Interesse der Amerikaner an der großen Politik in Washington läßt sich kassenwirksam abschöpfen. So fleißig wie die Theatergänger, die 1963 in das Bühnenstück The Best Man strömten, sollen nun auch die Kinogänger ihre Eintrittskarten lösen. Das Thema "große Politik" wird sich wieder bezahlt machen. Schön, daß sich das Publikum dafür findet. Aber ist sein Interesse daran ein politisches?

Der Inhalt des Films deutet zunächst darauf hin: auf den ersten Blick werden nichts weiter als Mechanismen der Kandidatenwahl ins Bild gesetzt. In der Sports Arena in Los Angeles haben sich aus allen Bundesstaaten der USA die Delegierten einer Partei versammelt, um den Kandidaten für das Amt des Präsidenten zu wählen. Im Ambassador Hotel sitzen die Kandidaten mit Ehefrauen und Funktionären und ziehen an den Fäden. Selbst Mr. President, wiewohl totkrebskrank, erscheint, um gegebenenfalls den Ausschlag zu geben. Ihm fällt die Wahl schwer. Denn einer der beiden Hauptkandidaten, William Russel, ist zwar ein Charakter, überdies jedoch Intellektueller; drum leidet er an Entschlußlosigkeit. Weitere Mängel: einerseits beging er eine kommunistische Jugendsünde, andererseits läuft er schönen Frauen nach und benutzt die Ehefrau als Staffage. Schlimmer noch: auf Befragen erklärt er, nicht an Gott zu glauben, und er muß zugeben, daß er nach einem Nervenzusammenbruch ein ganzes Jahr lang in einer Heil- und Pflegeanstalt saß. Das ist gefundenes Fressen für den Gegenkandidaten, den Senator Joe Cantwell. Er fotokopiert die Krankheitsgeschichte seines Gegners und läßt sie während der Abstimmungen verteilen; das medizinische Fachvokabular wird seine Wirkung tun, bei so viel Latein kann nur Geisteskrankheit vorliegen. Damit scheint die Wahl entschieden. Alles spricht für Cantwell. Er führt ein geordnetes Eheleben. Er ist Antikommunist und entlarvt in Untersuchungen, die vom Fernsehen übertragen werden, die Mafia als kommunistische Untergrundorganisation. "Natürlich" glaubt er an Gott, und er glaubt, ohne Einkommenssteuern auszukommen. Daß er skrupellos ist, Macht vor Recht setzt: wer weiß das schon? Was tun? Da fällt Russel im letzten Morment Material gegen Cantwell in die Hände: Material über eine homosexuelle Jugendsünde. Triumph! Die Wahlen sind entschieden - doch: Russel murmelt charaktervoll: "Eigentlich fürchterlich, dieser Kampf um die Macht", spielt den Unzuchtsfall nicht öffentlich aus, verzichtet lieber auf die Kandidatur und sorgt für die Wahl eines unbekannten Dritten, Cantwells Pläne vereitelnd. Lieber sauber bleiben und resignieren, der Dritte wirds schon schaffen, wem Gott ein Amt gibt, gibt er auch Verstand. Fazit: Russel erobert sich mit seinem edlen Tun die Liebe seiner Ehefrau zurück; er wird im trauten Heim das Glück allein finden.

 

Daß politische Auseinandersetzungen mit Enthüllungen aus der Intimsphäre entschieden werden, mag hierzulande noch den Reiz des Neuartigen haben, freilich einen leicht abgestumpften Reiz. An das Los Walter Hagemanns und Werner Friedmanns dürfte man nicht denken, Kapfingers Passau nicht als Stätte großer Politik ansehen, an die Emigrantenhetze sich nicht erinnern. Anders in den USA. McCarthys Kommunistenjagd brach erst ab, als er homosexueller Verfehlungen verdächtigt wurde. Und dies, schon klassische, Beispiel blieb durchaus im Bewußstein der Öffentlichkeit. 1962 kehrte es in Premingers Sturm über Washington (Fk 10/62) wieder.

Dem Zuschauer vermittelt der Film die zufriedene Einsicht, daß er bei so wichtigen Anlässen wie denen einer Präsidentschaftskandidatur auch politisch Zuschauer sei. "Nur durchs Schlüsselloch mag er etwas vom wahren Geschehen erhaschen. Für anständige Leute, so ist das Fazit, ist in der Politik ohnehin kein Platz. Russel, der Charakter, macht sich nicht die Finger schmutzig, indem er gegen die Geisteskrankheit-Verdächtigung mit dem Homosexuell-Material kontert. Lieber läßt er den Vorwurf auf sich sitzen, weiß er sich doch innerlich rein, Politische Abstinenz wird nun mit Ehegattenliebe belohnt, Politische Verantwortung wird mit einer Phrase abgetan: über den Kandidaten, der statt Russels oder Cantwells gewählt werden soll, weiß Charakter Russel nicht viel mehr, als daß er ein großes Auto fährt und tüchtig ist; aber: wem Gott ein Amt gibt, wird sich schon als Best Man erweisen. Zeigt das nicht die Galerie amerikanischer Präsidenten? Der Vorspann reiht die Porträts  aneinander.  Unter  dem  Foto John F. Kennedys prangt der Name des Regisseurs: Franklin Schaffner.

Schaffner hat ganz offensichtlich unbewußt eine gefährliche Entwicklung ausgesprochen. Wer Best Man, Präsidentschaftskandidat ist, bestimmen nicht die Wähler, sondern die Intrigen weniger. Und das ist gut so. Damit werden die Filmzuschauer und Staatsbürger von politischer Verantwortung in einem Maße

entlastet, das in Staaten, in denen die USA ideologische Gegner sehen, nur mir Zwangsmitteln erreicht werden konnte.

Schaffner brauchte sich deshalb auch nicht zu engagieren. Er brauchte die Kandidatenwahl nur so zu arrangieren, daß der Beste, der mit der besseren Kondition, gewinnt. Also inszenierte er eine Sportveranstaltung. Also wählte er die Form der Reportage. Beginn des Films: ein Fernsehreporter erläutert den Zuschauern vor dem Eingang zur Sports Arena in Los Angeles die Spielregeln. Dann zeichnet die Filmkamera, berufsmäßig erregt wie Sportreporter, die Ausscheidungskämpfe auf. Ohne Witz, versteht sich. So etwas will für bare Münze genommen werden. Deswegen ist auch kein einziger stilistischer Einfall zu verzeichnen.  Schaffner machte einen geschickten Reißer. In der gleichen Art hätte er Schlagerwettkämpfe oder eine Schönheitskonkurrenz zeigen können. Die Spannung, durchaus vorhanden, ist durchaus abstrakt: sie zielt nur auf eine Frage: wer ist der Gewinner? In dieser Frage wird das, was man mit dem Begriff Demokratie verbindet, zum austauschbaren Attribut der Konkurrenz schlechthin, und das moralische Postulat "Der Beste siegt" wird sinnentleert, zur Tautologie: der Gewinner gewinnt.

Schaffner, von naivem Glauben an die demokratischen "Spiel“-Regeln erfüllt, kann daher bei seinem Wahlspiel nur eine Wiederholung vorangegangener sehen. Drum wiederholte er in Konstellation und Spielart Sturm über Washington bis in Einzelheiten so sehr, daß man von Plagiat nur deswegen nicht sprechen kann, weil er selbst das zu Grunde liegende Bühnenstück (Advise and Consent) in New York inszeniert hatte. Da er nichts zu sagen wußte, weiß sein Film auch nichts zu sagen. Damit unterscheidet er sich grundlegend von Dr. Seltsam (Fk 5/64). Der Kandidat bleibt aber sogar noch hinter Sieben Tage im Mai (Fk 5/64) zurück: sein Interesse an der Politik ist, um die Anfangsfrage zu beantworten, ein naiv unpolitisches: es bietet sich zum Mißbrauch an.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen im Juli 1964 in der Zeitschrift Filmkritik

 

 

Der Kandidat

The Best Man

USA 1964. P Stuart Miller/Lawrence Turman.

V United Artists - R Franklin Schaffner. B Gore Vidal n. s. Bühnenstück K Haskell Wexler,

M Mort Lindsey.

D Henry Fonda ,William Russel), Cliff Robertson [Joe Cantwell), Lee Tracy (Präsident), Margaret Leighton (Mrs. Russell), Edie Adams Mrs. Cantwell)

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