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Hwal - Der Bogen

 

„Nur an den beiden Polen menschlicher Verbindungen, dort, wo es noch keine oder keine Worte mehr gibt, im Blick und in der Umarmung, ist eigentlich das Glück zu finden, denn nur dort ist Unbedingtheit, Freiheit, Geheimnis und tiefe Rücksichtslosigkeit.“

Thomas Mann, Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

 

Am Ende muss der alte Mann im Meer bleiben, weil er seinen erbitterten Kampf gegen die Natur, gegen ihre Natur, nicht gewinnen kann. Nicht einmal sie selbst könnte das. Sie ist sechzehn und lebt seit zehn Jahren mit ihm auf einem Fischkutter. Er wartet auf ihren siebzehnten Geburtstag, dann will er sie heiraten. Mit seinem Bogen beschützt er sie vor den lüsternen Händen der Männer, die zum Angeln auf das Boot kommen.

 

Doch alles verändert sich mit der Ankunft eines jungen Studenten. In seinem ersten Blick erkennt das Mädchen, dass nicht alles jenseits des Wassers böse und verroht ist. Die längst akzeptierten Alltagsrituale im Zusammenleben mit dem Alten werden plötzlich zur Qual. Zeichnet der Film dieses Zusammenleben zunächst als harmonisches Idyll, so muss diese Harmonie, die eine Harmonie mangels Alternative war, zerbrechen als sich die Alternative auftut. Die Macht des Alten wird zu Ohnmacht, seine Kontrolle zu Raserei. Er selbst findet sich bald im schwimmenden Gefängnis des Begehrens, das er für das Mädchen errichtete. Sie ist es nun, die alleine in der Lage ist, die Taue, die die Beiden verbinden zu kappen oder neu zu knüpfen.

 

Für Thomas Manns hedonistischen Opportunisten Felix Krull liegt jenseits der Sprache, die Träger der Moral ist, eine Sphäre absoluter Amoral, in der der Mensch, befreit von allen Regeln, zu eigentlicher Glückseligkeit finden kann. Die stummen Figuren in den Filmen des koreanischen Regisseurs Kim Ki-Duk verfolgen ein ganz anderes Projekt. Gerade dieses Jenseits der Sprache wählt Kim aus für seine moralischen Allegorien, in denen sich die Menschen nur noch durch Blicke, Sexualität und – eng mit letzterer verbunden – Gewalt ausdrücken können. Die Regeln, die einst durch Sprache formuliert wurden, werden in die tieferen, nicht sprachlichen Komponenten menschlichen Verhaltens projiziert. Selten war das so offensichtlich und platt wie in Hwal. Die Pfeile des Alten, in denen sich das Sexuelle mit der Gewalt vermengt, sind ein Gebot, die Jungfräulichkeit des Mädchens, das hier weniger Individuum, als Besitz eines anderen Mannes ist, zu respektieren. Die Blicke sind quasi dazu verdammt mehr als tausend Worte zu sagen, weil sie Dialoge ersetzen in der Aufgabe, das Gefühlsgemenge der Figuren zu strukturieren.

 

Moralisch ist Hwal sicherlich ein fortschrittlicherer Kim Ki-Duk-Film. Verglichen etwa mit dem ähnlich angelegten Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling, der den Schluss nahe legte, dass „weltliche Lust“ zwangsläufig zu Mord und Verrohung führe und das einzige Heil in strenger Askese sah. Ging es dort um den ewigen Kreislauf, aus dem Auszubrechen sicheres Verderben bedeutete, geht es hier um eine gesellschaftliche Entwicklung von der patriarchalischen Zwangsehe zur freien Selbstbestimmung. Buchstäblich untergehen muss hier nicht mehr eine böse Ehebrecherin, sondern ein überkommener Patriarch.

 

Ästhetisch ist Hwal sicherlich ein sehr rückschrittlicher Kim Ki-Duk-Film. Wer Samaria gesehen hat, der weiß, dass Kim einst in der Lage war mit einfachsten Mitteln Bilder zu schaffen, die nicht nur faszinierten und fesselten, sondern auch immer wieder überraschten. Davon ist das Boot, das man in Hwal immer wieder in der Totalen auf den Wogen treiben sieht, wobei sich lediglich die Tageszeiten ändern, nun wirklich meilenweit entfernt und der folkloristisch-buddhistische Kitsch, der hier tonangebend ist, war dort nur eine Jahrmarktsattraktion.

 

Nicolai Bühnemann

 

 

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Hwal - Der Bogen

Südkorea 2005 - Originaltitel: Hwal – The Bow - Regie: Kim Ki-Duk - Darsteller: Jeon Sung-Hwan, Han Yeo-Reum, Seo Ji-Seok - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 90 min. - Start: 27.7.2006

 

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