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I.Q.

 

 

Ganz im Trend der neuen Aufsteigermärchen. Nichts ist unmöglich, wenn es möglich ist, daß Einstein & Eisenhower, Arm in Arm, auftauchen: dann kriegt der Kfz-Mechaniker seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt, nämlich Einsteins Nichte als Braut. Vorausgesetzt, man aktiviert Intelligenz-Quoten im unteren Bereich, mag diese einfältige Boulevard-Unterhaltung hingehen: wehe aber, wenn es nicht gelingt, folgenden Plot auf der Stelle zu vergessen:

Frühe fünfziger Jahre in Princeton. Vier grinsende Greise wenden ihre im oberen Quoten-bereich liegende Intelligenz auf, die Nichte (Meg Ryan) des einen (Walter Matthau) gegen ihren Willen mit dem Kfz-Mechaniker (TimRobbins) zu verkuppeln. Eigentlich liebt die schöne Wissenschaftlerin den intellektuellen Verhaltensforscher (Stephen Fry). Das schelmische Einsteinquartett entscheidet jedoch anders. Denn aufgrund ihrer hohen Intelligenz wissen die alten Männer besser: die junge Frau findet ihre wahre Identität erst, wenn sie ihrem Herzen folgt. Um den Verstand als Gegenspieler auszuschalten, führen unsere kichernden prä-, wenn nicht voll senilen Helden einen Pennälerstreich nach dem anderen vor. Die Ratten aus den Verhaltensforschungskäfigen befreien - das ist noch prima. Den Intelligenztest zu manipulieren und dem ausgeguckten Bräutigam die richtige Multiplechoice-Wahl zu signalisieren, - auch gut. Wir sind bei IQ 186. Jetzt tritt Eisenhower auf, denn solche Werte sind für den Kalten Krieg zu gebrauchen. Vor seinen Augen verschmilzt unser Paar im heißen Kuß, erst miß-, dann einverständlich. Gut für sie, läppisch für die anderen. Einstein hat seine Schuldigkeit getan, verschmitzt grinsend legt er sich aufs Totenbett.

Man täte dem Film unrecht, würde man ihm die Unglaubwürdigkeit der Geschichte ankreiden, denn Maske, Kostüm, Motiv: alles ist authentisch. Liebevoll und originalgetreu ist die Kfz-Werkstatt der frühen fünfziger Jahre in Hopewell, New Jersey, wiederaufgebaut worden. Der Einstein-Darsteller nimmt im Institute for Advanced Studies auf dem originalen Sitz Nr.11 der Palmer Hall Platz. In der Mercer Street - dort starb Einstein 1955 - wurden Innenaufnahmen gemacht. Auch geht Matthau stets gebückt, um sich dem niedrigen Wuchs des großen Mannes anzunähern. Und Einstein auf dem Motorrad durchs Land jagend, - ist das nicht ein Bild für all das, was vom Fachidioten-Wissenschaftler abweicht? - Regisseur Schepisi erweckt in der Tat den gewünschten human interest für den Immigranten Einstein und seine skurrilen Gesellen, deren Namen auch nicht gerade amerikanisch klingen: Godel (Lou Jacobi), Podolsky (Gene Saks) und Liebknecht (Joe Maher). Auch kommen unseren rüstigen Rentnern in den englischen Dialogen gar manche deutsche Redewendungen unter, „Liebchen" u.a., vom deutlichen, uns nur zu gut verständlichen Akzent einmal abgesehen.

Sich mit diesen spitzbübischen ausländischen Intellektuellen zu identifizieren,- ist das nicht ein billigenswertes Anliegen des Drehbuchautors (Andy Breckmann), der sich eingestandenermaßen an Herrn Jedermann in der dritten Reihe wenden wollte? - Eben das ist ein Beweis für die Unglaubwürdigkeit des Plots: Denn ist es nicht der Autor selbst, der als Verhaltensforscher mit den im Kinokäfig eingesperrten Jedermanns experimentiert? Ich hatte jedenfalls das dringende Bedürfnis, mich während der Vorführung aus der Versuchsanordnung zu befreien und das Weile zu suchen. Und je herzhafter die Bilder sind, desto weniger glaube ich ihnen auch nur ein Wort. Zugegeben, möglicherweise habe ich die falschen Werte, daß ich mich nicht für dumm verkaufen lasse. Wenn Einstein 1933 „Europa" verließ, wie verschleiernd formuliert wird, nämlich um fortan in den USA seine lustigen Streiche zu begehen, dann wäre dazu im Film noch etwas zu sagen gewesen, auch zur weniger lustigen Erfindung der Atombombe. Aber Alt-Einstein ist an diese debil-optimistische Arbeiter-des-Hirn-und-der-Faust-Geschichte verraten und verkauft. Hollywoods Feuerzangenbowle.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:  epd film

 

 

I.Q.

USA 1994. R: Fred Schepisi. B: Andy Breckman, Michael Leeson. P: Carol Baum, Fred Schepisi. K: lan Baker. Sch: Jill Bilcock. M: Jerry Goldsmith. T: Danny Michael.  A: Stuart Wurtzel, Wray Ste-ven Graham. Ko: Ruth Myers. Pg: Paramount/Sandollar. V: UIP,95 Min. St: 6.4.1995. D: Tim Robbins (Ed Walters), Meg Ryan (Catherine Boyd), Walter Matthau (Albert Einstein), Lou Jacobi (Kurt Godel). Gene Saks (Boris Podolsky), Joseph Maher (Nathan Liebknecht), Stephen Fry (James Moreland).

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