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Jeder siebte Mensch

Jeder siebte Mensch ist Bauer oder Bäuerin in China. Das ist gut die Hälfte der Chinesen. In Zahlen 800 Millionen. Der Dokumentarfilm lässt einige von ihnen zu Wort kommen. Unkommentiert. Und unzensiert, wie der Verleih versichert. Das ist auffällig, denn wir werden ja in den Medien täglich mit Nachrichten versorgt, wie Journalisten in China behelligt werden. Nichts davon in „Jeder siebte Mensch“. Wohl aber schnurren Funktionäre Statements runter. Der Fortschritt ist unaufhaltsam. Von den Bauern hören wir kaum Kritik und wenn, dann an der Vergangenheit (die große Hungersnot, die Roten Garden) und einmal, ja, doch, an der Durchführung der Wahlen zum Gemeinderat. Und alle lächeln. Mimisch macht sich keiner Sorgen. Das ist die Realität.

 

Dies gesagt, ist sehr zu loben, dass der Film prächtig ist (35 mm) und stupend (er versorgt mit Informationen wie nie). Als Zuschauer ist weiter nichts zu tun, als zwischen den Zeilen zu lesen. Oder hinter die gefälligen Bilder zu kucken. Blühende Landschaften sind das Ziel („So soll China aufblühen“). Die Arbeit in der Industrie geht vor. „Nach acht Stunden in der Fabrik gehst du um 16 Uhr aufs Feld“. Mais wird per Hand entschotet, Stück für Stück. Die Sechsjährigen arbeiten mit. Eine Frau kocht was im Wok, vierzig Jahre verheiratet, mehr hat sie nicht gelernt, - lernen dürfen. „Buben sind besser als Mädchen“ ist heute „ein alter Gedanke“. Ab in die Tonne mit ihm, wird uns versichert. Die Vorsitzende des Frauenkomitees lädt eine junge Bäuerin vor. Wird dem Ersuchen um ein zweites Kind stattgegeben? Oder wird gleich sterilisiert? Die Fragen müssen für den Jahresbericht über die Familienplanung beantwortet werden. 

 

Wenn die Kinder nicht auf dem Feld arbeiten, werden sie in der Schule diszipliniert und preisen ihr China, das „von Sklavenarbeit befreit“. Wir sind zum Schluss des Films in einer „experimentellen Landwirtschaftszone“ und erleben eine Überraschung. Die Filmkamera wird dieses eine Mal als Beschwerdestelle genutzt. Wer arm ist, kriegt das Darlehen für Wohnungsbau nicht. Das sacken die ein, die reich sind. Wer trotzdem was beantragt, kriegt keine Antwort. „Abgekartetes Spiel“ auch bei den Wahlen zum Dorfkomitee. Die geheime Abstimmung wurde mit Gewalt verhindert. „Die Alten bleiben im Amt“.

 

Hätte der Film mehr sagen müssen über Korruption und Willkür? Es wäre wohlfeil gewesen. Die Informationen haben wir längst. Aber so wie Elke Groen & Ina Ivanceanu, die Regisseurinnen, empathisch auf Land und Leute kucken und unaufgeregt zuhören, verschaffen sie eine konkrete Vorstellung vom halben China, dem Bauernland, das sonst hinter den Bildern von Megacities und Turbokapitalismus verschwindet.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret

 

Jeder siebte Mensch

Luxemburg / Österreich 2006 - Regie: Elke Groen, Ina Ivanceanu - Darsteller: Dokumentation - FSK: ohne Altersbeschränkung - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 73 min. - Start: 31.7.2008  

 

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