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Kamikaze
1989
Schachmatt
!?
In
Erinnerung an RWF,
der
am 31. Mai 2005 60 Jahre
alt
geworden wäre.
Man
kann das Thema Totalitarismus ernst nehmen, man kann totalitäre Strukturen
und Handlungsabläufe in Komik auflösen - und man kann (fiktive) autoritäre
Gesellschaften in skurrilen und fast schon comicartigen Bildern einfangen. Für
letzeres entschied sich 1982 Rolf Gremm ("Die Brüder", 1977)
in seinem Sciencefiction "Kamikaze 1989", der eine von einem namenlosen
Medienkonzern beherrschte, in naher Zukunft liegende Welt zeigt. Der Film fußte
auf einem Roman des weltbekannten Kriminalschriftstellers Per Wahlöö.
•
I N H A L T •
Obwohl
in Berlin und Düsseldorf gedreht, vermittelt der Film den Eindruck einer
Großstadt wie Frankfurt. An dem alles beherrschende Medien-Konzern prangt
ein Emblem, das dem einer bekannten deutschen Großbank sehr nahe kommt.
Immerhin kann der ebenfalls namenlose Chef des Konzerns (Boy Gobert) für
sich beanspruchen, 99% Einschaltquote erreicht zu haben. Zudem beherrscht er
als "postmoderner" Hugenberg über die Presse. Überall sind
die Programme des Konzerns präsent: In der Disko, auf den Straßen
usw. Allein, unter den einem Prozent Menschen, die sich dem Konzern und seinem
allmächtigen Programm entziehen, scheint es auch Gewalttäter zu geben,
die dem Medien-Macht-Multi den Garaus machen wollen. Eine Bombendrohung samt
Ankündigung, man wolle sich für einen Mord rächen, ruft die Polizei
auf den Plan. Der todkranke, im Rollstuhl sitzende Polizeipräsident (Arnold
Marquis), der von einer Krankenschwester (Juliane Lorenz, letzte Lebensgefährtin
von Fassbinder) gepflegt und gehegt wird, schickt seinen Paradebullen, Polizeileutnant
Jansen (Rainer Werner Fassbinder) ins Feld, sprich: zum Konzern. Jansen kann
immerhin mit einer Aufklärungsquote von 100% aufwarten.
Empfangen
von der in Blau gekleideten Personaldirektorin (Brigitte Mira) und dem psychopathisch
wirkenden, des öfteren hämisch lachenden Vizepräsidenten (Jörg
Holm), zu denen sich noch der Neffe des Präsidenten (Richy Müller)
gesellt, nimmt Jansen seine Ermittlungen auf, während eine gewisse Barbara
(Nicole Heesters) über die Kanäle nur gutes Wetter zu verkünden
hat.
Eine
Bombe sei in dem von 4.100 Angestellten bevölkerten Konzernkomplex deponiert
und solle am 13.9. um 14 Uhr detonieren. Der aalglatte, sich seiner Macht bewusste,
doch immer freundlich und zuvorkommend wirkende Chef wiegelt ab, stimmt aber
schließlich doch einer Evakuierung des Gebäudes zu. Als dann die
Personaldirektorin mir nichts dir nichts nach einem Fenstersturz tot vor dem
Gebäude liegt, scheint es für Jansen kompliziert zu werden. War das
ein Unfall oder Mord? Als der Konzernchef ausgerechnet seinen Neffen als vermeintlichen
Täter präsentieren und der Polizeipräsident den Fall ad acta
legen will, durchschaut Jansen das Spiel, das man mit ihm treiben will, kommt
aber zunächst keinen Zentimeter weiter.
Aber
Jansen wäre nicht Jansen, würde er sich durch seinen Vorgesetzten
lahm legen lassen. Er ermittelt weiter und unterbricht eine Weile den Kontakt
zum Polizeipräsidenten. Zusammen mit seinem Kollegen Anton (Günther
Kaufmann) kommt er auf die Spur einer verschwörerischen Gruppe, in deren
Machenschaften auch die Ex-Geliebte des Chefs, die schöne Elena (Petra
Jokisch), sowie die Wetter-Fee Barbara verwickelt sein könnten. Auch ein
gewisser Zerling (Hans Wyprächtiger), der genauestens über den Konzern
Bescheid zu wissen scheint, und ein Ex-Angestellter des Konzerns namens Weiss
(Franco Nero) scheinen mehr zu wissen, als sie zunächst sagen wollen.
Für
Jansen wird es eng. Denn dem Konzernchef ist er inzwischen eher lästig
geworden. Und zwei bewaffnete, maskierte Gestalten schießen auf ihn und
Anton. Und noch etwas: Alle munkeln von einem angeblichen 31. Stock im Konzerngebäude,
das offiziell nur 30 Stockwerke haben soll ...
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I N S Z E N I E R U N G •
Gremm
entfacht ein teilweise grelles, auf jeden Fall aber farbenfrohes Sciencefiction-Theater,
das in der Ausstattung und vor allem in den Personen an jene Comics erinnert,
die man nicht allzu ernst nehmen kann, aber auch nicht nur für reine Fiktion
halten sollte. Die Figuren sind überzeichnet, während die Handlung
durchaus ihre realistische Berechtigung hat. Dafür spricht schon Per Wahlöö,
dessen Romane sicherlich in den Bereich der seriösen Schriftstellerei mit
ebenso ernsthaftem Hintergrund gehören. Das Schrille der Gremmschen Inszenierung
kann darüber nicht hinwegtäuschen, eher im Gegenteil. Das Parodistische
der Inszenierung, durch das einerseits die Machtgelüste und totalitären
Eigenheiten einer medial überformten und beherrschten Gesellschaft in den
Bereich der Groteske "verbannt" werden, während andererseits
gerade dadurch die Gefahren visuell vermittelter Machtphantasien umso deutlicher
werden - dieses Parodistische lässt in allen Figuren Gutes wie Böses
zum Vorschein geraten, oder eben das letztlich Lächerliche der Macht.
Gremm
setzt in den Mittelpunkt der Handlung den bizarren Polizeileutnant Jansen -
und damit den Schauspieler Rainer Werner Fassbinder (übrigens in seiner
letzten Rolle vor seinem Tod im selben Jahr am 19. Juni 1982; der Film kam erst
nach seinem Tod in die Kinos). Fassbinder nahm seine Rolle ernst und hörte
auf den Regisseur, ohne sich in dessen Kompetenzen einzumischen. Die beiden
Freunde Gremm und Fassbinder kamen - so auch der Eindruck nach Sicht eines Specials
auf der 2005 erschienenen DVD - exzellent miteinander aus, was dem Film mehr
als gut bekam. Und Fassbinder gab sein Bestes: Im Ganzkörper-Leoparden-Look
dieses erfolgreichen Bullen - selbst sein Taschentuch trägt das Muster
besagten Tieres - geht der Schauspieler voll auf. Ein Eigenbrötler, der
sich bei seinem Chef nur meldet, wenn er Lust hat, ein eigener Kopf, der ermittelt,
wie er will. Ein Alkoholiker dritten Grades, der kaum etwas mit seinen eher
kleinbürgerlich wirkenden Kollegen gemein hat.
Einer
eben, der seine "Kundschaft" kennt, wie einer aus dem kriminellen
Milieu wirkt, ein bisschen arrogant, aber nicht zu viel, ein bisschen geckenhaft,
aber auch in Maßen. Ein Exzentriker par excellence, der sich jedoch sicher
von niemandem bestechen ließe; das ginge ihm gegen die Hutschnur. Einer,
für den Gewaltanwendung ein Mittel zum Zweck ist, und dabei ist er nicht
gerade zimperlich - etwa wenn er einen Verdächtigen durch laute Musik fast
zum Wahnsinn treibt oder sich mit einem Absperrbrett auf dem Dach des Konzerns
eines Verfolgers entledigt, der in die Tiefe stürzt.
Gremm
holte für diese Parodie noch andere Schauspieler in sein Ensemble, die
in den Jahren zuvor oft in Fassbinder-Filmen zu sehen waren, vor allem Günther
Kaufmann, Brigitte Mira und auch Juliane Lorenz. Franco Nero, den Fassbinder
bei den Dreharbeiten kennen lernte, sollte in seinem letzten Film "Querelle"
eine Hauptrolle bekommen, und auch mit Boy Gobert hatte er schon in Daniel Schmids
"Schatten
der Engel"
1976 zusammengearbeitet.
Die
Geschichte selbst beinhaltet im Kern ein Komplott des eiskalten Konzernchefs,
das die letzten unabhängig (von den Intentionen des Medienriesen) denkenden
Intellektuellen ausschalten sollte, die sich nun nach den nicht ganz erfolgreichen
Versuchen, sie auf diese Weise kaltzustellen, rächen wollen. Dabei kommt
dem italienischen Star-Schauspieler Franco Nero in der Rolle des Weiss (Neros
erste Rolle in einem deutschen Film) eine zentrale Bedeutung zu. Damit zeigt
Gremm auch in durchaus kritischer Absicht die Unfähigkeit der Intellektuellen,
der Macht etwas Wirksames entgegenzusetzen. Franco Neros Weiss, in eine Uniform
gekleidet, so dass man ihn fast für einen vergessenen Angehörigen
der deutschen Wehrmacht halten könnte, verbirgt sich, schweigt, verdeckt
seine Unfähigkeit gegenüber der Macht des Medienkonzerns hinter der
Fassade des intellektuellen, leicht elitären Sonderlings, der nur noch
in der anonymen Drohung ein Mittel sieht, dem Konzernchef Paroli zu bieten,
dem er und andere zuvor abgenommen hatten, sie sollten eine neue Aufklärung
des Volkes initiieren. Auch diese Dummheit, dem Konzernchef auf den Leim gegangen
zu sein, rächt sich in der Pose des verkleideten "Spinners".
Für
heutige Sehgewohnheiten wirkt "Kamikaze 1989" vielleicht etwas zu
schrill. Doch nach zweimaligem Sehen des Films muss ich gestehen, dass ich solche
Filme heute eher vermisse.
•
D V D •
Bildformat:
1.66:1, 16:9
Dolby,
HiFi Sound, PAL
DVD
Erscheinungstermin: 23. Mai 2005
Universum-Film
ist es zu verdanken, dass "Kamikaze 1989" jetzt auf DVD erschienen
ist (übrigens neben Neuauflagen von Fassbinder-Filmen wie "Fontanes
Effi Briest", "Mutter Küsters' Fahrt zum Himmel" und "Faustrecht
der Freiheit" bei Arthaus). Fassbinder wäre dieses Jahr 60 Jahre alt
geworden. Besonders lobenswert ist es, dass die Produzenten auf die DVD Gremms
knapp 60 Minuten dauernde Dokumentation "Letzte Arbeiten" aus dem
Jahr 1982 packten. Gremm zeigt hier ausschließlich Aufnahmen von den Dreharbeiten
zu "Kamikaze 1989" und Fassbinders letztem Film "Querelle"
- mit Fassbinder im Mittelpunkt. Im Gegensatz zu früheren Jahren sieht
man einen Regisseur und Schauspieler Fassbinder, der ruhiger, gelassener, aber
auch sichtlich erfahrener und routinierter geworden ist - eine sehenswerte und
äußerst interessante Dokumentation.
Zu
erwähnen ist auch, dass der Film in hervorragender Ton- und Bildqualität
zu sehen ist. Die im Mai 2005 erschienene DVD kostet derzeit (Stand: 8.7.2005)
bei amazon € 14,97, bei jpc € 15,99.
Wertung
Film und DVD: 10 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen bei: follow me now
Kamikaze
1989
Deutschland
1982, 106 Minuten (DVD: 102 Minuten)
Regie:
Wolf Gremm
Drehbuch:
Wolf Gremm, Robert Katz, nach dem Roman "Mord im 31. Stock" von Per
Wahlöö
Musik:
Edgar Froese
Kamera:
Xaver Schwarzenberger
Schnitt:
Thorsten Näter
Darsteller:
Rainer Werner Fassbinder (Polizeileutnant "Kamikaze" Jansen), Günther
Kaufmann (Anton), Boy Gobert (Konzernchef), Arnold Marquis (Polizeipräsident),
Richy Müller (Neffe des Konzernchefs), Nicole Heesters (Barbara), Brigitte
Mira (Personaldirektorin), Jörg Holm (Vizepräsident), Hans Wyprächtiger
(Zerling), Petra Jokisch (Elena), Franco Nero (Weiss)
Internet
Movie Database:
©
Ulrich Behrens 2005
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