zur startseite

zum archiv

Hoffmanns Erzählungen

 

Oper und Kino, sie werden selten wirklich glücklich miteinander. Sowohl die Variante „abgefilmte Opernbühne“ als auch die Entscheidung für reale Locations birgt Tücken. Paul Czinners „Don Giovanni“-Bühnendokument (1954) geriet filmisch bieder, Joseph Loseys insgesamt aufregende „Don Giovanni“-Adaption (1979) litt etwas darunter, dass sich Leute im Freien normalerweise nicht singend unterhalten. Immerhin waren hier Sänger und Darsteller identisch, anders als in der albernen 1950er-„Aida“, wo Sophia Loren mit der Stimme von Renata Tebaldi singt. Allerdings bewegte die Loren ihren Mund perfekt synchron zum Playback.

 

Die nachträgliche Fremdsprachen-Synchronisation von Opernfilmen ist dagegen verlorene Liebesmüh. In Berlin versuchte man das 1951 mit „Hoffmanns Erzählungen“ trotzdem. Wenn Robert Rounseville als singender Dichter den Mund auftut, ist seine deutsche Stimme Rudolf Schock in der Regel erst Sekundenbruchteile später zu hören. Dennoch werden sich Opernfans darüber freuen, dass diese aufwändig eingespielte Fassung mit Sängerstars wie Schock, Rita Streich und Josef Metternich anwählbar ist. Nicht durchweg sängerisch, aber orchestral ist allerdings die Originaltonspur erste Wahl, weil Sir Thomas Beecham das Helldunkel von Offenbachs Musik einfach perfekt im Griff hat. Seine Interpretation zieht den Zuschauer magisch in das schaurig-schöne Geschehen hinein, in die scheiternden Liebesgeschichten des Schriftstellers E.T.A Hoffmann, den Jaques Offenbach mit seinen eigenen literarischen Dämonen ringen ließ. Offenbach selbst erlebte die Uraufführung 1881 in Paris nicht mehr. Sein Meisterwerk blieb unvollendet.

 

Die einzige Filmversion entfaltet nicht überall Sogkraft, obwohl die Regie sich alle erdenkliche Mühe gibt, den grundsätzlichen Bühnencharakter des Films immer wieder aufzulösen. In gelungenen Momenten stellt sich das Gefühl ein, man habe eben noch im Auditorium gesessen und werde nun, als Mitakteur, in einen finsteren Operntraum verstrickt: Zur düster-verderbten Atmosphäre des Venedig-Aktes um die betrügerische Kurtisane Giuletta – sie singt die berühmte Barcarole – trägt die in verfallsschönen Blau- und Grüntönen gehaltene Ausstattung Hein Heckroths maßgeblich bei.

 

Nach „Die roten Schuhe“ (1948) wagte sich das Regie-, Autoren- und Produzenten-Gespann Michael Powell und Emeric Pressburger mit „Hoffmanns Erzählungen“ an ihren zweiten Musikfilm. Mit dem Ballettfilm-Welterfolg hat die Opernadaption einiges gemeinsam. Es wird erneut viel getanzt, weit mehr als in herkömmlichen Opernaufführungen. Moira Shearer – die tragische Ballerina aus den „Roten Schuhen“ – brilliert als Puppe Olympia, auf deren kalten Liebreiz Hoffmann hereinfällt, bis das mechanische Wesen von seinem Erfinder mit bloßen Händen zerrissen wird. In allen vier Bösewichter-Rollen erweist sich Robert Helpman als idealer Tänzer und Schauspieler. Und vom mimischen Ausdruck her könnte Helpman glatt Vincent Price in einer Edgar-Allan-Poe-Verfilmung ersetzen.

 

Eher schwach auf der Brust ist die Episode um die Sängerin und Hoffmann-Geliebte Antonia. Gespalten zwischen Musikerinnen-Ambition und Liebessehnsucht singt sie sich zu Tode. Parallelen zum Künstlerinnendrama „Die roten Schuhe“ sind nicht zu übersehen. Dass Powell und Pressburger den Akt von einem engen, bizarren Bürgerhaus auf eine sonnenüberflutete griechische Insel verlegen, trägt dazu bei, dass sich das letzte Drittel des Films arg in die Länge zieht. Zu knapp geraten ist dagegen das Zusatzmaterial der DVD. Arthaus hat zwar die Lizenz für die farbtreue Überspielung der Criterion-Collection bekommen können, aber leider nicht den Audiokommentar von Martin Scorsese integriert. Immerhin erfährt man in den Produktionsnotizen, dass die späteren Regie-Stars Scorsese und George A. Romero in den Fünfzigerjahren glühende Verehrer des Films waren – und in einem New Yorker Filmverleih als Nebenbuhler um eine 16-mm-Kopie von „Hoffmanns Erzählungen“ auftraten. Auch eine verrückte Liebesgeschichte.

 

Jens Hinrichsen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-dienst

 

 

Hoffmanns Erzählungen (1951)

THE TALES OF HOFFMANN

England - 1951 - 122 min. - Erstaufführung: 31.8.1951

Produktion: Michael Powell, Emeric Pressburger

Regie: Michael Powell, Emeric Pressburger

Buch: Michael Powell, Emeric Pressburger

Vorlage: nach der gleichnamigen Oper von Jacques Offenbach

Kamera: Christopher Challis

Musik: Jacques Offenbach

Darsteller:

Moira Shearer (Stella/Olympia)

Robert Rounseville (Hoffmann)

Robert Helpmann (Lindorf/Cappelius u.a.)

Pamela Brown (Nicklaus)

Frederick Ashton (Kleinzack/Cochenille)

Meinhart Maur (Lutter)

John Ford (Nathaniel)

Ludmilla Tscherina (Giulietta)

 

zur startseite

zum archiv