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Houwelandt - Ein Roman entsteht

 

Ein „Making of“ der ganz anderen Art: Jörg Adolph hat den Schriftsteller John von Düffel beim Bücherschreiben beobachtet. Der Dokumentarfilm, bereits im vergangenen Jahr auf 3sat gezeigt, gibt einen aufschlussreichen Einblick in den Literaturbetrieb.

 

Schriftsteller lassen sich nicht gerne über die Schulter schauen. Die Welt soll das fertige Buch sehen, nicht den quälenden Weg dorthin. Schriftsteller, so hat Karl Kraus einmal geschrieben, schämen sich, in Anwesenheit der Kamera schöpferisch tätig zu sein. John von Düffel, einer breiteren Öffentlichkeit durch sein Buch Vom Wasser (1998) bekannt, hat alle Scham abgeworfen und sich 15 Monate lang von dem Regisseur Jörg Adolph begleiten lassen. Von Düffels neuer Roman, die Familiengeschichte Houwelandt (2004), entsteht so im Beisein der Kamera.

 

 Wie macht man diesen kreativen Prozess sichtbar? Houwelandt ist Jörg Adolphs vierter Dokumentarfilm, aber der erste, dessen Thema keine mitgelieferten visuellen Reize bietet. Ob es um einen Tischtennisspieler (Klein, schnell und außer Kontrolle, 2000), eine Band (On/Off the Record, 2002) oder Schwimmer bei der Durchquerung des Ärmelkanals ging (Kanalschwimmer, 2004), immer gab es genug Bewegung. Hier aber sitzt von Düffel allein am Computer.

 

Adolph umgeht diese Schwierigkeit mit einer einfachen Lösung. Er gibt von Düffel eine Kamera, die dieser in seinem Zimmer aufstellt und selbst bedient. Der Autor führt eine Art Video-Tagebuch, während der Regisseur in diesem Teil des Films unsichtbar wird. Auf diese Weise ermöglicht er dem Autor jedoch, seine Scham - siehe Karl Kraus - zu überwinden und bekommt vielleicht sogar ehrlichere Aussagen als in einem Interview. „An diesem Buch entscheidet sich, wie es weiter geht“, sagt von Düffel in so einer Situation gleich zu Beginn des Films. „Obwohl ich eigentlich keine Angst habe, weil ich das Gefühl habe, es ist meine beste Geschichte. Die beste Geschichte, die ich erzählen kann. Vielleicht habe ich sie nicht gut erzählt, aber eine bessere habe ich nicht.“

 

 Was es bedeutet, sich mit dieser Art von Selbstzweifel in die Arbeit des Bücherschreibens zu stürzen, davon vermittelt der Film einen unmittelbaren Eindruck. Umso befreiender, auch für den Zuschauer, ist es dann, wenn von Düffel seiner Frau aus dem Manuskript vorliest und er sich darüber freut, dass sie an der richtigen Stelle lacht.

 

Adolph greift auch in den Szenen, in denen er anwesend ist, nicht ein, stellt keine einzige Frage. Einmal zeigt er die Arbeit dann doch ganz direkt: Eine Minute lang blickt die Kamera auf den Computerbildschirm und wir sehen nichts als den Cursor, der neue Buchstaben setzt, Satzteile löscht, Wörter austauscht, bis der Autor zufrieden ist. Alternative Formulierungen trennt von Düffel im Text durch Querstriche ab, für spätere Entscheidung. Er kommt nicht weiter, geht Joggen, die Kamera folgt ihm, eine Runde Schwimmen im See, dann zurück an den Bildschirm, dieselbe Textstelle, das grübelnde Gesicht, die Stirn in Furchen, das Nachdenken über Nuancen. Wie soll der Satz lauten: „Sein Vater, der sonst alle Geduld der Welt besaß“ oder „… der eine schier unendliche Geduld besaß“? Eine genauere Annäherung an das Handwerk des Schreibens hat es im Medium Film noch nie gegeben.

 

 Der zweite Teil dieser Langzeitbeobachtung folgt nach der Fertigstellung des Manuskripts, wenn der Literaturbetrieb zum Motor der Handlung wird. Es treten auf: der Lektor, mit dem von Düffel über einzelne Wörter streiten muss, die Marketingleute des Verlages, die das Buch irgendwie bekannt machen müssen, die Buchhändler, die es ins Schaufenster legen sollen. Es gibt Auseinandersetzungen um den Titel. Houwelandt, wie soll sich so ein merkwürdiger Name verkaufen? Der Schriftsteller sieht verzweifelt zu, wie sein Roman ihm aus der Hand genommen wird. Am Ende landet er - nein, natürlich: sein Werk - auf der Spiegel-Bestseller-Liste gleich hinter Paulo Coelho. Und das ist ihm sichtlich unangenehm.

 

Thorsten Funke

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei: www.critic.de

 

 

Houwelandt - Ein Roman entsteht

Deutschland 2005 - Regie: Jörg Adolph - Darsteller: John von Düffel, Gottfried Honnefelder, Christian Döring, Dirk Wittenborn - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 107 min. - Start: 14.9.2006

 

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