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Ich geh' nach Hause

 

Die große Schlange Tod

 

Einem großen alten Regisseur - Manoel de Oliveira - und seinem großen alten Hauptdarsteller - Michel Piccoli - ist mit "Ich geh' nach Hause" ein stiller, aber umso tiefgründigerer Film gelungen.

 

Filme von Manoel de Oliveira, des großen, inzwischen 93-jährigen Mannes des portugiesischen Kinos, sind immer schon das Gegenteil dessen gewesen, was Hollywood und damit die gemeinhin verbreitete Vorstellung vom Kino geprägt und ausgezeichnet hat. Nicht Rasanz, nicht Spektakel bietet de Oliveira, nicht um motion pictures geht es ihm, sondern um Bedacht und Bedächtigkeit. Bilder produziert er, die auf Innenwelten verweisen und denen ihre schmucklose Oberfläche herzlich egal ist.

 

In "Ich geh' nach Hause" sind diese Charakteristika in einer Weise gesteigert und auf die Spitze getrieben, dass der Film tatsächlich gleich mehrfach und für erstaunlich lange Zeit ins Unfilmische umkippt. Das Theatralische, das Bühnenhafte und Bühnenverhaftete hat dann die Oberhand. Und zwar mit einer bohrenden Konsequenz, dass man bisweilen von seinem Kinosessel aufstehen und rufen möchte. "Mach doch mal hin! Schnitt jetzt! Bewegung!" Aber de Oliveira tut einen Teufel. Warum auch? Geht es doch in "Ich geh' nach Hause" ums Verrinnen und Gerinnen, ums Verlöschen eines alten, ehemals großen Mannes.

 

Michel Piccoli spielt ihn mit unglaublicher Nonchalance und Intensität zugleich. Als der renommierte Pariser Schauspieler Gilbert Valence erfährt er zu Beginn - im Anschluss an eine Theateraufführung, in der er nicht von ungefähr einen abgewirtschafteten Regenten gegeben hat -, dass bei einem Unfall seine Frau, seine Tochter und sein Schwiegersohn ums Leben gekommen sind. Den Schock und seine unmittelbaren Folgen zeigt uns de Oliveira nicht. Im Gegenteil: Wenn uns Valence nach einer unbestimmten Zeitspanne wieder begegnet, macht er einen gefassten, durchaus zufriedenen Eindruck. Sein zum Waisen gewordener Enkelsohn lebt jetzt bei ihm und bringt ein sachtes, nicht unwillkommenes Flirren in den Alltag des Alten.

 

Doch der Anschein der Selbstgenügsamkeit, des In-sich-Ruhens und der Unschwere trügt. Mit Valence geht es unmerklich, aber beständig Richtung Tod. Der Mann, das, was ihn ausgezeichnet hat, zerfällt ganz allmählich. Sich dagegen zu stemmen, dafür fehlt ihm längst die Kraft. Ein Überfall auf den nächtlichen Pariser Straßen ist ein überdeutliches Zeichen dafür. Valence ist nicht mehr in der Lage, sich gegen den alles andere als bedrohlich sich gebärdenden Räuber zur Wehr zu setzen. Sogar seine gerade neu gekauften Schuhe werden ihm abgenommen. Auf Strümpfen schleicht er nach Hause. Demütigenderes ist schwerlich vorstellbar.

 

In der Folge muss Valence feststellen, dass er auch beruflich zum alten Eisen gezählt wird. Eine kolportagenhaft angelegte Rolle in einem Fernsehmehrteiler lehnt er entrüstet ab. Das Angebot, in einer Verfilmung des "Ulysses" von Joyce mitzuspielen, scheint ihm künstlerisch da schon lohnender. Doch die Dreharbeiten wachsen sich für ihn zu einem Fiasko aus. Valence vermag sich nicht mehr auf die Forderungen des Regisseurs einzustellen und vergisst schließlich sogar seinen nicht gerade umfangreichen Text. Verwirrt von der Tatsache, versagt zu haben, verlässt er den Set. Er müsse nach Hause, murmelt er. Es ist ein Stolpern in die Arme des Todes.

 

Von dieser letzten Szene aus, weitet sich mit einem Mal der ganze Film. Plötzlich wird einem klar, dass de Oliveiras träge Bilder so gar nicht unbewegt gewesen sind. Plötzlich wird das Kontemplative, fast schon Duldnerische, das Piccolis Spiel angehaftet hat, zu einem einzigen Schrecken, zu einem einzigen Erstarren vor der großen Schlange. Plötzlich ist sie da, wenn man nur zu schauen versteht, die Tragödie unseres Lebens.

 

Peter Zemla

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Titel-Magazin Film

 

Ich geh nach Hause

GB/Deutschland/USA 2000

Regie: Manoel de Oliveira

Mit: Michel Piccoli, Catherine Deneuve, John Malkovich, Antoine Chappey, Leonor Baldaque, Leonor Silveira, Ricardo Trepa, Jean-Michel Arnold

Kinostart: 20. Dezember 2001

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