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Der Italiener

Il Caimano ist der Originaltitel des Films. Kaiman, Alligator, ist der Spitzname Berlusconis. Bloß um diesen geht es im Film zunächst nur mittelbar. Regisseur und Autor Nanni Moretti (Das Zimmer meines Sohnes) erzählt von sich oder doch von einem Filmproduzenten, dessen Zeit abgelaufen ist und der dies nicht wahrhaben will. Das Großspektakel „Die Rückkehr des Christoph Kolumbus“ soll im eigenen Studio gedreht werden. Wenn kein Geld da ist, und es ist keins da, reicht die Spielzeugkogge in der Badewanne, und wenn es kein Team gibt, und es gibt keins, filmt der Regisseur solo.

 

Hauptsache: Weitermachen bis zum Letzten. Die Abrissbirne. Sie reißt die Wand des Filmstudios weg, das sich unser Regisseur zur Wohnung gemacht hat. An Zusammenhalt fehlt es auch in seiner Familie. Das glückliche Miteinander wird gespielt inkl. Lego mit Frau und Kind. Tagelang wird fieberhaft nach dem allerletzten Baustein gesucht, dem finalen Stück, um das Legoraumschiff zu konstruieren. Verbiestert dieser Alltag. Und was hat der mit Kaiman Berlusconi zu tun? Ist er Der Italiener, den der deutsche Filmtitel meint?

 

Für den Alligator Berlusconi steht er nicht, zunächst mal. Eher für jemanden wie Moretti, der in Arbeit und Familie aufgeht und nichts weiter. Moretti repräsentiert sich selbst. Das gibt barocke Bilder, große Palaver und Szenen grandioser Unheimlichkeit. Durch die nächtliche Stadt wird auf einem Laster ein Schiff in natürlicher Größe transportiert. Lichter blinken. Auf dem Hinterdeck steht die Besatzung. Die Kogge ist in Fahrt. Sticht sie in See? Etwas scheint zu geschehen. Regisseur und Autor Moretti übernimmt eine Filmrolle. Er spielt im Film-im-Film den Kaiman, also Berlusconi. – Aber hallo. Was jetzt? Der Film sagt es nicht, aber wer es wissen will, kann es wissen, dass Moretti in der zweiten Hälfte der zwölf Berlusconi-Jahre die Girotondo-Bürgerversammlungen gegen Berlusconi organisierte und gleichzeitig die linken Parteien kritisierte, denen er vorwarf, zu keiner gemeinsamen politischen Alternative fähig zu sein, hinter der sich die Bürger stellen konnten. Sein Engagement hatte große mediale Wirkung. Der Name Moretti war in den Fernsehnachrichten präsent.

 

Wie also kommt man als Italiener aus zwölf Jahren Konditierung, aus Anpassung und Lähmung heraus? Sich politisieren, einfach so? Aber wie soll das gehen, wenn man ständig den einzigen, alles entscheidenden Legostein suchen muss? Sieht man den Film, wird alles klar. Unser Held gibt die Suche auf. Schluss mit demTrott.  Der erste Schritt des Berlusconigegners ist es, sich von nervender Familie und mieser Arbeit zu lösen. Die emotionale Lösung. Prima, wenn dann eine leidenschaftliche 25-Jährige (Jasmine Trinca) zur Stelle ist und unbedingt ihr erstes Drehbuch (Il Caimano) verfilmt haben will. Moretti, angejahrt, ist Manns genug zu entflammen. Bloß kein Beziehungsdrama jetzt, aber eine Trennung von Weib und Kind in einem Übermaß von Harmonie, dass es die Tränen in die Augen treibt. Nach dem Scheidungstermin fahren Mann und Ex, jeder in seinem Auto, nebeneinander her, aber auf getrennten Spuren. Wieder und wieder nicken sie sich seelenvoll zu. Dann aber Schluss und offen sein für das Neue, ähem, die Neue. – Und jetzt wird es, wie versprochen, politisch?

 

Das neue Paar sieht sich im Studio Berlusconiauftritte an. „Aber das ist ja ein Dokumentarfilm! Das wissen wir doch alles!“ – Der Zuschauer weiß jetzt, warum Moretti das, was alle wissen, in seinem Spielfilm nicht nachstellen will. Es ist alles anders als in unseren biederen TV-Doku-Spielen der vermeintlich objektiven Art. Von Morettis Privatleben als Italiener wissen wir nicht alles. Die subjektive Art seines Films hilft dem ab.

 

Befriedigt das den, der den Diskurs sucht und die Argumentation? Selbstverständlich wird ein solcher schwer frustriert sein. Italiens linke Filmkritik fand Morettis Film voll daneben. Ein unpolitischer Film über den Politiker Berlusconi?? – Ein linkspolitisch korrekter Film hätte allerdings weiter nichts getan, als die altbekannten Argumente noch einmal auszutauschen. Prickelnd wäre das nicht gewesen. Wäre ich ins Kino gegangen? Im Fall des jetzt realisierten Films habe ich es nicht bereut. Denn es gibt im „Italiener“ Bilder und Szenen, vor denen es nicht anders geht, als sich einzulassen und evtl. etwas zu erfahren, was man nicht schon vorher gewusst hat. Das letzte Bild: Moretti/Berlusconi wird zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Er ruft den Souverän, das Volk, auf, sich gegen die Justizoligarchen zu erheben und die kriminellen Richter, die ihn, den Unschuldigen verurteilen, zum Teufel zu jagen. Schon wird der vorsitzende Richter gesteinigt. Der Justizpalast geht in Flammen auf.

 

Haben Sie das gewusst? Irgendwie hatte ich diese Szenen nicht mitgekriegt – in der Realität. Die Fiktion bricht ein in das, was wir alles schon zu wissen meinen und was wir von einem Film wie Der Italiener bittschön abgehakt sehen wollen. Aber es wird nicht abgehakt. Es wird fiktiv gestört. Was nun? Das Schlussbild ist grandios. Die Anteilnahme groß. Solch ein Finale findet man sonst nur in der Oper. Wohlgemerkt, die Musik ist es nicht in Morettis Film, die aufwühlt. Es sind Sätze, Worte, Gesten, Körpersprache. Norddeutsche Autisten werden Probleme damit haben. Oder stille Bewunderung für den Italiener, der die Rhetorik beherrscht, auch die Kunst des parlare und gesticolare. Der Film ist Teil der Alltagskultur des öffentlichen Platzes und des Forums, auf dem es banal, emotional, aber auch politisch werden kann.

 

Nun mal grundsätzlich. Man kann sich beim Redefluss dieses Films die Ohren zuhalten und sich ausklinken. Man kann aber auch ins Gespräch kommen. Moretti macht dazu den Versuch. Er moniert, dass Italien unter Berlusconi die Gesprächskultur abgewöhnt wurde. Und er argwöhnt, dass die Berlusconifolgen noch jahrzehntelang das Leben, grade auch das politische Leben Italiens beschädigen werden. Er sagt dies nicht explizit im, aber zum Film.

 

Was nun? Moretti gibt keine Ziele vor. Der antifaschistische Grundkonsens der Nachkriegszeit ist längst aufgekündigt. Des Immergleichen der politischen Lager ist der Italiener müde. Polarisierungen haben nur noch affirmativen Wert. – Ja, also alles Scheiße? Moretti beschränkt sich mit seinem Film darauf, atmosphärisch Bestand aufzunehmen und für neue Erfahrungen zu sensibilisieren. Loslassen können, ist angesagt. - Wir sind noch weit weg von Bewusstwerdung und intellektueller Einsicht, wohl aber nah beim charismatischen Mann Moretti und seiner Wandlung durch die 25-Jährige, die weiß, was sie will. Man muss nichts weiter tun, als ihr erliegen.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text erscheint auch in: Konkret 8/2007

 

Der Italiener  

Italien 2006 - Originaltitel: Il Caimano - Regie: Nanni Moretti - Darsteller: Silvio Orlando, Margherita Buy, Jasmine Trinca, Michele Placido, Guiliano Montald, Antonio Luigi Grimaldi, Paolo Sorrentino, Elio De Capitani - FSK: ab 12 - Länge: 112 min. - Start: 12.7.2007

 

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