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Heute ich ... morgen du!

 

 

 

 

Bill Kiowa saß fünf Jahre im Knast. Wegen Mordes an seiner indianischen Frau. Allerdings war nicht er der Täter, sondern sein ehemaliger Freund Elfego. Fünf Jahre sann Bill auf Rache und nun ist er endlich frei. Er heuert vier eiskalte Killer an, die ihm bei seinem Rachefeldzug unterstützen sollen. Mit diesem Gespann geht Bill auf die Jagd, um Elfego und seine Comancheros ein für alle mal zur Strecke zu bringen.

 

“Heute ich… morgen du!“ (Originaltitel: „Oggi a me… domani a te!“), der in Deutschland insbesondere unter dem Titel “Stoßgebet für einen Hammer“ einen hohen Bekanntheitsgrad errang, entstand im Jahre 1968, am Ende des Jahrzehnts, welches sich als die große Zeit des Italowestern herausstellen sollte. “Heute ich… morgen du!“ erblickte eigentlich relativ spät das Licht der Kinoleinwand, was sich allerdings nicht als schlecht, sondern als relativ günstigen Umstand herausstellen soll, da sich der Regisseur des Films Tonino Cervi und Drehbuchautor Dario Argento augenscheinlich (zum Glück) von den großen Meisterwerken, wie unter anderem besonders “Django“ (Italien, 1966) und “Für eine Handvoll Dollar“ (Italien, 1964), inspirieren ließen.

 

Gerade der immerwährend angeführte Einfluss des Samuraifilms – insbesondere oder vielleicht gerade von “Yojimbo“ (Japan, 1961) – fällt in “Heute ich… morgen du!“ mehr als nur positiv auf und kann sich damit in die Reihe der unterschwellig (“Für eine Handvoll Dollar“) oder mehr offensichtlich (“Rivalen unter roter Sonne“) inspirierten Western einreihen. Gerade die Zusammenführung zweier gar nicht so unterschiedlicher Legenden, wie den Revolverhelden und den fernöstlichen Samurai, stellt eine hervorragende Koexistenz dar, die sich zwar geographisch völlig widerspricht, kulturell allerdings gewisse Parallelen aufweist und gerade in Bezug auf den Italowestern, dem alle Moral und Ethik der US-amerikanischen Vorreiter genommen wurde und sich der Revolverheld im Spaghettiwestern, wie auch der Samurai im asiatischen Swordsplay-Film durch Verrat, Missgunst und Neid kämpfen muss. Das Einzelkämpfertum, sowie die dem "Helden“ eigene Ansicht von Rache und Vergeltung sind wohl die offenkundigsten und vor allem dem Publikum am ehesten in Erinnerung bleibenden Schneidepunkte beider Genre. Obwohl sich das Einzelkämpfertum gerade in diesem Film auf den ersten Blick nicht mit dem vieler Samuraifilme schneidet, kann man die Parallele vielleicht doch insoweit erklären, dass im Italowestern eine Gruppe von Revolverhelden meist eine Gruppe von Einzelkämpfern ist, die sich meist aus eher selbstzweckhaften Motiven zusammenschließen, als eine enge emotionale Bindung zueinander zu empfinden und die sich zudem auch noch hervorragend ergänzen. Den ganzen Film über wirken Bills Partner nur wie Mittel zum Zweck, was zusätzlich auch durch die Bezahlung jedes einzelnen vermittelt wird (5.000 US$ vorher und 5.000 US$ nachher). Erst gegen Ende des Films ergibt sich eine Zusammengehörigkeit, an der man allerdings rätseln kann, ob sie schon die ganze Zeit bestand oder erst durch das finale Duell mit Elfego und seiner Bande verursacht wurde. Obwohl sich alle einem übermächtigen Feind gegenüber sehen und durchaus die Wahl haben, ob sie gegen diesen antreten oder nicht – sich also freiwillig für die Hilfe entscheiden –, kann damit noch kein von vornherein gegebenes Zusammengehörigkeitsgefühl erklärt werden, da anfangs jeder seine eigenen selbstzweckhaften Ziele hat. Die einen tun es für Geld, die anderen, weil sie Bill einen Gefallen schulden und diese Last nicht weiter auf ihren Schultern tragen möchten oder eben um als Abenteurer nicht in dem langweiligen Kaff zu enden, in dem sie sich niedergelassen haben. Die selbstlose Hilfe, die emotional verbindet und wahre Freundschaft vermittelt, steht also bei keinem von Bills Mitstreitern anfänglich im Vordergrund.

 

Spielt der von Terence Young gedrehte Euro-Western “Rivalen unter roter Sonne“ (F/I, 1971) mit seinen US-amerikanischen Einflüssen mit vorgehaltener Moralkeule auf das Gute im Menschen an und zielt mit seinem Hauptaugenmerk auf die gewisse "Soldatenehre“, der sich der Leibwächter des japanischen Botschafters und seines Zeichens auch Samurai Kuroda (gespielt von keinem geringeren als Toshiro Mifune, der unter anderem in Hiroshi Inagakis Samurai-Trilogie und zahlreichen Filmen Akira Kurosawas den Samurai mimte) verpflichtet fühlt und auch Charles Bronson als Link einen gewissen Ehrenkodex sein eigen nennt (schon von Anbeginn des Films zeichnet sich der Charakter des Link dadurch aus, dass er eine moralische Kompetenz aufweist, die ihn unter anderem daran hindert, den Überfallenen im Zug so kaltblütig und brutal wie sein derzeitiger Partner Gotch gegenüberzutreten; Link ist es auch, der die Schuld für den Tod der Leibwächter und den Diebstahl des Schwertes auf sich nimmt, indem er sich streckenweise verpflichtet fühlt, dem Samurai Kuroda "kameradschaftlich“ beizustehen), um den Film trotz seines mittelpünktigen Rachefeldzuges nicht ganz chaotisch wirken zu lassen, bedient sich Tonino Cervi in “Heute ich… morgen du!“ archetypischer Merkmale des Italowesterns, um eben dieses Chaos zu nutzen und darauf einen Rachefeldzug aufzubauen. Trotz der vordergründigen Richtung des Films, besitzt der Streifen dennoch eine mehr oder weniger klare Definition von "Gut“ und "Böse“ – was bei einem Italowestern durchaus nicht immer der Fall sein muss. Im Film wird Bill Kiowa (gespielt von Brett Halsey) eindeutig als der "Gute“ dargestellt – wofür auch die später im Film auftretende Rückblende spricht, in der Bill Kiowa keineswegs ein Revolverheld war, sondern glücklich seines ruhigen Familienlebens, seinem damaligen "Freund“ Elfego ebenfalls ans Herz legte, sich niederzulassen und die Vergangenheit samt aller Missetaten ruhen zu lassen –, sodass er seinen Einstieg in die Revolverszene nicht selbst verschuldet hat, sondern dieser durch einen feigen Mord von Elfego an seiner indianischen Frau eingeleitet wurde, wegen dem Bill sogar noch 5 Jahre in Haft verbüßen musste. Diese klare Abgrenzung des passiven Einstiegs in die Szene entmannt den Film seiner nach Italowestern-Maßstäben normalerweise zu Grunde liegenden starken pessimistischen Grundstimmung (wenn es im Film auch häufig grau in grau erscheint, er von Staub und Dreck nur so überflutet ist und die Brutalität der Täter und Qualen der Opfer keine Grenzen zu haben scheinen), indem der Zuschauer seinen einstigen Bösewicht nicht als späteren Helden wieder erkennen muss (wie geschehen in “Für eine Handvoll Dollar“, in dem sich Clint Eastwood zu Beginn nicht an der geschlagenen und gepeinigten Frau samt ihrem Kind stört, sondern erst später eine gewisse moralische Festigung offenbart), sondern dem Zuschauer immer ein klar zu erkennender Guter präsentiert wird, dessen Taten sich ausschließlich gegen die klar zu erkennenden Bösen richten und ihre Rechtfertigung in den vergangenen Gräueltaten finden, an die der Zuschauer auch immer wieder gerne mit Rückblenden und Dialogen erinnert und so stets eine klare Linie zwischen Gut und Böse gezogen wird, sodass das normalerweise herrschende Chaos in definierbaren Grenzen einen mehr oder weniger rechtmäßigen Gang nimmt. Gerade die Revolvermänner Bills sind es, die sich anfangs als "Schützen, die eiskalt töten können“ geoutet, später eher als Revolver-"helden“ entpuppen. Auch hier bleibt die Seite – trotz der relativ zweifelhaften Intention der Revolvermänner und des ganzen Unternehmens – klar gewahrt.

 

Bill Kiowa ist dabei deutlich von der Person des Django abgekupfert, den Sergio Corbucci mit großem Erfolg bereits 1966 ins Rennen schickte und zahlreiche Plagiate nach sich zog, wobei “Heute ich… morgen du!“ wohl das innovativste und eigenständigste ist – wenn man es überhaupt als ein solches bezeichnen sollte, da Regisseur Tonino Cervi und wahrscheinlich auch Drehbuchautor Dario Argento (ja, genau der!) die Grundideen ebenso von vielen anderen Filmen stibitzt haben und es dennoch schaffen, ihn als eigenständiges und nicht nach Nachahmung aussehendes Werk zu präsentieren. Klar erkennbar und zum Verwechseln ähnlich mit Django (gespielt vom ehrwürdigen Franco Nero) ist Brett Halsey nicht nur von seinem Aussehen, vom markanten unrasierten Gesicht bis hin zur schwarz in schwarz getragenen Kluft, sondern auch von seinem Verhalten her, dass er an den Tag legt. Still und leise, wie ein innerlich brodelnder Vulkan, der mit Gelassenheit ausbricht und mit großer Sicherheit alles um sich herum mit in den Tod reißt. Allerdings ist Bill Kiowa kein reiner von Pessimismus durchzogener Einzelkämpfer, wie im Italowestern des öfteren und insbesondere in “Django“ üblich, sondern schart beinahe direkt von Anbeginn einige Mitstreiter um sich, die zwar alle aus selbstzweckhaften Gründen handeln (also keine Interessengemeinschaft wie in “Die glorreichen Sieben“ oder ähnlichen Filmen entsteht), ihm allerdings tatkräftig und loyal zur Seite stehen.

 

Auch der Plot selber offenbart in sich selbst eine klar gezogene Linie, wird dem Zuschauer doch gleich die Ähnlichkeit zu “Die glorreichen Sieben“ (USA, 1960) bewusst gemacht, indem auch Bill Kiowa erst seine Truppe einzeln zusammen suchen muss (allerdings sind es hier nur fünf, anstatt sieben), um gegen den übermächtig scheinenden Feind überhaupt eine Chance zu haben, der in diesem Fall keine Heerschar von ein Dorf belagernden Mexikanern ist, sondern sich in einem simplen Rachefeldzug gegen eine Bande von Meuchelmördern äußert. Die Mitstreiter Kiowas sind dabei so einzigartig wie auch die Mitstreiter Chris’ (gespielt von Yul Brunner) in “Die glorreichen Sieben“. O’Bannon (gespielt von Bud Spencer, der in diesem Film übrigens seinen ersten großen Auftritt überhaupt hat), Sheriff Jeff Milton (gespielt von Wayde Preston), Bunny Fox (gespielt von Vic Gazarra) und Karten- und Falschspieler Francis Colt Moran (gespielt von William Berger) ergeben nicht nur eine schlag- und schussfertige Truppe, sondern bereichern den Film auch durch jede Menge Abwechslung. Jeder Charakter hat seine eigenen Verhaltensweisen, die – zugegeben – nicht sonderlich ausgearbeitet wurden, aber dennoch reichen, um ein wenig Abwechslung und streckenweise auch ein wenig Humor in den Film einzubringen. O’Bannon ist natürlich keiner feisten Kneipenschlägerei abgeneigt (was Bud Spencer in seinem späteren Werdegang durchaus zu Gute kommen sollte), Bill Kiowa und Bunny Fox bevorzugen das Duell mit dem Colt, Jeff Milton nutzt sein Gewehr, um sich seiner Feinde zu erwehren und Francis Colt Moran ist keinem Trick abgeneigt, um etwas leichter und vor allem ungefährlicher sein Ziel zu erreichen. Dieser wilde Trupp treibt die Story schnell voran und lässt kaum Langeweile aufkommen, was der Geschwindigkeit des Films natürlich auch sehr zu Gute kommt.

 

Die Rolle des Elfego wurde von Regisseur Tonino Cervi trotz seiner im Film geouteten mexikanischen Natur nicht unbedacht mit dem Japaner Tatsuya Nakadai besetzt, der in Japan als großer Star der Samuraifilme gilt und auch in einigen großen Werken Akira Kurosawas (unter anderem “Kagemusha“) mitspielte. Zum Vorteil des Filmes darf Tatsuya seine Erfahrungen aus vorangegangenen japanischen Samuraifilmen mit einbringen und präsentiert sich in grandiosen und herausragenden schauspielerischen Posen, wenn er bei seinen Ritten zu Pferd, mit erhobenem Messer bei asiatisch beeinflusster Musikuntermalung, künstlerisch und geradezu majestätisch auf seine Opfer zureitet, um sie mit einer an alte Samuraifilme erinnernde Schwertkampftechnik hinzurichten.

 

Aber auch die übrige Darstellung des Elfego durch Tatsuya ist es – einer wahren Kunst gleichend (man könnte Tatsuya Nakaida sogar als die japanische Antwort auf Klaus Kinski bezeichnen) –, die Klaus Kinski nicht besser hätte darstellen können. Immer nahe dem endgültigen Wahnsinn offenbart sich Elfego als paranoider Wahnsinniger, der wenig Wert auf ethische Güter legt, sondern eiskalt mordet, wo er es für nötig hält. Tatsuya verleiht der Figur mit irren Blicken, cholerischen Ausbrüchen (kein Vergleich zu Klaus Kinski, aber dennoch sehenswert) die richtige Mimik und Gestik, die sich nur durch seine Taten toppen lässt. Diese Taten beschränken sich auf skrupellose Morde oder eine Szene, in der er Bill Kiowas indianische Ehefrau als "Indianernutte“ bezeichnet, obgleich er selber – im Film offensichtlicher mexikanischer Natur – zur Zeit der Grenzkriege, die im Film atmosphärisch allgegenwärtig sind, nicht unbedingt ein erwünschtes Individuum ist.

 

Alles in allem - wenn man den Film einmal Revue passieren lässt - handelt es sich bei “Heute ich … morgen du!“ um einen grandiosen Italowestern, der besonders durch den Einfluss japanischer Samuraifilme und sein hervorragendes Ende hervorsticht. Dieser Einfluss hätte aber im Film noch etwas intensiver sein und besonders Elfegos Kampfszenen hätten in diesem Zusammenhang zahlreicher ausfallen können. Es ist einfach eine wahre Freude, Tatsuya Nakadai in seinen ästhetischen Ritten anzuschauen, wie er messerschwingend mit einer überwältigenden Art und Weise seine Opfer geradezu hinrichtet. Darüber hinaus ist “Heute ich ...“ ein recht schnellebiger Film, der keine größeren Lücken im Plot preis gibt, die dem Film seines Tempos berauben würden, was allerdings unter anderem natürlich an den vielen Abwechslungen und obskuren Einfällen (besonders im finalen Duell) liegt. Der Film läuft im wahrsten Sinne des Wortes „wie geschmiert“. Er hätte durchaus das Potenzial zu mehr gehabt, gerade wo hier solche kompetenten Leute wie Schauspieler Nakadai und Drehbuchautor Argento zusammengefunden haben. Solche seltenen Zusammenkünfte sollte man besser ausnutzen, leider ist dies nicht geschehen, was den Film bestimmt nicht schlecht macht, ihn aber durchaus seines sehr hohen Potenzials beraubt, das er gehabt hätte. Die deutschen Videotitel “Bud Spencer: Der Dicke ist nicht zu bremsen“ und “Stoßgebet für einen Hammer“ sind natürlich - wie bei so vielen anderen Filmen auch - völlig fehl am Platze und nur zu Marketingzwecken gewählt worden. Schade eigentlich, denn die Titel lassen eher einen Aufguß der ganzen Bud Spencer und Terence Hill Filme erwarten, als einen wirklich innovativen und außerordentlichen Italowestern. Neben den typischen Italo-Einflüssen und Szenerien finden sich teils imposante Schauspieler, die diesem Werk ein Gros an Würde verleihen. Besonders der Charakter des Elfego ist eine enorme Bereicherung und eigentlich der heimliche Star des Films. Aber kennen wir das nicht auch schon von Klaus Kinski?

 

Markus Buttstädt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei:  Wicked-Vision

 

Heute ich ... morgen du!

(Oggi a me... domani a te!, Italien 1968)

aka. Bud Spencer: Der Dicke ist nicht zu bremsen

aka. Fünf Höllenhunde spucken den Tod

aka. Stoßgebet für einen Hammer

aka. Today It's Me

aka. Today It's Me... Tomorrow It's You!

aka. Today We Kill, Tomorrow We Die!

 

Regie: Tonino Cervi

Drehbuch: Tonino Cervi & Dario Argento

Freigabe: ab 18 Jahre

Genre: Italo-Western

Kamera: Sergio D'Offizi

Musik: Angelo Francesco Lavagnino

Produzent: Lucio Trentini

Länge: 91 Minuten (PAL)

Dt. Start: 19.11.1968

Darsteller: Brett Halsey (als Montgomery Ford), Bud Spencer, William Berger, Wayde Preston, Tatsuya Nakadai, Jeff Cameron, Dana Ghia (als Diana Madigan), Teodoro Corrà (als Doro Corai), Stanley Gordon, Victoriano Gazzara, Aldo Marianecci, Michele Borelli, Umberto Di Grazia, Franco Pechini, Nazzareno Natale u.a.

 

Literatur:

  Kessler, Christian: Willkommen in der Hölle. Der Italo-Western im Überblick

  Bruckner, Ulrich P.: Für ein paar Leichen mehr. Der Italo-Western von seinen Anfängen bis heute

  Um sie weht der Hauch des Todes. Der Italowestern – die Geschichte eines Genres. Essays, Interviews und Register

 

 

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