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How to Cook Your Life 

 

Es wird gar nicht viel gekocht in Doris Dörries dokumentarischem Essay „How to Cook Your Life“. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn über einen Mangel an Kochshows im Fernsehen wird sich derzeit wohl niemand beklagen. Insofern gehört „How to Cook Your Life“ auch nicht in die Nähe von Formaten wie „Kerners Köche“, sondern ist eher als ein Beitrag zu einer Debatte zu verstehen, die sich um Filme wie „We Feed the World – Essen global“ (fd 37595) oder „Unser täglich Brot“ (fd 37987) herum entwickelt hat. Doris Dörrie porträtiert den bekannten Zen-Priester und Koch Ed Espe Brown („The Tassajara Recipe Book“), dessen spirituelle Haltung im Umgang mit der Nahrung und bei der Herstellung von Speisen im Mittelpunkt des Films steht. Sie hat Brown mit einem kleinen Team – Dörrie selbst führte eine der Kameras – bei seinen Seminaren in Österreich und in Zen-Zentren in San Francisco begleitet, hat seine undogmatischen „lectures“ dokumentiert, hat ihn aus seinem Leben erzählen lassen und dieses Material um einige Seitenblicke ergänzt und erweitert.

 

Edward Espe Brown ist Amerikaner, und zum Teil ist „How to Cook Your Life“ deshalb ein sehr amerikanischer Film geworden. Browns Interesse an der Nahrungszubereitung entstand in den 1960erJahren aus einer praktischen Erfahrung: Er entdeckte die elementaren Geschmacksunterschiede zwischen industriell hergestelltem und selbst gebackenem Brot. Dieser Ausgangspunkt ist für einen Zuschauer aus einem Land mit einer hochstehenden Brotback-Kultur wie Deutschland zunächst einmal gewöhnungsbedürftig, weshalb auch einige Szenen, die in einem österreichischen Zen-Zentrum in Scheibbs gedreht wurden und Kursteilnehmer beim Teigkneten zeigen, zunächst befremden. Wer selbst schon einmal Brot gebacken hat, dem erschließt sich wohl kaum, warum das so ein „funny feeling“ sein soll, wie es der Film behauptet. Auch die Fat-Burger mit Pommes-Kalorienbomben und ihre übergewichtigen Fans wurden in den USA aufgenommen, und im Presseheft zum Film steht zu lesen, dass 80 Prozent der US-Amerikaner nicht mehr selbst kochen, weshalb wichtige Kulturtechniken im Begriff stehen, verloren zu gehen. Doch, wie gesagt, in diesem Film wird eher geredet als gekocht. Den Zen-Koch Brown beim Lehren zu dokumentieren, ist eigentlich ein Widerspruch in sich, denn ein zentraler Aspekt der Lehre ist die Achtung der Dinge durch ihre bewusste Wahrnehmung. Brown erzählt eine Anekdote seines Meisters Suzuki Roshi: „Als ich mit dem Kochen anfing, fragte ich Suzuki Roshi um Rat. Er sagte: »Wenn du den Reis wäschst, dann wasche den Reis. Wenn du die Karotten schneidest, dann schneide die Karotten. Und wenn du die Suppe umrührst, rühre die Suppe um!«“ Es geht darum, sich ganz auf die Tätigkeiten zu konzentrieren und den Dingen auf diese Weise Respekt zu zollen. Im Film sieht man Brown aber zumeist mehrere Dinge gleichzeitig tun, zum Beispiel den Brotteig kneten und gleichzeitig darüber sprechen. Dörrie entwirft das kritische Bild einer Gesellschaft im Überfluss, deren Nahrungszubereitung mehr Energie kostet als sie produziert, einer Gesellschaft, in der kreative Arme sich von Abfällen ernähren können. Von Lebensmitteln, deren Verfallsdatum abgelaufen ist, die aber noch bestens munden. Resteverwertung statt Verschwendung, lautet eine der angebotenen Formeln.

 

Hatte Dörrie ihre Neigung zu fernöstlicher Spiritualität in Filmen wie „Erleuchtung garantiert“ (fd 34074) oder „Der Fischer und seine Frau“ (fd 37310) bislang verdeckt und ironisch gebrochen artikuliert, ist ihr Umgang mit dem Zen des Kochens diesmal offen positiv. Immer wieder antizipiert der Film mit einzelnen Einstellungen bestimmte Äußerungen des Zen-Priesters oder anderer Interview-Partner und kommentiert deren Einsichten visuell zustimmend. Für Brown steht der Umgang mit der Nahrung für eine umfassende spirituelle Haltung, die auch Ausdruck von Selbstsorge und Fürsorge ist: Das Schneiden des Gemüses steht im direkten Zusammenhang mit dem „kosmischen Ort“ des Menschen, so wie der Griff in die Tiefkühltruhe oder zum Dosenfutter im Zusammenhang mit einer zerstörerischen Industrie steht. In der Beziehung zum Essen, so Brown, spiegelt sich die Beziehung zu sich selbst und zu anderen. Tiefkühlpizza zeugt also von mangelndem Selbstrespekt. Es tut dem Film gut, dass Brown keine charismatische Persönlichkeit ist, sondern offensichtlich selbst einen langen und widersprüchlichen Weg gegangen ist, um dorthin zu gelangen, wo er heute steht. Man muss auch sein permanentes Gekicher nicht für die Weisheit eines Zen-Entertainers nehmen. Auch unterläuft Dörries permanent spürbarer Humor das mitunter drohende Pathos des Predigens.

 

„How to Cook Your Life“ ist ein kleiner Film, der sich die Freiheit nimmt, einen Menschen zu präsentieren, der ein paar Vorschläge zu machen hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Da Dörries Œuvre sich aber stets mit ethischen und/oder ideologischen Haltungen von Menschen auseinandergesetzt hat und seit „Männer“ (fd 25432) an einer komplexen Soziologie des Lifestyles jenseits traditioneller Formen von Gemeinschaft arbeitet, passt auch dieser Film sehr gut zu „Nackt“ (fd 35585) oder „Paradies“ (fd 25849). Da die Küche im Zeichen des „perfekten Dinners“, der Promi-Köche und kochenden Promis bei gleichzeitiger kulinarischer Verelendung der Massen aktuell auch Austragungsort von Klassenkämpfen ist, hätte man sich indes gewünscht, dass Dörrie auch die Kursteilnehmer im österreichischen Scheibbs in den Blick genommen hätte. Denn so einleuchtend vieles ist, was Brown zu Protokoll gibt, so sehr ist das aktuelle Interesse am Buddhismus auch Ausdruck eines „spiritual chic“ der besseren Kreise, ein spirituell aufgeladenes Pendant zum Landhausstil.

 

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-dienst

 

How to cook your life

Deutschland 2007 - Regie: Doris Dörrie - Darsteller: (Mitwirkende) Edward Espe Brown - FSK: ohne Altersbeschränkung - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 92 min. - Start: 10.5.2007  

 

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