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Hotel Terminus - Zeit und Leben des Klaus Barbie

 

Vergangenheitsbewältigung mit Zukunft

 

Auf vertrackte Weise stimmt dieser Film, der von der Vergangenheit handelt, zuversichtlich. Das Hotel Terminus, in dem Klaus Barbie, Gestapochef von Lyon, vor bald einem halben Jahrhundert residierte, ist ein altmodischer Bau, und Greise sind die meisten der achtzig Leute, die im Film vor die Kamera treten und ihr Statement aufsagen. Und doch ist HOTEL TERMINUS ein junger Film, voller Elan und Aktivität, und es ist zu sehen und zu hören, wie einer an die Zukunft glaubt. Marcel Ophüls ist es, der Regie führt, deutlich wahrnehmbar, sarkastisch, optimistisch. Er ist der Meister, nicht mehr der Verbrecher Barbie. Ophüls verhört jetzt die Verhörer, die sich winden und in Sprüche retten und denen die Lüge ins Gesicht geschrieben steht. Das ist durchaus ein Genuß, gerade auch dann, wenn der Interviewer seine Wut unterdrückt. Denn wir sind dabei, wie mit Witz und Sarkasmus vergangene Größen entwaffnet und bewältigt werden. Ophüls tritt mit seinem Regieassistenten (Dieter Reifarth) vor die Kamera und spielt die Situation nach, in der die ausgeguckten Interviewpartner Rückzieher machen, wenn sie erfahren, daß es um Klaus Barbie geht.

 

Klaus Barbie selbst ist in diesem Viereinhalbstundenfilm so gut wie gar nicht präsent. Im Vordergrund stehen die vielen Zeugen aus seinem Leben und seinen Zeiten: Schulkameraden, Kommilitonen, Nachbarn, Beamte, Geschäftsfreunde aus Bolivien, US-Agenten, Leibwächter, aber auch die Opfer, ihre Angehörigen, Rechercheure, Forscher, Juristen sowie Restaurantbesitzer und Billardspieler. Neben- und Unpersonen der Zeitgeschichte spielen die Hauptrolle im HOTEL TERMINUS. In dem polyphonen Konzert mit achtzig Stimmen schreiben sich Barbies Zeiten neu; sie verknüpfen sich unvorhergesehen, bilden Konstanten und brechen wieder auseinander. Gewiß: Barbies Karriere war ein Ablauf eigentlich leicht unterscheidbarer Zeiten: das schüchterne Kind, der brave Schüler, der ehrgeizige Student, der professionelle Gestapochef vor und der US-Agent nach 1945, der erfolgreiche Geschäftsmann in Südamerika, der Gehilfe der Militärdiktatoren, Waffen- und Drogenhändler, der Angeklagte vor dem Schwurgericht in Lyon.

 

Die kunstvolle Montage des Films bringt jedoch die historische Abfolge in Unordnung, vorsätzlich und genüßlich; auch die geografischen, nationalen und sprachlichen Grenzen fallen zugunsten neuer Strukturen. Die vielen Interviewten, die ihr wohl präpariertes Statement vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum abgeben, mindestens aber mit dem sorgfältig arrangierten Adventsbesteck zur Seite, bringen zwanglos und wahrhaftig das Deutsche Reich nach Bolivien und von der Militärdiktatur wieder zurück in unsere Bundesrepublik. Das Leben und die Zeiten des Klaus Barbie (THE LIFE AND TIMES OF KLAUS BARBIE ist der Zweittitel des Films) werden zu unserer Zeit, und in dieser ziehen die Musikinterpreten neue Grenzen. Wenn die Wiener Sängerknaben jubilieren „Wenn ich ein Vöglein wär", antwortet Hannes Wader mit der „Internationalen", und beide überschreiten nicht die Grenze zu Fred Astaire („Pick Yourself Up") und Fats Waller („Smashing Thirds").

 

Der Film HOTEL TERMINUS, der glücklich, ja geradezu abenteuerlich auf geschichtlichen Feldern operiert, um nicht zu sagen: spielt, stimmt zuversichtlich, weil er eine neuentdeckte Methode der Geschichtsforschung für den Fall nutzbar macht und damit den Dokumentarfilm entfesselt. Denn HOTEL TERMINUS, montiert aus Dokumentaraufnahmen, ist ein Spielfilm. Das Material ist nicht mehr darauf beschränkt, als Beleg für bekannte Aussagen zu funktionieren. Statt dessen ist der Weg frei für Interaktionen oder vielleicht auch Manipulationen, die überraschen, Spannung aufbauen und dann erst zu Unbekanntem führen, zum Beispiel einer Einsicht. Viele im Film Interviewte funktionieren nicht als Zeitzeugen; sie sind nicht dazu da, Fakten zu vermitteln; sie verkünden keine Oral History; sie sind unglaubwürdig. Aber die Resistancekämpfer, die - vielleicht - denunzierten, - die Nachbarn, die nichts gewußt haben, - die Beamten, die ihre Pflicht getan haben, - die Geschäftspartner, die mit Drogen handeln, - sie alle, die in diesem Film die Wahrheit verbergen, lassen sie gleichzeitig aufscheinen.

 

Dieses Spiel in Gang zu setzen und dabei zu versuchen, es zu durchschauen, braucht einen Helden, ein Subjekt. Das Subjekt Ophüls verzichtet auf die Bequemlichkeit und auf die vornehme Zurückgezogenheit des Geschichtsforschers, der sich auf die Objektivität des Historikers zurückzieht, und stürzt sich selbst ins Getümmel. Und da er selbst nicht an die Wahrheit der Worte, also an die verbalen Dokumente seines Films glaubt, ist er alles andere als der uns so sehr bekannte allwissende Pädagoge des klassischen Dokumentarfilms.

 

HOTEL TERMINUS ist ein Abenteuerfilm, ein Krimi, und mit ihm wird spät, aber endlich klar, warum bei uns die Vergangenheitsbewältigung zum Schlagwort und zur moralischen Pflichtübung verkommen ist. Weil es falsch war, die Vergangenheit der Objektivität der professionellen Bewältiger zu überlassen. Weil die Frage falsch gestellt war. Weil nicht ein historisches Problem der Lösung bedarf, sondern weil wir selbst, unsere nackte, schiere Gegenwart betroffen sind. Die Summe der Interviews in HOTEL TERMINUS - und deswegen ist es auch ein schrecklicher Film - macht bewußt, daß wir es sind und niemand anders, in denen die Vergangenheit steckt, mehr oder minder virulent. Allzu nah, allzu vertraut, allzu unheimlich-heimisch kommt uns vor, wie die Interviewten argumentieren und sich gerieren. Das Hotel Terminus ist heute noch in Betrieb, und der Film HOTEL TERMINUS setzt ihn erst in Gang, den Prozeß der Gegenwartsbewältigung. Das Grundgesetz, das Grundrecht, das Recht am eigenen Bild und am Privateigentum, auf das sich jetzt die deutschen Bürger berufen, um sich gegen den Ruhestörer Ophüls abzuschirmen, dient jetzt dazu, sich das zu erhalten, was Barbies Karriere ermöglicht hat. Wie bewältigen wir unsere Gegenwart? Ophüls' Film stimmt auch hier zuversichtlich, daß wir auf diesem Wege weiterkommen.

 

Denn er hat Spiel in das erstarrte Ritual der Vergangenheitsbewältigung gebracht. Entertainment, Suspense und Horror statt moralische Pflichtübung. Ophüls tritt als Serienheld á la Columbo in Aktion, er amtiert nicht als Richter über den Verbrecher Barbie. Der Zuschauer wird beteiligt und nicht belehrt. In HOTEL TERMINUS erleben wir den ersten Zugriff und nicht die amtliche Verlautbarung, und wir hören Stimmengewirr statt letztem Wort. Die Hierarchien sind abgebaut. Barbies Prozeß wird lediglich gestreift. Weder thront eine moralische Instanz noch eine juristische über dem Sünder noch verkündet eine moderierende off-Stimme die Wahrheit des Dokumentarfilms. Das Genre öffnet sich, und jetzt wird es aufregend, humorvoll, witzig, aber auch entsetzlich und aufwühlend, Zeuge einer Begegnung mit Menschen zu werden, die böse Miene zum guten Spiel machen oder eine Maske aufsetzen. Auch das Lächeln der Frau gefriert, die von Barbie nach Auschwitz deportiert worden war, und ebenso das Lächeln des Zuschauers im Kino. Ein Blick zur Seite, eine versagende Stimme, die unkontrollierte Handbewegung, - sie dementieren das Statement, und die Gesten werden expressiv. Sie übernehmen die Handlung. Das ist für den Zuschauer Entdeckung, Dabeisein, Gegenwart - und Vergnügen. Ophüls' Methode, viele Stimmen und Gesten vorzuführen, Cluster zu bilden, polyphone Strukturen, unversehens einen Akkord anzuschlagen, die Tonart zu wechseln, - sie macht den Zuschauer zum Souverän, der an das glauben kann, was er entdeckt. Wer ist glaubwürdig? Wer nicht? HOTEL TERMINUS kann es sich leisten, viereinhalb Stunden lang Talking Heads vorzuführen, und was sonst Krux des Dokumentarfilms ist, wird hier zur Augenweide, weil diese Köpfe expressiv werden, eine andere Sprache sprechen und die Differenz zu greifen ist. Erschwert wird freilich dieser Erkenntnisprozeß dadurch, daß die Statements deutschsprachig untertitelt sind und das Auge von der Sprache der Gesten abziehen. Doch wird niemand darauf verzichten wollen zu hören, wie etwa die CIC-Agenten sich verbal aus der Affäre ziehen.

 

Der Film, der auch als Alternative geplant war, falls Barbies Prozeß nicht stattfinden sollte, spart die Verhandlung vor dem Lyoner Schwurgericht aus. Statt dessen läßt er Jean-Marie Le Pen zu Wort kommen und Barbies törichte Verwandte, die nichts begriffen haben und deshalb als gute Bürger auftreten. Ophüls widersetzt sich damit dem Versuch der Gesellschaft, die Vergangenheitsbewältigung in die Justizsäle abzudrängen und sich dadurch ein moralisches Alibi zu verschaffen. Die Bundesrepublik hat es bekanntlich geschafft, die Vergangenheitsbewältigung auf einen Strafrechtsfall zu reduzieren, und der Täter, der vor Gericht steht, ist immer ein anderer als man selbst. Die Prozesse sind in den letzten Jahren unter allgemeinem Desinteresse ausgelaufen. Die Zeugen waren Schauspieler ihrer Rollen geworden und hatten die Texte aufgesagt, die sie schon längst zu Protokoll gegeben hatten. Die Anschauung des ersten Zugriffs, die Differenz zwischen Wort und Mimik, aus der HOTEL TERMINUS Gegenwart und Nähe bezieht, war der Aufgabe gewichen, Vergangenes und Fernes in Formeln zu bringen, also einen Fall zu erledigen. Das Gewissen ist beruhigt.

 

Und doch, wenn wir im HOTEL TERMINUS Le Pen reden hören, hören wir da nicht unsern Taxifahrer, unsern Nachbarn, den Berliner Republikaner? Diese sind nicht faul, sich die Geschichte so zu konstruieren, wie sie ihnen gegenwärtig paßt. Nein, unser Gewissen ist nicht beruhigt, und es ist zuwenig, die Vergangenheit im Gedächtnis zu behalten. Sie bedarf in der Tat einer Rekonstruktion, einer verantwortlichen und gewissenhaften, die von der Vielheit und Einheit des konkreten Menschen ausgeht, von der Gegenwart. „Der Historiker sollte sich an dem Ort niederlassen, wo sich alle Einflüsse kreuzen, überschneiden und miteinander verschmelzen: im Bewußtsein des in der Gesellschaft lebenden Menschen. Dort wird er die Aktionen und Reaktionen erfassen und die Wirkung der materiellen und moralischen Kräfte, die auf jede Generation einwirken, messen können". Das schrieb Lucien Febvre in „Das Gewissen des Historikers", übersetzt von Ulrich Raulff (Wagenbach 1988), hierzulande soeben neu entdeckt. HOTEL TERMINUS wirkt bereits wie eine filmische Umsetzung der damals Humangeographie genannten Methode dieses vitalen und kämpferischen Historikers. Und damit kann die aktuelle Bedeutung des Films gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wie Febvre baut Ophüls, aber jetzt in der Filmmontage, ein historisches Ensemble, in der am Beispiel einer Einzelpersönlichkeit nach den Beziehungen zwischen Individuum und Gemeinschaft, nach Handlungsfreiraum und Determination gefragt wird. Die Hierarchien sind abgeschafft - sowohl die der Heldenbiografien und Antiheldenkarrieren als auch die der Quellen, der Texte, der Materialien und der Realien. Gleich einem Sammler von Menschentatsachen, der auf einer unbekannten Kreuzung verharrt, nimmt Ophüls Einflüsse aus allen Richtungen auf, um schließlich Mechanismen und Vorstellungswelten des menschlichen Geistes und Ungeistes zu konstatieren, „nämlich zu konstruieren" (Febvre) .

 

Das Unbekannte, das Ophüls im Leben und in den Zeiten Klaus Barbies wahrnehmbar macht, ist etwas erschreckend Gegenwärtiges. Das Ergebnis korrespondiert auf aufschlußreiche Weise mit anderen aktuellen Bemühungen, das Gegenwärtige und Unsrige in den Karrieren der Barbies, Goebbels' und Hitlers ausfindig zu machen - allen Erledigungsvermerken der historischen Protokollanten zutrotz. Die taz druckte im Januar dieses Jahres fast eine Seite mit Exzerpten aus den Goebbelstagebüchern - und sprach mit dem Titel, der erst bei näherer Lektüre als Goebbelszitat erkennbar wurde - Ein Radikaler des neuen Typs - unmittelbar die aktuelle Leserschaft an („Ich bin der radikalste. Vom neuen Typ. Der Mensch als Revolutionär. Gemeinsamkeit, Sozialismus. "). Und es fehlt in dem Artikel von Langenbach der moralische und ideologische Vorbehalt. Auch im Film 100 JAHRE ADOLF HITLER/DIE LETZTE STUNDE IM FÜHRERBUNKER, der ebenfalls dieses Jahr vom Forum gezeigt wurde, fehlte die obligatorische Klausel, und Regisseur Christoph Schlingensief erklärte: „Die Deutschen müssen jetzt das Gefühl entwickeln, daß sie es waren. Wir alle suchen nach Bildern, die uns Anhaltspunkte geben in einer Zeit, in der man uns alles erklärt hat. Wie großartig ist die Monstranz, die etwas zeigt, was wir nicht wissen". Die offizielle deutsche Antwort auf HOTEL TERMINUS wird im Mai von der ARD gesendet werden. In KEINER VON UNS, einer inszenierten Recherche von Reinmar Cunis, Chef des NDR- Lektorats, wird um Gnade für einen fiktiven Naziverbrecher geworben, um „die Teilung des Volkes in Schuldige und Unschuldige zu beenden" (Adenauer), - ein Film, der alles weiß und alles erklärt und drum in einem Aufwasch sowohl die Vergangenheit als auch die Vergangenheitsbewältigung zu bewältigen unternimmt. Alles erledigt?

 

- Nichts ist erledigt; wir fangen mit dem Fragen erst an

- mit den Fragen im HOTEL TERMINUS.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 4/89

 

Hotel Terminus - Zeit und Leben des Klaus Barbie

HOTEL TERMINUS

USA - 1985-88 - 267 min. – Dokumentarfilm - FSK: ab 12; feiertagsfrei - Verleih: Filmwelt, Arthaus (Video) - Erstaufführung: 6.4.1989 / 26./28.3.1990 ZDF / 15.5.1995 Video - Produktionsfirma: The Memory Pictures Company - Produktion: Marcel Ophüls

Regie: Marcel Ophüls

Buch: Marcel Ophüls

Kamera:

Michael Davis

Pierre Boffety

Reuben Aaronson

Daniel Chabert

Paul Gonon

Wilhelm Rösing

Lionel Legros

Schnitt: Albert Jurgenson, Anne Weil

 

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