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Joshua

George Ratliffs Horrorfilm "Joshua" ist völlig frei von allem Übersinnlichen, an subtilen Verstörungen des Kleinfamilienglücks aber umso reicher.

 

Brad (Sam Rockwell) und Abby Cairn (Vera Farmigia) sind bestens situiert, haben eine schöne Wohnung in guter Manhattan-Lage. Eine Tochter wird geboren, die Eltern sind glücklich, nur der neunjährige Sohn Joshua blickt böse. Böser noch als ältere Geschwister aus guten Gründen immer blicken, wenn Geschwister geboren werden, die alle Aufmerksamkeit rauben, die zuvor ihnen galt. Der Rest ist, wenn man so will: Rückeroberung dieser Aufmerksamkeit.

 

Joshua (Jacob Kogan) ist eine Art Wunderkind. Er spielt fantastisch Klavier, er macht mit Vorliebe altkluge Bemerkungen und die Lehrerin der Elite-Schule meint in der Sprechstunde, er solle eine Klasse überspringen oder besser gleich zwei. Der Titel des Films rückt ihn ins Zentrum, der Film selbst tut dies zunächst nicht. Es geht um das Familienglück, die gerade geborene Tochter Lily. Und darum, wie das Glück sich eintrübt. Das Baby schreit, die Mutter ist bald mit den Nerven am Ende. Der Vater bekommt Schwierigkeiten in seinem Wall-Street-Job. Seine Mutter kommt aus der Provinz und schleppt Joshua zu New Yorker Veranstaltungen von Evangelikalen. Joshua fällt beim Klaviervorspiel in Ohnmacht, meist schweigt er, nur gelegentlich fragt er seine Eltern, ob sie ihn noch lieb haben.

 

"Joshua" ist ein Horrorfilm, der in seiner Tonlage an "Das Omen" oder "Rosemaries Baby" erinnert, mit einem wichtigen Unterschied: Er kommt ganz ohne das Übernatürliche aus. Der Horror, um den es geht, ist der des Zwangs zum Kleinfamilienglück. Die Mutter weigert sich, ein Kindermädchen zu engagieren, noch am Rande des Nervenzusammenbruchs pumpt sie sich die Brust ab, um bis zuletzt als perfektes Muttertier dazustehen. Der Vater ist kein Patriarch, sondern einer, der sich redlich ums Haushalts-Mittun bemüht, auf Kosten durchaus des beruflichen Erfolgs. Mit schlechtem Gewissen linst er, weil die Ehefrau zur Nacht sich abwendet, zur schönen Kollegin am Kopierer und sucht als Ersatzbefriedigung Pornoseiten bei Google.

 

Lange dauert es, bis Vater Brad begreift, dass mit Joshua etwas nicht stimmt. Dass das Schreien des Babys, der Zusammenbruch seiner Frau, der Tod seiner Mutter durch Treppensturz womöglich keine unglückliche Verkettung von Zufällen sind. Weil alle - außer Joshua - hier bis zur Verzweiflung ans Gute glauben wollen, bekommen sie das Böse, das sich unter ihren Augen zuträgt, nicht in den Blick. Subtil trägt Regisseur George Ratliff den Schrecken in seine eleganten Alltagsbilder ein. Der Horror ist hier eine Sache der Addition kleiner Verunsicherungen und jenen Blindheiten geschuldet, mit denen die gehobene Mittelklasse nach Innen und Außen die Fassaden aufrecht erhält.

 

Joshua dagegen ist das Prinzip der reinen Fassade, einer, dessen äußerliches Bemühen um den schönen Schein rein mechanisch ist. In seinem leeren Kern liegt die vollständige Abwesenheit von Moral. Er ist völlig frei noch vom hilflosesten Willen zum Guten und damit auch von der Fähigkeit zur Bestandserhaltung durch Doppelmoral. Die Diagnose, dass der evangelikale Fundamentalismus dazu das passende funktionale Äquivalent ist, ist so treffend bösartig wie dieser - die meiste Zeit jedenfalls - auf täuschend leisen Sohlen daherschleichende Film insgesamt. Er beginnt mit reinem Familienglück und lässt am Ende nicht ein Jota davon übrig. "Joshua" ist eine kompromisslos finstere Abrechnung mit den Verlogenheiten des gehobenen Kleinfamilien-Bürgerglücks und hatte, wen wundert's, beim US-Mainstream-Publikum nicht den Hauch einer Chance.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Joshua

USA 2007 - Regie: George Ratliff - Darsteller: Sam Rockwell, Vera Farmiga, Jacob Kogan, Celia Weston, Dallas Roberts, Michael McKean, Nancy Giles, Ezra Barnes, Linda Larkin, Jodie Markell, Alex Draper - FSK: ab 16 - Länge: 106 min. - Start: 17.1.2008  

 

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