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Hotel

 

Grauen und Klauen

 

Zuerst ist eine Warnung angebracht: Dieser Film klaut wie ein Rabe auf Koks. Nicht nur bedient sich Jessica Hausner schamlos bei anglo-amerikanischen Horror-Größen wie Kubrick, Raimi und vor allem Lynch, sie stellt sogar deren berühmteste Sequenzen fast Bild für Bild nach. Da gibt es schwebende Steadycam-Fahrten durch verwinkelte Hotelflure ("Shining"), hektische Handkamera-Subjektiven, die durch den Wald rasen ("Evil Dead") und Charaktere, die in unbeleuchteten Ecken von unübersichtlichen Räumlichkeiten verschwinden ("Lost Highway"). Immerhin, wenn man schon klauen muss, dann wenigstens bei den Besten.

 

Man vergibt "Hotel" diese irritierenden Momente des Déjà-vu vor allem deswegen, weil alles Andere an diesem Film im besten Sinne erstaunlich ist. Jessica Hausner hat mit ihrer kompromisslosen Regie und vor allem mit ihrem extrem mutigen Drehbuch eine Qualität in den deutschsprachigen Film zurückgeholt, die seit beinahe 30 Jahren praktisch vergessen schien, obwohl sie doch einst Stärke der deutschen Literatur und auch des deutschen Filmschaffens in der Weimarer Repubik war: das Unheimliche. Dieses, nicht zu verwechseln mit dem blanken Entsetzen des Horrorfilms oder mit den infantilen Erschreck-Spielen des Schockers, wurde einst von E.T.A. Hoffmann mindestens ebenso kunstsinnig in die europäische Literatur eingeführt wie von Edgar Allan Poe, bevor Murnau und Wiene weltweit den unheimlichen Film etablierten.

 

Hausner nun gelingt ein kleines, gemeines Werk, das so effektiv Verstörung erzeugt wie wohl kein anderer deutschsprachiger Kinofilm seit drei Jahrzehnten. Zwar greift auch sie auf Horrorklischees wie den dunklen Wald oder die geheimnisvolle Kellertüre zurück, ihr Film ist aber, ganz im Sinne Hoffmanns, immer dann am effizientesten, wenn das Grauen im Alltäglichen lauert - bei den abgründigen Kollegen, die sich für die Gäste kosmopolitisch geben, während im Keller der dumpfe Provinzialismus regiert; oder in den Quartieren des Personals, wo die älteren Bediensteten stottern und zucken, wie kein Zombie bei Romero es Furcht einflößender machen könnte.

 

Inhaltlich passiert eigentlich gar nichts, außer dass natürlich alles passiert. Die Geschichte der neuen Hotelrezeptionistin (wunderbar wort- und emotionslos gespielt von Franziska Weisz), die sich in einem Erholungshotel in der österreichischen Waldprovinz mit vielen bedrohlichen Geheimnissen und einer unter mysteriösen Umständen verschwundenen Vorgängerin herumschlagen muss, klingt nach Versatzstück-Horror, dabei ist der Film unheimlich bis hinauf in die Meta-Ebene. Ähnlich den verstörenden Visionen von Michael Haneke entfaltet sich die Furcht vor allem durch eine konsequente Nicht-Beachtung jeglicher Filmkonvention, begonnen beim praktisch wortlosen Drehbuch, in dem jeder der extrem seltenen Sätze drei bis vier neue Fragen aufwirft. Dazu kommen perfide Licht- und Schattenspiele, die jeden Kellerrundgang mit nervenzerreißender Spannung aufladen, ein gnadenlos geduldiger Schnitt, der an den verwirrendsten Stellen scheinbar ewig auf furchteinflößenden Schweigemomenten verharrt, und ein bemerkenswert sorgfältiges Sound-Design, das jede öffnende Tür zum Versprechen für unaussprechliche Grauenhaftigkeiten dahinter macht. Nie findet der Zuschauer eine beruhigende Balance oder einen emotionalen Zugang zu den Figuren, ständig wartet er auf eine erlösende rationale Erklärung oder wenigstens auf ein erlösendes Ende mit Schrecken. In diesem Sinne ist der abrupte Abbruch des Films noch mal besonders beängstigend.

 

Daniel Bickermann

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im "Schnitt".

 

 

Hotel

D/A 2004. R,B: Jessica Hausner. K: Martin Gschlacht. S: Karina Ressler. M: Sound Design, Mark Hurtado. P: Essential, Coop99 Film. D: Franziska Weisz, Birgit Minichmayr, Marlene Streeruwitz u.a. 76 Min. Verleih ab 22.6.06

 

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