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Die Herrschaft des Feuers

 

Es fängt zwar realistisch an, aber dann haben wir doch das Fantasy Genre pur, um uns schließlich zu fragen, ob wir einer Film-Lecture beigewohnt haben, in der alles popularisiert worden ist, was wir von George W. zu lernen haben.

Der Reihe nach. Ganz im Stil des britischen Arbeiterdramas tauchen wir in eine Baustelle der londoner Subway ab. Wir brauchen bloß dem zwölfjährigen Jungen zu folgen. Tief unten im Schacht ist der Arbeitsplatz seiner Mutter. Sein Zuhause, nach der Schule. Aber: die große Bohrmaschine öffnet einen unvermuteten Hohlraum. Und was kommt dort herausgeschossen? Die fliegenden Tunneldrachen sinds, phantastische Flammenwerfer und feurige Raketen, wenn sie aus dem Himmel auf die Bürger herunterstoßen.

Wer überleben will, muß Drachen killen. Das Übliche. Der Film ist jetzt nichts anderes, als Verkaufsshow fürs Merchandizing. Die Computerspiele für alle Zwölfjährigen sind längst vor der Filmpremiere im Handel. Klar, mehr noch als um das Filmvertrieb geht es um den Absatz des Drachenkiller-Spielzeugs. Der Marktmechanismus hat sich längst eingespielt. Aber: mit dem Produkt "Die Herrschaft des Feuers" erwerben die Konsumenten ohne Extrazahlung eine altersgemäße Unterweisung zur Frage, wie man sich zum Bösen verhält. Verteidigung oder Angriff?

Unser Zwölfjähriger hatte überlebt. Jetzt führt er, erwachsen, fern vom zerstörten London eine Art Hippie-Gemeinde an, versteckt in einem malerischen, aber renovierungsbedürftigen Hochland-Castle. Das ist ihr Home. Tapfer züchten sie im Steingeröll etwas, das wie Tomaten aussieht. Doch die Zukunft ist düster. Es wird nicht reichen. Besonders da unvernünftige Hungrige sich am Saatgut vergreifen. Die Defensive ist keine Lösung. Nahen Retter?

Der Film beginnt jetzt mit der Strategie der Ambivalenz. Das ist untypisch für den Genrefilm. Weswegen wir hier davon reden. Denn die Glatzen, die sich mit der Waffe im Anschlag dem Castle nähern, sind Plünderer, nein: "schlimmer noch als Drachen: Amerikaner!", hallt der Entsetzensschrei. - Wie das? Sind wir jetzt bei der anderen Partei? Die Amerikaner stellen sich als Marines vor, Kentucky Fighters, und sie sind einwandfreie George W.-Karikakturen. "Man kann sich doch einigen - oder wir entscheiden das", sagt der Marines-Führer locker. Es geht darum, gemeinsam das Böse zu bekämpfen, und zwar dort, wo es sitzt. Heraus aus dem Schutzraum des Castle! Dort, in der Wohnidylle, wo den vielen Kindern gemeinsam Gute-Nacht-Geschichten erzählt werden und sich in der Gruppen-Nestwärme kuscheln, begeistert man sich nicht für den Drachenkrieg. Andererseits, wenn die Drachenraketen in den Burgturm donnern, das geht ja auch nicht. Die Marines werben weiter für den gemeinsamen Krieg, jetzt mit Argumenten aus dem Western-Genre. Die Drachen sind doch so wie die Dalton-Bande. Die wurde von einfachen Bürgern umgelegt. Ja, und? "Wir sind die Bürger", sprechen die Kentucky-Glatzen. Im Film kommt das ebenso schlicht wie lachhaft. Wird im Kino gelacht, weil einem das vertraut vorkommt?

Weiter. Welche Strategie fährt der Fighters-Präsident, wenn der Castle-Kanzler nicht kriegswillig ist? Er läßt ihn links liegen, bemüht Bibelmythen und wendet sich an die jüngere Generation, die sich hoffentlich noch begeistern läßt. Nach dem Vorbild des Urahnen des Menschengeschlechts reicht US-Adam jetzt dem, der ihm willig sein soll, einen Apfel. Das ist zwar ein Junge, außerdem der Sohn des Kanzlers, wenn auch nicht ein richtiger, weil adoptiert und infolgedessen gentechnisch nicht belastet. "Du bist nicht mehr mein Vater", sagt der sich los, womit "Die Herrschaft des Feuers" ebenso prompt die amerikatypische Vater-Sohn-Beziehung bedient.

Bleiben wir bei Bush-Senior. Wir hören ihn nicht nur sprechen, wenn der Marines-Chef biblischen Mythos aktiviert. Nein, auch dann, grade dann, wenn demokratische Spielregeln zwar eingehalten, aber eigentlich eher den Zielen angepaßt werden sollen. Das geht so: am Castlekanzler vorbei holen sich die Kentucky Fighters fightgeneigte Jungs zum Drachenfight. Allen voran der willige, abtrünnige Kanzlersohn. Aber: es sind zu wenig. Drum: "Das war freiwillig. Jetzt die Einberufung. Greift Euch sechs Männer!", befiehlt der Befehlende. Und damit das klar ist, lautet die Botschaft an den friedliebenden Castle-Herrn: "Ich führe. Du folgst." - Das klingt ebenso einfältig, wie definitiv, daß es wieder komisch ist. Wird im Kino gelacht werden? Über den, der sowas sagt? Oder folgen die Zwölfjährigen dem, der sie führt? Dem Film etwa?

Ich möchte es nicht glauben. Denn der Film stellt ja seine 102 Minuten hindurch die Behauptungen, die er aufstellt, in Frage. Auf amüsante Art. Ein Befehl: "Wenn etwas schief läuft, weißt Du, was zu tun ist". - "Ich hab keine Ahnung." - "Ich auch nicht".         

Wie mag die Verkehrung der Fronten unterschwellig wirken? Ich weiß es nicht. Das Zentrum des Bösen, das die Fighters angreifen wollen, ist nicht auf einem fremden Kontinent, sondern im Herzen der Heimat, in Londons Tube. Und die bösen Flugdrachen, die die Lufthoheit errungen haben, erinnern sehr an die Fernsehbilder der Nachrichtenredaktion: an die täglichen Raketen, die in Häuser einschlagen oder eingeschlagen sind. Bloß sind die Raketen jetzt der Feind. Und die Stadt ist unser London. In einer Napalmlohe.

Wir müssen etwas gegen die Drachen-Raketen unternehmen. Was die Haudraufmarines einsetzen, bringts nicht. Ja, Kampfhubschrauber steigen auf, Panzerketten rattern, Transmitter aktivieren Hardware. Im Krieg, da ist der Mann noch was wert. - Doch wir können uns drauf verlassen, der Film stellt die militärische Lösung in Frage, und zwar griffig. "Zu beneiden ist das Land, das Helden hat", sagt der eine. Allseitiges Nicken des Kopfes. Und dann der andere: "Arm ist das Land, welches welche braucht". Und dabei bleibts stehen.

Vorsätzlich zwiespältig ist "Die Herrschaft des Feuers". Langsam wirds spannend, wie der Film sein Publikum entläßt. Der geniale dramaturgische Einfall: im Zwielicht. Dazu muß nur noch das Filmgenre bemüht werden, das sich mit den unterschiedlichen Tages- und Nachtaktivitäten böser Feinde beschäftigt, und das ist selbstverständlich der Vampirfilm. Der Castlekanzler, immer auf der Suche nach Mitteln, die den Einsatz konventioneller militärischer Mittel, die im Flugdrachenfall eh nichts nützen, was zu beweisen war, - der Castlekanzler also findet heraus, daß die starken Drachenfeinde im Zwielicht der Dämmerung ihre schwache Stunde haben, zur Cocktailzeit etwa, wenn wir die gegenwärtige Jahreszeit bedenken. Und? Die innovative intellektuelle Erkenntnis bringt ganz pragmatisch den Sieg, und unsere amerikanischen Krieger bleiben auf dem Schlachtfeld zurück.

Weiter gehts in eine Zukunft, die wieder möglich ist. Ein optimistisches Ende nach der Herrschaft des Feuers. Das Paar schreitet umschlungen in eine lichte, lockende Ferne. Und es verspricht dem Zuschauer anzüglich: "Wir kümmern uns jetzt um die Evolution".

Ein Nachsatz. Die Jugendpädagogen, die sich um den Film kümmern, sind sich uneins, zwiespältig. Bange Fragen: läuft was schief? Was ist zu besorgen? - Ein Durchhaltefilm, monieren die einen. - Überhaupt keine Botschaft, nirgends, jedenfalls keine für diese Altersgruppe, sagen die anderen. - Oder passiert doch Unterschwelliges im Kino? - Tests am lebenden Objekt sind ab Starttermin möglich.         

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text erscheint im Januar 2003 in: Konkret

 

Die Herrschaft des Feuers (Reign Of Fire), USA 2002. Regie: Rob Bowman; mit Matthew McConaughey, Christian Bale; 110 Minuten, ab 16.1. im Kino

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