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Iím Not There

In seiner Hommage an Bob Dylan demonstriert Todd Haynes die Wandelbarkeit des Porträtierten, in dem er ihn von sechs Schauspielern darstellen lässt.

 

Mit Velvet Goldmine (1998) brachte Todd Haynes seine persönliche Hommage an den Glam Rock der frühen siebziger Jahre auf die Leinwand. Dabei erzählte er weder die Geschichte einer Subkultur, noch griff er auf reale Ereignisse und Personen zurück, auch wenn sich die beiden Hauptfiguren eindeutig auf David Bowie und Iggy Pop bezogen. Den wirklichen Glam Rock nahm Haynes lediglich als Inspirationsquelle für einen aus fiktiven Elementen bestehenden, sinnlichen Rausch aus Musik und Bildern.

 

Auch in seinem neuesten Film bewegt sich Haynes im Bereich der Popmusik und nimmt sich Lebens und Werks von Bob Dylan an. Hinsichtlich Haynes subversiver Filme wie Safe (1995) oder Superstar: The Karen Carpenter Story (1987), war schon zu erwarten, dass er sich der Figur Dylans nicht in Form eines konventionellen Biopics, sondern ähnlich abstrahierend und assoziativ annähern würde wie dem Glam Rock in Velvet Goldmine. Der Titel Iím Not There, benannt nach einem unveröffentlichten Song Dylans, ist bezeichnend für das Konzept des Films, denn den Namen oder die konkrete Figur des Musikers sucht man hier vergebens. Stattdessen werden die verschiedenen Lebens- und Schaffensphasen auf sechs Schauspieler verteilt. Dylan bleibt hier nicht auf eine Figur beschränkt, sondern ist unter anderem ein schwarzer Junge (Carl Marcus Franklin), ein ehemaliger Revolverheld (Richard Gere) und ein androgyner, ständig benebelter Rockstar (Cate Blanchett). Bei der Namensgebung der unterschiedlichen Charaktere gibt es zudem noch Anspielungen auf berühmte Persönlichkeiten. Dylans Vorbilder wie Arthur Rimbaud und Woody Guthrie kommen ebenso zum Einsatz wie der Westernheld Billy the Kid, ein Verweis auf Sam Peckinpahs Pat Garret jagt Billy the Kid (Pat Garrett & Billy the Kid, 1973), bei dem Dylan einen Gastauftritt hatte und den prominenten Soundtrack (ĄKnockiní on Heavenís Doorď) beisteuerte.

 

Haynes verzichtet darauf, die einzelnen Episoden in gewohnt chronologischer Reihenfolge zu erzählen und lässt sie dagegen simultan ablaufen. Jedem Dylan-Darsteller ist dabei eine bestimmte Ästhetik und Erzählweise zugeordnet. Während etwa Dylans Ausflüge ins Filmgeschäft als wechselhaftes Beziehungsdrama zwischen Robbie (Heath Ledger) und Claire (Charlotte Gainsbourg) gezeigt werden, funktionieren die kurzen Schwarzweiß-Szenen mit dem rebellischen Poeten Rimbaud (Ben Whishaw) wie Zwischenspiele. Zwar nehmen die Figuren unterschiedlich viel Raum ein, eine Hierarchie untereinander lässt sich trotzdem nicht ausmachen.

 

In seinen früheren Filmen hat sich Todd Haynes bereits mehrfach einer Strategie der Nachahmung bedient, mit der Ästhetik und dramaturgische Muster eines bestimmten Genres bis ins kleinste Detail imitiert werden. In seinem Debütfilm Poison (1990) erzählte er etwa eine Episode im Gewand eines typischen Horrorfilms der fünfziger Jahre. Mit Far From Heaven (2002) schuf er ein typisches Melodram im Stile von Douglas Sirk. Nachdem Haynes bereits in Superstar: The Karen Carpenter Story und Teilen von Velvet Goldmine die Handlung in Form einer Musikdokumentation erzählte, greift er dieses Mittel in Iím not There erneut auf. Mit gefälschten Konzertaufnahmen, Textinserts und Interviews mit musikalischen Wegbegleitern (Juliane Moore als Joan Baez-Verschnitt) nimmt sich der Film der Geschichte des introvertierten Folk-Sängers Jack (Christian Bale) an. Kein Musiker musste wohl so oft mit dem Stigma des Authentischen kämpfen wie Bob Dylan, nach dem er sich von der Protestsong- und Folkbewegung abgewandt hatte. Dass gerade diese Phase, während der das Publikum auf der Suche nach möglichst echten Künstlern war, in Form einer gefaketen Dokumentation, also einem auf Glaubwürdigkeit angelegten Format, erzählt wird, zeigt wie radikal und ironisch Haynes an den Mythos Dylan herangeht.

 

Durch solche respektlos anmutenden Ansätze ist es Haynes gelungen, eine spannende und künstlerisch fortschrittliche Form eines Biopics zu schaffen. Doch auch wenn das Konzept des Films, die Figur eines Stars als Ansammlung unterschiedlicher Rollen zu begreifen, postmodern anmutet und der Film optisch durchaus reizvoll ist, macht sich nach den epischen 135 Minuten auch ein Gefühl der Leere breit. Anders als in Safe oder Far from Heaven weiß Haynes in Iím not There den perfekt durchgestylten Bildern nichts Vergleichbares auf der inhaltlichen Ebene entgegen zu setzen. Indem sämtliche Stationen eines langen und bewegten Lebens im Schnelldurchlauf abgearbeitet werden, vermisst man Momente, in denen Elemente der Handlung stärker vertieft werden. So wie er ist, funktioniert der Film ein wenig wie eine Clip-Show, wenn auch eine sehr aufwändig inszenierte und schön anzusehende.

 

Michael Kienzl

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.critic.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

I'm not there

USA 2007 - Regie: Todd Haynes - Darsteller: Christian Bale, Cate Blanchett, Heath Ledger, Richard Gere, Julianne Moore, Michelle Williams, Ben Whishaw, Charlotte Gainsbourg, Marcus Carl Franklin, David Cross - FSK: ab 12 - Länge: 135 min. - Start: 28.2.2008

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