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Jenseits der Stille

 

 

 

Lauter Taubenschiss

 

Ist es eigentlich politisch inkorrekt einen Film über eine Minderheit nicht zu mögen, weil er einfach zu langweilig, einfach zu depressiv, einfach zu einfach ist? Die Vermutung liegt nahe, ist gar mehr als ein heimlicher Verdacht. Caroline Links deprimierend desillusionierendes Märchen von der kleinen Lara (Tatjana Trieb) und ihrer ungewöhnlichen Familie gründet mit solch zentnerschwerer Gewissheit auf der einen, einzigen, wirklichen Idee des Films, dass alles andere wie ein sittsam dahinkolportiertes Pubertätschaos wirkt, inklusive Familientragik und ein wenig jugendlich sexueller Rebellion.

 

Denn eigentlich geht es um die Stille. Das Nichtssagen und Nichtverstehen. Sobald der Film, den denkbar ungünstigsten Zeitpunkt wählend, das traute Heim der aufgeweckten Lara (Sylvie Testud; als Heranreifende) um ihre taubstummen Eltern Martin (Howie Seago) und Kai (Emmanuelle Laborit), verlässt, sich statt der poetischen Ruhe und pointierten Komik der Klarinetten-Karriere von Lara widmet, wird aus einer gefühlvollen Geschichte ein kruder Aufguss des ewig währenden Konflikts der Generationen, gehüllt in unausweichlichen Kitsch.

 

Großartig versteht es Link im ersten Drittel zu akzentuieren, das Wesen ihrer Geschichte über ein Maß von bloßer Schaulust und Neugier auf das Leben von Taubstummen in dieser Gesellschaft zu heben. Es ist diese kaum merkliche Institutionalisierung von Melancholie und lyrischer Erhabenheit die Jenseits der Stille von Beginn an umkreist, deren vorsichtiger Einsatz jedoch allzu schnell über Bord geworfen wird und letztendlich zu einer peinlich präzisen Selbstdestruktion der inhaltlichen Grundpfeiler führt.

 

Wenn am Ende alles darum kreist, ob nun Lara die Aufnahmeprüfung zur Musikhochschule schafft und ihren Kopf gegen den Willen des Vaters durchsetzt, dann steht jenes ,Taub sein' oder ,nicht sprechen können' schon längst nicht mehr an vorderster Front. Dann geht es nur noch darum eine verkorkste, deprimierende Sinfonie in depressivem Moll doch noch irgendwie in Dur-ähnlichem Wohlgefallen auflösen zu wollen. Und da kann die beschriebene Minderheit nun wirklich nichts dafür.

 

Patrick Joseph

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei: ciao.de

 

Jenseits der Stille

Deutschland - 1996 - 112 min. - FSK: ab 6; feiertagsfrei - Prädikat: besonders wertvoll - Verleih: Buena Vista, Buena Vista (Video) - Erstaufführung: - 19.12.1996/25.9.1997 Video - Fd-Nummer: 32278 - Produktionsfirma: Claussen & Wöbke Filmprod./Roxy Film

Produktion: Jakob Claussen, Thomas Wöbke, Luggi Waldleitner

Regie: Caroline Link

Buch: Caroline Link, Beth Serlin

Kamera: Gernot Roll

Musik: Niki Reiser

Schnitt: Patricia Rommel

Darsteller:

Sylvie Testud (Lara)

Tatjana Trieb (Lara als Kind)

Howie Seago (Martin)

Emmanuelle Laborit (Kai)

Sibylle Canonica (Clarissa)

Hansa Czypionka (Tom)

Matthias Habich (Gregor)

 

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