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In This World

 

Michael Winterbottoms Flüchtlingsdrama folgt zwei afghanischen Jungen auf einer gefährlichen Odyssee

 

Viele Filme der letzten Berlinale haben von existenziellen Themen, von Flucht, Armut und Vertreibung erzählt. Unter dem Eindruck des bevorstehenden Irak-Kriegs schien die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit wichtiger als das kunstvolle Spiel mit dem schönen Schein. Als IN THIS WORLD den Goldenen Bären gewann – nach I WANT YOU (1998) und DAS REICH UND DIE HERRLICHKEIT (2000) Michael Winterbottoms dritter Film im Wettbewerb der Berlinale – , galt das vielen als Beweis für ein Primat der Politik über die Kunst. Zu Unrecht, denn das semidokumentarische, extrem realistische Flüchtlingsdrama ist alles andere als bequemes Betroffenheitskino.

 

Ganz nüchtern, ohne falsches Pathos erzählt IN THIS WORLD von einer tragischen Flucht. Erst nach und nach entfaltet die Geschichte ihre emotionale Wucht. Wir bleiben fürs Erste Beobachter, Fremde auf Distanz. Winterbottom, der bei seinen Filmen so souverän Stil und Sujet gewechselt hat wie neben ihm wohl nur Steven Soderbergh, verzichtet diesmal mit Bedacht auf das Polemische und Wütende, das seinen ebenfalls semidokumentarisch angelegten Film WELCOME TO SARAJEVO (1997) prägte.

 

Die Eckdaten der Geschichte sind dramatisch genug. Peshawar in Pakistan, eine Stadt an der afghanischen Grenze: Hier, im Flüchtlingslager Shamshatoo, leben über eine Million Flüchtlinge unter elenden Umständen, darunter auch Jamal und Enayatullah, zwei Cousins aus Afghanistan. Enayatullah soll sich bis nach London durchschlagen. So will es die Familie, die mit ihm auf ein besseres Leben hofft. Jamal, ohne Eltern und der jüngere der beiden, darf seinen Cousin begleiten, weil er ein paar Brocken Englisch spricht. Damit beginnt eine schier endlose Odyssee – in Bussen und auf Lkw-Ladeflächen, eingepfercht zwischen Schafen und hinter Obstkisten versteckt. Die Reiseroute führt zunächst über Teheran nach Istanbul. Die entscheidende Schiffspassage nach Italien verbringen beide mit einer kurdischen Familie in einem Container – über 40 Stunden eingesperrt, ohne Wasser und Nahrung. Am Ende überleben nur Jamal und ein kurdisches Baby die Tortur.

 

Es ist eine kalte und heimatlose Welt des Transits, die IN THIS WORLD beschreibt. Mit seinen austauschbaren Stationen, den immergleichen Hinterhofverstecken und Notunterkünften, wirkt der Film wie ein düsteres Roadmovie im Leerlauf. Jamal und Enayatullah werden Teil eines weltweit zirkulierenden Waren- und Menschenstroms. In ihrem entwurzelten Leben gibt es nichts Privates mehr und keine Individualität. Sie treffen auf dubiose Schleuserbanden, korrupte Grenzbeamte und Soldaten, die verliebt sind in ihr kleines Stückchen Macht. Soziale Beziehungen funktionieren nur mehr in einem unmenschlichen System der gegenseitigen Ausbeutung.

 

Und dem Zuschauer wird es nicht leicht gemacht. Die von der Sonne gebleichten Bilder, aufgenommen mit einer nervösen digitalen Handkamera, führen nicht hinein in eine fremde Welt, sondern schließen systematisch aus. Auf der dröhnenden Tonspur herrscht babylonisches Stimmengewirr, eine Kakophonie aus Maschinenlärm und Fahrtgeräuschen. Die ganze Zeit über wird persisches Farsi und Pashtu, die Sprache der größten afghanischen Volksgruppe, gesprochen. Erklärt wird auch sonst wenig. Untertitel, eingeblendete Landkarten, ein kurzer Off-Kommentar wie man es aus TV-Dokumentationen kennt – mehr Orientierung gibt es nicht.

 

Der Dokumentarstil hat Methode. Alle Laiendarsteller wurden in Peshawar von der Straße weg besetzt, die meisten Dialoge sind improvisiert. Drehgenehmigungen erhielt man nur durch eine Lüge: Winterbottom behauptete gegenüber offiziellen Stellen, man drehe an einer Dokumentation über die Seidenstraße. Mit 30 Seiten Drehbuchvorgaben, lediglich von einem Kamera- und Tonmann begleitet, trat man die komplizierte Reise an. Winterbottom kam mit rund 200 Stunden Videomaterial zurück. Die ungeheure Authentizität, die IN THIS WORLD im Blick auf eine fremde Welt entwickelt, verdankt sich jedoch nicht allein der semidokumentarischen Arbeitsweise. Der Film wirkt so wahrhaftig, weil er auf nichts hinaus will, das über die Geschichte selbst hinausginge oder eine Erklärung jenseits des konkreten Bildes böte. Die Dinge sind, was sie sind, und sie werden so gezeigt, wie sie sind. Im Chaos der Wirklichkeit sind „Schuldige“, die Ursachen von Armut und Vertreibung, nicht so einfach zu verorten.

 

Die bewusst gewählte Kunstlosigkeit der Bilder offenbart erst auf den zweiten Blick ihr ästhetisches Kalkül. Weil Gefühle weder gezeigt noch ausgesprochen werden, setzt Winterbottom der kühlen Sachlichkeit eine hoch emotionale Filmmusik entgegen. Der sinfonische Pomp reibt sich an den schäbigen Bildern, setzt scheinbar willkürlich ein und aus, überzieht Alltagsszenen mit Melancholie und lässt dramatische Momente unkommentiert. So dauert es lange bis man als Zuschauer eine Beziehung zu Jamal und Enayatullah entwickelt. Dass am Ende aus dem Fremden doch noch das Vertraute blickt, ohne das Fremde zu vereinnahmen und als Projektionsfläche zu missbrauchen, macht IN THIS WORLD zu einem aufwühlenden Meisterwerk.

 

Vor allem ist Winterbottom klug genug, das moralische Unbehagen eines Zuschauers im Blick zu behalten, der sich im klimatisierten Kinosaal plötzlich in der Rolle des Elendstouristen wieder findet. Warum, wird mancher kritisch fragen, soll ich mir eine Geschichte zumuten, von der ich genau weiß, dass sie so oder ähnlich tausendfach geschieht? Was nützt es, 90 Minuten lang Mitgefühl mit einer fiktiven Filmfigur zu empfinden? IN THIS WORLD gibt eine zaghafte, aber wichtige Antwort: Ja, was Jamal und Enayatullah zustößt, ist universell. Es passiert täglich, IN THIS WORLD. Aber unser abstraktes Wissen über das weit entfernte Flüchtlingselend erhält plötzlich eine Stimme und ein Gesicht. Spätestens wenn Jamal in Italien zum Straßenhändler wird, der von Café zu Café zieht, um geflochtene Armbändchen an Touristen zu verkaufen, ist er uns kein Unbekannter mehr. 

 

Zu Recht preisgekröntes, mit minimalistischen Mitteln erzähltes Flüchtlingsdrama,  dessen schroffer Realismus auf den ersten Blick unnahbar wirkt. Mit IN THIS WORLD ist Michael Winterbottom ein Stück aufwühlendes politisches Kino gelungen.

 

André Götz

 

Dieser Text ist in gekürzter Fassung auch erschienen in: epd Film

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

In This World

Großbritannien 2002 - Regie: Michael Winterbottom - Darsteller: Jamal Udin Torabi, Enayatullah, Imran Paracha, Jamau, Hossain Baghaeian, Hiddayatullah, Erham Sekizcan, Yaaghoob Nosraj Poor - FSK: ab 12 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 89 min. - Start: 18.9.2003

 

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