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Die Journalistin

 

Ein Heldenlied auf die rasende Reporterin des Dubliner Sunday Independent. 93 Motive. Jede Filmminute ein neuer Drehort. Wer sich nicht sputet, schafft das nicht. Veronica Guerin und infolgedessen auch der Film haben damit kein Problem. Die Kamera fängt links an. Eine Tür geht auf, oder das Telefon klingelt, dann kommt der Schwenk nach rechts, etwas nervös und zittrig die Handkamera, und zack sind wir wieder links; das ist da, wo, wie der Leser weiß, die Zeile anfängt. Wir lesen im Design dieses schönen Films die Reportagen, die alle Dubliner vor sieben Jahren gelesen haben, Meisterwerke des investigativen Journalismus. Da deckt eine Frau in der irischen Männerwelt die Strukturen und Verfilzungen der örtlichen Drogenmafia auf, allein, aber nicht einsam. Die Herausgeber der Zeitungen notieren eine signifikante Auflagensteigerung. Sie starten eine Kampagne. Ihr Politiker, tut doch was! Der Chefreporterin wird ins Knie geschossen. Jetzt haben wir das Medienereignis. Sie bekommt in New York den International Press Freedom Award. Sie macht weiter, interviewt vor Ort einen Mafiaboss nach dem andern, exklusiv und allein, das ist ihr Job, andere telefonieren und kucken bei Google nach. Sie kuckt dem Bösen ins Angesicht. Eine Heldin vom Format des film noir, ein Raymond-Chandler-Held als Frau. Sie stirbt den Heldentod und alles wird gut. Der Gesetzgeber verschärft die Drogengesetze. Der Geldwäscheparagraph nimmt den Bossen den Reichtum weg. Die Bösen sind erst ärgerlich, dann im Knast oder im Ausland. Die Kriminalitätsrate sinkt um glatt fünfzig Prozent. Durch Dublins Straßen zieht die Dankesdemo, und die Stadt ist sauber. So einfach ist das, wenn nur eine einzige Frau den Besen in die Hand nimmt.

Eine einfache, gradlinige Geschichte, orientiert am wahren Leben und Sterben der Reporterin. Eine ermunternde Botschaft, pseudodokumentarisch fotografiert (Handkamera) und fast ganz mit originalirischen Darstellern besetzt. Regisseur Joel Schumacher, berühmt geworden durch sein Werbefilmdesign, gibt sein bestes, die Attraktion der Story durch rasende Ästhetik zu steigern. Gern hätte ich ihm im Kino gesagt, ich hör die Geschichte und mir fehlt gar nicht der Glaube. Aber er war nicht im Kino, und ich wollte nicht noch extra bekehrt werden. So hab ich es mir denn angesehen, wie der Journalistinmord zum schicken Clip wird. Aufregend schön reflektiert das Mündungsfeuer auf dem Gesicht des Biker-Killers. Wieder und wieder, genau sechs mal, bäumt sich im Auto der ebenso schöne Körper der Reporterin auf, die Kamera zieht sich zurück, aha, sie hatte durch das Schiebedach fotografiert, das klagende Irenlied wird von Geigen abgelöst, das Streichorchester setzt voll ein, wir sollen weinen.

Es weinen um die Reporterin Mutter, Mann und Sohn. Wir lernen durch den Film, daß Kämpfer wie unsere Heldin nur aus dem Hort der intakten Familie für das Gute und für unsere Werte ihr Leben einsetzen können. Es gibt keinen Konflikt zwischen Profession und zickiger Ehefrau, wie wir das aus den amerikanischen Vergleichsfilmen kennen. Nein, hier in der "Journalistin" ist Muttermannsohn solidarisch mit der Arbeit der Heldin, die die Dubliner Welt verändert.

Aus der heilen Familie kommt die neue saubere Welt. Eine wahre Geschichte. Sagt der Film. Das könnte ein populistisches Programm sein. Damit könnte man sich identifizieren. Nichts da mit Demos für oder gegen Fernes im Ausland. Zwei mal demonstrieren Frauen in Dublins Straßen. Am Anfang des Film ist die Beteiligung mager. Ein paar Frauen halten das Band "Concerned parents against war" hoch. Am Ende sind es Massen, die jetzt "Drugdealer out!" fordern. Die Reporterin wird postum zur Führerin und Leitfigur. Sie selbst, nervös gespielt und mit einem unsicheren Lächeln auf den Lippen (Cate Blanchett), braucht unsere Hilfe. Als Tote erst recht. Reiht Euch ein!

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser  Text ist zuerst erschienen in der:  tageszeitung (taz)

 

Die Journalistin

USA / Irland 2003 - Originaltitel: Veronica Guerin - Regie: Joel Schumacher - Darsteller: Cate Blanchett, Gerard McSorley, Ciaran Hinds, Brenda Fricker, Barry Barnes, Joe Hanley, Colin Farrell - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 96 min. - Start: 11.9.2003 (6. Woche)

       

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