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Jerry Maguire - Spiel des Lebens

 

Jerry Maguire erschlägt einen förmlich mit einem Schwall an Nettigkeiten und allerlei anderem weiß Gott Gutgemeinten. Und genau das macht ihn, neben seinem auffallend großen Mangel an dramaturgischer Finesse, so ungemein penetrant, wie er nunmal ist. Er kann somit als Exempel für die Beweisführung verwendet werden, dass allein der naive, tendenziell sozialdemokratische Gedanke - "Lasset uns nichts wirklich ändern, aber seien wir wenigstens nett und kuschlig zueinander!" -, wie ihn die Titelfigur in einer käsig-kurzen Exposition zu Papier bringt (Hinweis für den Zuschauer: Ab jetzt bitte liebhaben, den Kerl), wie ihn sich der Film zum Credo erhebt, nicht ausreicht, um schon Gutes zu tun, Gutes getan zu haben, mit Gutem affiniert zu werden. Im Gegenteil: Das grundlegend Ärgerliche an diesem Schmonz ist, dass er sich selbst erliegt, sich selbst für beschaulich gut hält, dabei nichts zu Ende denkt und in all seiner Güte letzten Endes nur blankem Zynismus Tür und Angel öffnet. Schrecklich ist es, wie hart es doch im Sportmanagergeschäft zugeht. Wunderbar ist es dennoch, wenn man nach vielfältigen Strapazen und einiger Bewährungsproben bestandener Kuscheleien - mit dem Klienten, mit der Sekretärin, die, natürlich, Gattin wird - endlich im medialen Rampenlicht stehen, sich dort feiern kann. Als ob das eine mit dem anderen nichts zu tun hätte! Und so weiter und so fort. Eine grunderbärmliche Naivität, die durch nichts, wirklich durch nichts gebrochen wird: Verwundert reibt man sich die Augen - der Film meint es, sich, noch immer ernst.

 

Dabei hätte das durchaus was werden können. Der Beginn war nicht aufregend, aber sympathisch. Hie und da schien Crowes Begeisterung für Wilder durchzuschimmern, in den Büroszenen etwa, die - im Gegensatz zum Rest des Films - aufs Formale unbedingten Wert legen. Doch dann kann man dem Film beim Stolpern förmlich zusehen: Was will er sein? Satire, Komödie, Liebesfilm, gar Drama? Der Film belässt's beim Straucheln. Mal Schlagseite hier, mal ein Kippen nach dort. Nichts ganzes, nichts halbes, viel Unausgegorenes, mitten drin Cruise als sympathisches Arschloch und Zellweger als Glotzkuh vom Dienst, eine bebrillte Krampe hat man ihnen noch zur Seite gestellt. Cuba Gooding, Jr. bleibt im wesentlichen und trotz aller behaupteter p.c.ness Neger, ein wahres Trauerspiel. Wie schmerzhaft lang die Szenen zum Teil doch ausfallen: Wenn alles gesagt wurde, wird nochmal alles gesagt. Wenn alles klar ist, ergießt sich der Film in Ungeschicklichkeiten, die um Regisseur, Drehbuchautor und Schnitt gleichermaßen fürchten lassen. Kaum eine Szene, die funktioniert, bei der man nicht mit der Zeit auf die Uhr schielt. Zweieinviertel lange Stunden dauert das, genauso lange wie Kubricks 2001, doch der erscheint geradewegs gestrafft im Vergleich.

 

Für die brunzdumme Naivität, mit der Jerry Maguire haussieren geht, müsste man ihn eigentlich fast schon wieder lieben, markiert (und demaskiert) diese doch den downfall der Sozialdemokratie, wie wir ihn bis heute verfolgen können. Und die Mär vom netten Chef, der einen duzt, der menschlich ist und bleibt, mit dem sich's auch mal bumsen lässt, nimmt die Traumblase der wenig später vor sich hinplatzenden New Economy ja fast schon traumhaft vorweg. Es hätte ein kluger Film werden können. Hätte.

 

Thomas Groh

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen im:  filmtagebuch.blogger

 

Jerry Maguire- Spiel des Lebens

Jerry Maguire

(USA, 1996)

Regie: Cameron Crowe

Drehbuch: Cameron Crowe

Darsteller: 

Tom Cruise .... Jerry Maguire

Cuba Gooding Jr. .... Rod Tidwell

Renée Zellweger . Dorothy Boyd

Kelly Preston .... Avery Bishop

Jerry O'Connell .... Frank Cushman

Jay Mohr .... Bob Sugar

Bonnie Hunt .... Laurel Boyd

Regina King .... Marcee Tidwell

Jonathan Lipnicki .... Ray Boyd

Todd Louiso .... Chad the Nanny

Mark Pellington .... Bill Dooler

Jeremy Suarez .... Tyson Tidwell

Jared Jussim .... Dicky Fox

Benjamin Kimball Smith .... Keith Cushman

Ingrid Beer .... Anne-Louise

 

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