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Hope 

Eine Erpressung als moralisches Hilfsangebot? Zufällig wird der junge Francis Zeuge, wie der Galerist und Kunsthändler Weber aus einer Kirche das Altarbild „Engel mit Geige“ stehlen lässt. Er filmt den Diebstahl, bei dem Weber selbst anwesend ist, mit seiner Videokamera. Auch sammelt Francis beim Versuch, den Diebstahl „lückenlos“ zu dokumentieren, weiteres audiovisuelles Belastungsmaterial gegen Weber. Er verlangt von ihm allerdings kein Geld, sondern die sofortige Rückgabe des Gemäldes, obgleich dieses längst ins Ausland weiterverkauft worden ist. Francis’ merkwürdiges, scheinbar unmotiviertes Verhalten stößt auf professionellen Widerstand: Sein Auto fliegt in die Luft, was ihn aber kaum beeindruckt. Mit fast schon fanatischer Selbstsicherheit hält er an seiner Erpressung fest, verlangt jetzt aber einen gleichwertigen Ersatz für seinen alten, grasgrünen Renault 5.

 

Zugleich erfährt man mehr Details aus Francis’ Leben: dass er mit seinem wortkargen Vater zusammenlebt, der ein bedeutender Dirigent war und sich nun als Organist in der kleinen Kirche verdingt, in der einst der „Engel mit Geige“ Blickfang war; dass sein selbstmordgefährdeter Bruder Michal im Gefängnis sitzt, weil er zwei Menschen umgebracht hat; dass seine Freundin, die Studentin Klara, Angst um ihn hat; dass er beim Fallschirmspringen gern möglichst spät den Schirm öffnet, was bei dem Verantwortlichen des Flugplatzes auf wenig Verständnis stößt. Francis ist ein mysteriöser Typ, und der Film setzt alles daran, ihm die Aura des arglos Naiven zu erhalten. Von Weber nach den Gründen für sein Handeln befragt, antwortet Francis freundlich: „Ich habe noch einen anderen Grund dafür.“ „Welchen?“ „Sage ich Ihnen nicht!“

 

Spätestens jetzt beginnt man das Rascheln des unterkomplexen wie überdeterminierten Drehbuchs zu hören, das von Krzysztof Piesiewicz stammt, der mit Kieslowski am „Dekalog“ und an der „Drei Farben“-Trilogie arbeitete und mit „Heaven“ (fd 35 285) und „Wie in der Hölle“ (fd 37 669) bereits zwei prätentiöse Drehbücher verantwortete. Auch „Hope“ trägt schwer an einem unausgegorenen Buch, das ständig tiefere Bedeutung suggeriert, dabei jedoch der schwerblütigen Musik bedarf, um Schwächen der Figurenzeichnung zu übertünchen, und in bedeutungsschwer psalmodierende Sätze („Ich mag dich viel lieber, wenn du Angst hast!“) flüchtet. Stanislaw Mucha geht der aufgesetzten Gewichtigkeit des trivialen Drehbuchs auf den Leim und verdoppelt sie nicht nur durch eine behäbige Schauspielerführung, die Darsteller wie Zbigniew Zapasiewicz und Zbigniew Zamachowski fast wie Karikaturen eines schwer in die Jahre gekommenen „metaphysischen“ Kinos erscheinen lässt.

 

Das komplizierte Figurengeflecht, das Begriffe wie Schuld, Sühne, Verantwortung und Angstfreiheit durchdekliniert, findet eine Erklärung bereits durch den unglücklich gewählten Prolog, der ein Indiz dafür sein könnte, dass der Film erst am Schneidetisch zu seiner jetzigen Form fand. Da wird in einer stilisierten Parallelmontage von einem Unfall erzählt, bei der die Unbedachtheit des kleinen Michal die Mutter das Leben kostet, als sie Francis zu schützen versucht. Während dieser Unfall geschieht, dirigiert der Vater ein „bedeutsames“ Konzert, das im Radio übertragen wird. Als er nach seinem künstlerischen Triumph vom Tod seiner Frau erfährt, bricht er theatralisch in einer halbtotalen Einstellung zusammen. Setzt man die folgenden Puzzle-Teilchen dazu in Beziehung, dann hat Michal Zeit seines Lebens unter seiner Schuld gelitten, während Francis sich durch den Unfall „beschützt“ wähnte. Es ist genau diese unemotionale Angstfreiheit, die er im Verlauf des Films verlieren muss, um sich im Hinblick auf das Soziale, hier: Klara, zu „befreien“. In der Rückholung des Gemäldes wie auch in der Forderung, sein zerstörtes Auto „ersetzt“ zu bekommen, zeigt sich Francis’ Trauma: Er versucht, Dinge ungeschehen zu machen – und bietet auch Weber die Möglichkeit, (s)einen Fehler ungeschehen zu machen.

 

Folgt man den Aussagen Muchas, geht „Hope“ über das singuläre Familiendrama hinaus, insofern Francis’ intuitives Handeln „in der korrupten Welt von heute (...) ein Lichtstrahl sei“. Dies zielt auf die gleichfalls präsentierte Welt der Kunsthändler und -diebe (die in artig-modernistischen Dekors oder leeren Industrieanlagen leben) ab, die die Allgemeinheit ihrer Chance auf eine Teilhabe an der Kultur berauben und vor Mord und Totschlag nicht zurückschrecken. In Erinnerung bleiben skizzenhafte, irritierende Begegnungen mit einem Daten sammelnden Priester und einem schwulen Pärchen. Was wollen Piesiewicz und Mucha damit sagen? Wie ist es zu werten, dass Hoffnungsträger Francis durch seine Aktion den Tod des Hehlers offenbar selbstgerecht und problemlos in Kauf nimmt? Als der von Francis reklamierte „neue“ Renault 5 erstmals gezeigt wird, trägt er noch ein deutsches Autokennzeichen: HO-PE 123. Das ist in seiner Zeichenhaftigkeit bezeichnend überdeutlich und unendlich trivial, aber hoffentlich auch augenzwinkernd gemeint. Ansonsten bleibt die Bedeutsamkeit des Gezeigten allzu oft bloß Behauptung.

 

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst

 

Hope

Deutschland / Polen 2007 - Originaltitel: Nadzieja - Regie: Stanislaw Mucha - Darsteller: Rafal Fudalej, Kamilla Baar, Wojciech Pszoniak, Zbigniew Zapasiewicz, Zbigniew Zamachowski, Grzegorz Artman, Jerzy Trela - FSK: ab 12 - Länge: 101 min. - Start: 17.1.2008

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