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Jalla! Jalla!

 

 

 

 

 

Schwedisch-libanesische Liebeskomödie

 

 

 

Es gab Zeiten, da galten schwedische Filme als Garant für biederes Problemkino oder schwermütigen Tiefsinn. Doch in den letzten Jahren ist auch in diesem Filmland frischer Wind aufgekommen, eine Aufbruchsstimmung, die bei uns vor allem durch die beiden Filme von Lukas Moodysson, Fucking Åmal (1998) und Zusammen! (2000), wahrgenommen worden ist. Und die Komödie Das neue Land von Geir Hansteen Jörgensen (Forum 2001) erzählte mit unbekümmertem Witz von den Nöten des Flüchtlingslebens. Moodysson hatte auch das Buch zu diesem Film mitgeschrieben. Jalla! Jalla! hat er koproduziert.

 

Jalla! Jalla! Wer arabisch sprechende Menschen kennt, kennt auch diesen wiederkehrenden Ausruf, der wohl am ehesten mit "Los, auf geht's" ins Deutsche zu übersetzen ist. Roro kommt aus dem Libanon. Jetzt lebt er mit der Großfamilie in Schweden. Mit seinem Freund Måns und einem dritten Kollegen ist er damit betraut, öffentliche Grünanlagen von Hundekot und anderen Verunreinigungen zu säubern. Ein Karrierejob ist das nicht. Und so hängen die Jungs während der Arbeit auch gerne mal auf dem Rasen herum, phantasieren den Frauen hinterher und machen den Hundehaltern, die ihre Häufchen nicht brav wegräumen, Ärger.

 

Gar nicht so schlecht, das Leben, wenn es nur ruhig seinen Lauf nähme. Doch das Leben will Action. Die Komödie auch. Und wie im richtigen Leben ist es auch hier die Liebe, die selbst die lässigsten Hänger zum Handeln drängt. Roro ist glücklich verliebt, in ein schwedisches Mittelstandsmädchen, was er aber seinen Eltern verheimlicht. Die haben für den Sohn schon eine andere Frau gefunden: seine Cousine Yasmin. Yasmin ist hübsch und nett, und auch sie will sich nicht in das Arrangement fügen, steht aber unter massivem Druck ihres Bruders: Wenn es jetzt mit dem Heiraten nicht klappt, soll sie in den Libanon zurück.

 

Auch Måns hat in der Liebe ein Problem, das zur Behandlung drängt: Erektionsstörungen. Bei seiner Jenny im Bett steht bei ihm gar nichts mehr. Selbst die Tricks aus der Kolle-Kiste wie Rollenspiele und S/M-Sexperimente, die das Liebesleben beflügeln sollen, versagen kläglich. So muss irgendwann ein libanesischer Wunderheiler ran.

 

Was folgt: ein vorgetäuschtes Heiratsversprechen, Doppelspiel, Missverständnisse, eine Verfolgungsjagd, eine doppelte Verhaftung und irgendwann selbstverständlich ein verdientes Happy-End. Es ist fast wie bei Shakespeare. Und es ist eine alte Wahrheit, dass es beim Kino wie im Theater auf das Was einer Story viel weniger ankommt als auf das Wie. Jalla! Jalla! ist hierfür ein gutes Beispiel. Nichts ist neu an dieser Geschichte. Trotzdem ist auch nichts an diesem Film abgeschmackt. Im Gegenteil, er kommt so frisch und ungestüm dahergestolpert, als wäre das alles noch nie erzählt worden. Und komisch ist es auch noch. Ganz ohne Kopftücher und Viagra-Witze.

 

Dabei ist es eine schlichte, doch wirkungsvolle Idee, die beiden erst mal so unterschiedlichen Sujets in einen Film zusammenzubringen. Jeder Erzählstrang für sich hätte sich wohl schnell erschöpft. So können sie sich beflügeln. Sonst lebt dieser Film vom unverstellt rohen Charme seiner beiden Helden - in der Charakterzeichnung wie auch in einer Widerständigkeit der Gesichter, wie es bei Schauspielern selten ist.

 

Roro (Fares Fares, der Bruder des Regisseurs in seiner ersten Filmrolle) ist ein schmächtiges Kerlchen, kühn und ängstlich zugleich, einer, der mit seinen verträumten Augen gleich unser Herz erobert, Måns ein bulliger glatzköpfiger Ur-Schwede, der erst im Lauf der Zeit beim Mitdurchleiden seiner Potenzprobleme an Sympathien gewinnt. In einem deutschen Film müssten die beiden nun wahrscheinlich stellvertretend für ihre Herkunft gegenseitige Vorurteile durcharbeiten. In diesem Film dürfen sie einfach nur Roro und Måns sein und sich dabei auch treffsicher und ohne Scheu über die jeweiligen kulturellen Klischees und Eigenheiten befrotzeln. Schließlich kennt sich Drehbuchautor und Regisseur Josef Fares, der selbst als Kind libanesischer Eltern nach Schweden gekommen ist, mit den Realitäten interkulturellen Umgangs aus.

 

Auf ernsthafte Beziehungsauseinandersetzungen folgt Slapstick, ein romantisches Picknick im Kerzenschein wird von einer dramaturgisch völlig überflüssigen und nur durch hundehasserische Motive erklärbaren Episode über einen entlaufenen Kampfhund gekontert. Mal gibt es Musik, Reggae etwa, dann wieder nicht. Fröhlich wird daraufloserzählt, unbekümmert die verschiedenen Erzählstränge zusammengeschnitten. Nur die Mädchen bleiben ein bisschen blass, aber vielleicht muss man diese Schwäche einem sonst durchweg sympathischen Jungens-Film ja verzeihen.

 

Josef Fares ist ein erst 24-jährige Stockholmer Filmstudent. Auf seine nächste Arbeit können wir uns schon freuen. Hoffentlich wird er auf der Filmschule nicht verdorben. Ansonsten: Von Schweden lernen.

 

Silvia Hallensleben

 

Diese Kritik ist zuerst in epd Film erschienen am 3.9.2001

 

Jalla! Jalla!

Schweden 2000. R und B: Josef Fares. P: Anna Anthony. K: Aril Wretblad. Sch: Andreas Jönsson, Michal Leszczylowski. M: Daniel Lemma. Ko: Denise Ostholm. Pg: Sonet/Memfis Film/Film i Vast. V: Arthaus. L: 88 Min. Da: Fares Fares (Roro), Torkel Petersson (Måns), Tuva Novotny (Lisa), Leleh Pourkarim (Yasmin), Sofi Ahlström Helleday (Jenny), Leornard Terfelt (Paul), Jan Fares (Farsan).

Start: 20.9.2001 (D), 27.9. 2001(CH).

 

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