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Hexenkessel

 

Living and Dying in Little Italy - Mean Streets

 

Es ist kein Zufall, dass Regisseur Martin Scorsese selbst die ersten Worte des Films spricht und in einer der letzten Einstellungen sogar in einer kleinen, aber entscheidenden Rolle zu sehen ist. Anfangs gibt Scorsese die Regeln der Straße vor, legt die Maxime von Mean Streets fest, am Ende bestraft er jeden, der seine Gesetze missachtet. Dieser unmittelbare Bezug des Kreativen zu Elementen der filmischen Handlung verdeutlicht zum einen seine Selbstbestimmtheit, die rigorose Kontrolle über sein filmisches Schaffen, zum anderen vermittelt sie unzweifelhaft wie nah Scorsese den Figuren und Geschichten seines Films steht, in welcher Form man in Mean Streets durchaus autobiographische Tendenzen erkennen kann.

 

Seine Filme erzählen immer wieder auch aus seinem Leben. Scorsese inszeniert leidenschaftliches Kino, das sich zu seinen Wurzeln bekennt und nicht selten mehr über den Regisseur preisgibt, als jedes Porträt über ihn erzählen könnte. Der italo-amerikanische Ursprung ist ebenso relevanter Bestandteil wie die Hinwendung zum Katholizismus, dessen religiöser Faszination Scorsese beinahe sein gesamtes Leben gewidmet hätte. Es ist diese Mischung aus christlicher Symbolik, unmenschlicher Härte, realer Figuren und psychologischer Metaphorik die sein umfassendes Werk bis heute bestimmt. 1973 bedeutet Mean Streets den Beginn einer großen Karriere, ein Film, der wie kaum ein anderer in der langen Schaffensphase des Regisseurs einer Spielwiese gleicht, auf der seiner Kreativität vorläufig keine Grenzen und keine Strukturen gesetzt sind.

 

Ein stilistisches Experiment, in dem nicht nur Scorsese seine eigene Stimme sucht und findet. Mean Streets erzählt nicht so sehr eine Geschichte, der Film gleicht der Beschreibung eines Zustands, der in langsamen Schritten auf die logische Katastrophe zusteuert. Ein Motiv, das sich in späteren Filmen wie Taxi Driver (1976) wiederholt, dort jedoch wesentlich zielstrebiger inszeniert ist als in Mean Streets. In diesem Fall ist Charlie (Harvey Keitel) die Hauptfigur des Zustands, der Situation. Ein Kleinkrimineller, der sich an die unerbittlichen Gepflogenheiten der Straße gewöhnt hat und die Regeln des sündigen Geschäfts respektiert. Charlie ist ein Sünder in allem was er tut, doch im Gegensatz zu anderen bereut er seine Taten, befindet sich im klassischen Widerspruch von katholischer Gläubigkeit und krimineller Aktivität. Ein Anti-Held, überfordert mit sich selbst und den Konflikten, die ihm bevorstehen.

 

Charlies moralische Werte brechen mit der Realität und dem Geschäft, dem er nachgeht, doch sein Dilemma ist abhängig von der Umwelt, die ihn umgibt. Es wurde so etwas wie Scorseses Markenzeichen, nicht zuletzt eine konsequente Folge der häufig auftauchenden christlich-visuellen Metaphorik, die die Erde zur Hölle zu stilisiert. Zumeist ein Effekt, den seine expressive Farbgestaltung und die gezielte Verwendung von Rauch oder Nebel erzeugen, so dass die Welt, in der sich Scorseses Figuren bewegen, in ihrem Verständnis zum Ort der Qual, des Leids und der Ausweglosigkeit verwandelt wird. In Mean Streets findet auch dieses stilistische Merkmal exemplarischen Ausdruck, denn Charlies Stammkneipe ist nichts anderes als ein Ort der Sünde, getaucht in dunkle, rötliche Töne. Rot als bestimmende Farbe für Blut, Gewalt, Gefahr und Sex. Charlie, der Schuldige, umgeben von Sünde.

 

Obwohl er als Hauptfigur sein ureigenes geistiges Dilemma in sich trägt, zerstört es ihn nicht vordergründig, entfaltet seine zerstörerische Kraft erst in Kontakt mit seiner Außenwelt. Ihm auferlegte Regeln und Gesetze, diejenigen der Straße und der Kirche nehmen ihn beiderseits in Beschlag. Er liebt Teresa (Amy Robinson), mit der er nicht zusammensein darf, und unterstützt ihren Cousin Johnny Boy (Robert De Niro), der seine Karriere nachhaltig gefährdet. Doch Charlie fühlt sich entweder hingezogen oder freundschaftlich verpflichtet, aus dem bestehenden Regelwerk auszubrechen. Alles steht und fällt mit seiner Fähigkeit die Kontrolle zu behalten, sich heimlich mit Teresa zu treffen und Johnny Boys Geldschulden bei Michael Longo (Richard Romanus) zu begleichen. Scorsese beschreibt das Leben der Straße in all seiner Intensität und gelegentlich absurden Gestalt.

 

Wenn Charlie sich von einem ‚Geschäftstermin' zum nächsten hangelt, immer wieder für die Belange seines psychotischen Freundes Johnny Boy einstehen muss, entwickelt dies allmählich eine gewisse Komik. Es scheint, dass sich nichts an der Situation ändert, die zentralen Figuren jederzeit auf den gleichen Positionen verharren, doch der Spannungsbogen mit der Zeit konsequent steigt und sich ein explosionsartiges Finale andeutet. Michael wird ungeduldig, hat es satt auf sein Geld zu warten, Charlies Onkel Giovanni (Cesare Danova) erwartet viel von seinem Neffen, verschmäht jedoch Teresa, die er schlichtweg für geisteskrank hält. Jederzeit, so scheint es, könnte das Kartenhaus umfallen, das lediglich Charlie zusammenhält, weil er die Regeln der Straße weitestgehend akzeptiert. Sollten Johnny Boy, Teresa oder er selbst einen Fehler begehen, wird man sie für ihre Sünden nicht in der Kirche bestrafen, sondern auf der Straße.

 

Martin Scorsese porträtiert das Leben der Kleinkriminellen, der Gangster und die Kreise des organisierten Verbrechen mit einer fast dokumentarisch anmutenden Leichtigkeit. Große Teile von Mean Streets sind mit einer frei beweglichen Handkamera gedreht, was einerseits verwackelte, unscharfe und manchmal schier ziellose Bilder entstehen lässt, gleichzeitig jedoch für ein authentisches Wesen des Films sorgt. Die Welt, in der Charlie lebt, ist nicht länger ein Ort voller Hoffnung, sondern ein auswegloses Konstrukt, das alle Figuren zu einer trügerischen Routine zwingt. Es wird gelogen, gestohlen, geprügelt, gedroht, ohne dass es einem gelingt die allgegenwärtige Spirale aufzuhalten, die in ein wahrlich höllisches Finale der Gewalt mündet.

 

Mean Streets handelt von Moral, Regeln und Gesetzen, die ein geordnetes Leben im Sinn haben. Diese können religiöser oder krimineller Natur sein, es ändert nichts am Zwang, dem Charlie unterworfen ist. Ein Kreis, aus dem er nicht ausbrechen kann, es vielleicht auch nicht will. Keitel leistet großartige Arbeit in der Darstellung von Charlie, dessen Drang, die Kontrolle zu behalten und dennoch allen Verhaltensregeln zu entsprechen, in seiner Person deutlich wird. Der emotionale Zerfall der Figur macht sich in seinen ständig wechselnden Launen, der Aggressivität Teresa gegenüber, die augenblicklich in verständnisvolle, liebende Gesten wechselt. Keitels Charlie ist ein zerrissener Charakter, der nicht genau weiß, was er will. Nur was er nicht will, kann er mit Bestimmtheit sagen. Auch De Niro überzeugt in seiner ersten größeren Filmrolle als psychotischer Johnny Boy, dessen aufbrausendes Gebahren und sein beschränkter Verstand ein ums andere mal zur Gefahr werden. Es ist interessant zu sehen, wie De Niro und Keitel mit ihrem Dialekt arbeiten und viele der improvisiert wirkenden Szenen lebensnah gestalten.

 

Der Film besitzt sehr gelungene Dialogpassagen, in denen sich auch die Energie offenbart, mit der Mean Streets als Ganzes ausgestattet ist. Das kraftvolle Porträt dieser selbstregulierenden Sub-Kultur italo-amerikanischer Kriminalität ist faszinierend und vor allem künstlerisch anspruchsvoll inszeniert. Scorsese beweist in diesem Frühwerk, welch große Themen auch in der Nachfolge sein künstlerisches Schaffen bestimmen werden. Es ist der innere und äußere Konflikt fragwürdiger, männlicher Heldenfiguren, die an ihrer Existenz oder der Gesellschaft scheitern. Scheitern müssen. Der Film ist für Scorsese-Anhänger ein unbedingtes Muss, gilt Mean Streets doch als einflussreichstes Werk für genre-ähnliche Filme der Nachwelt. In gewisser Hinsicht lebt der Film von einer vitalen Spannung und fast schon naiver Reinheit, die ihn zur puren Dokumentation des Lebens in Little Italy macht. Mean Streets trägt so unzweifelhaft die Züge von Scorsese, der ihn vielleicht mit der persönlichsten Note all seiner Filme versehen hat. Dieser Eindruck lässt sich nicht auf die brillante Verwendung von Musik und die effektvolle Gestaltung der Bilder beschränken. Es ist seine Art Geschichten zu erzählen, Filme zu machen, die anders sind als viele vor ihm, aber näher an die Thematik herankommen, als dies jemand vor ihm geschafft hätte.

 

Von einem heutigen Standpunkt aus betrachtet erinnert der Film in seiner kreativen Wertigkeit für das Gesamtwerk des Regisseurs Martin Scorsese an Tarantinos Reservoir Dogs (1992). Schnell zum Kultfilm avanciert, beinhaltet Tarantinos Erstling, der neben Harvey Keitel auch andere Bezüge zu Scorsese aufweist, viele der Motive, die er in folgenden Filmen aufgreift, verfeinert und letztendlich verbessert. Mean Streets (1973) und Reservoir Dogs (1992) definieren sich beide als stilistische Experimente ihrer Regisseure, denen zur cineastischen Perfektion nicht viel fehlt, wie danach in Taxi Driver (1976) und Pulp Fiction (1994) eindrucksvoll zu sehen ist.

 

 

4,5 von 5 Sternen = 5 Sterne

 

Patrick Joseph

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei: www.ciao.de

 

Hexenkessel (1973)

MEAN STREETS

 

USA - 1973 - 112 min.

Erstaufführung:

25.6.1976

Produktion:

Jonathan Taplin

Eleanor Perry

Martin Scorsese

 

Regie: Martin Scorsese

Buch: Martin Scorsese, Mardik Martin

Kamera: Kent Wakeford

Musik: div. Songs

Schnitt: Sidney Levin, Martin Scorsese (ungenannt)

Darsteller:

Harvey Keitel (Charlie)

Robert De Niro (Johnny Boy)

David Proval (Tony)

Amy Robinson (Teresa)

Richard Romanus (Michael)

Cesare Danova (Giovanni)

Victor Argo (Mario)

Robert Carradine (Schütze in Bar)

David Carradine (Opfer in Bar)

Catherine Scorsese

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