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Die Heartbreakers

Traummaterial, halbherzig verramscht

 

„Die Heartbreakers" von Peter F. Bringmann

 

Der Anfang ist verheißungsvoll: Aus der Vogelperspektive schwimmt die Kamera durch silbrigen Dunst und Smogschwaden auf die nächtliche Stadtlandschaft um Essen zu; ein Brodeln liegt in der Luft; der schwere, dunkle Leib des Ruhrgebiets erzittert wie in einem schaurig-schönen Traum, und die ganze Szenerie vibriert von einem unverwechselbaren Sound. Die Rolling Stones sind in der Gruga-Halle, und was es heißt, eine Stadt bis in die zersiedelten Winkel ihrer Peripherie in Fiebrigkeit zu versetzen, wird in dieser Kamera-Nachtfahrt jäh zum Bild. In der folgenden Sequenz flüchtende Schritte, unterdrückte Schreie, harte, hastige Schwarz-Weiß-Effekte: unter Betonpfeilern macht berittene Polizei Jagd auf randalierende Jugendliche.

 

Nach diesen drei Minuten aber haben Peter F. Bringmann und sein Team (Drehbuchautor Matthias Seelig, Kameramann Helge Weindler und Produzent Michael Wiedemann - bekannt seit ihrem Erfolg „Theo gegen den Rest der Welt", 1980) ihr Pulver verschossen. In „Die Heartbreakers" verrühren sie Elemente, die ein turbulent zuckendes magnetisches Feld hätten ergeben können ­- Musik und Rebellion im Ruhrgebiet der sechziger Jahre -, zu einer faden, kraftlosen Melange, die weder Liebe zur Musik noch ein Gespür für Revolte durchschmecken läßt, unglücklicherweise auch kein Verständnis für den Kohlenpott oder auch nur einen Anflug von Interesse dafür, was damals - so um 1966, an der Schwelle zur Großen Koalition - so in der Luft lag.

 

Eine Republik phantasielos-aggressiver Prosperität im Übergang von Teakholz zu Plastik, die innere Leere einer von den Eltern alleingelassenen jungen Generation, rundum geborgte Gefühle und geheuchelte Kultur, das Zähneknirschen der Unbehausten und: Musik als Fluchtweg und Wärmestrom, Musik und Protest, Beat und Bambule: die Stones, die Beatles, die Kinks, die Animals: All dies ist doch immerhin ein Stück unserer Geschichte - und sich seiner mit Passion und Fingerspitzengefühl anzunehmen, wäre Arbeit und Mühe wert.

 

Aber schon die entwicklungsarme Story ist wie in einem Vakuum angesiedelt, ohne atmosphärische Transparenz und Verweise auf eine Umwelt, die an ihren gesellschaftlichen Weichenstellungen erkrankt ist. Der Jungarbeiter Freytag und sein Freund, der Banklehrling Schmittchen, schlagen offenbar nur über die Stränge, weil sie keine oder aus unbestimmten Gründen abwesende Eltern haben, und was sich an ihren Arbeitsplätzen begibt, wird zur Klamotte veralbert. Als ein Polizeiwachtmeister ihr Idol Mick Jagger verhöhnt, werden sie erst gewalttätig und beschließen sodann, eine Band zu gründen: der große Durchbruch nach oben wird geplant. Die Gestalten, die sich hinzugesellen, bringen kaum mehr Kolorit in die Geschichte - sieht man davon ab, daß der E-Gitarrist tablettensüchtig und der 14-jährige Knirps Pico, der sich als Promoter aufspielt, Kettenraucher ist. Als Angelpunkt der Geschichte fungiert schließlich das Proletariermädchen Lisa, das unbedingt singen will, von den „Heartbreakers" abgewiesen wird und ihnen dann - lieblos inszenierter und mit konfusen Schnitten verdorbener Höhepunkt - auf einem Beat-Wettbewerb in Recklinghausen den ersten Preis wegschnappt.

 

Nur in der Liebesgeschichte zwischen Freytag und Lisa blitzt ein Gran beat generation - Zorn und Ich-Schwäche und Zärtlichkeitsverlangen - durch; und in der verklemmt-lasziven Liebschaft Schmittchens mit einer sadistischen Kollegin kommt etwas von dem zum Vorschein, was jene Ära neobourgeoiser Verdrängungen zu einem Zeitalter der Angst und der gelebten Alpträume hat werden lassen. Und gelegentlich, wenn die „Heartbreakers" sich gegen das hingebungsvoll intonierte „Glück auf" eines Bergarbeiterchors im Nebenraum durchsetzen müssen und gleich darauf Schmidtchens Tanzlehrerin ihren Schülern den Cha-Cha-Cha-Takt einhämmert; wenn samstags in einer Vorstadtkneipe eine rotbefrackte Schmalzkapelle mit unvergessenen Ohrwürmern wie „Das kannst du mir nicht verbieten" aufwartet - dann werden über den zerdehnten und verschliffenen Populär-Sound die Ablagerungen des Traumkitschs im Bodensatz der Epoche erahnbar.

 

Leider aber bleibt die Kamera blind gegenüber allem, was es in einer Abenteuerlandschaft wie dem Ruhrgebiet zu entdecken gäbe: Es findet sich in diesem Film keine einzige neugierige, neugierig machende Einstellung, kein Bildausschnitt, kein Schwenk, der auf Überraschendes, Doppelbödiges zielen würde. Die Montage ist bieder und in den Musiknummern einfach hilflos. Ohne Führung bleibt auch die sympathische Spontaneität der Laiendarsteller (vor allem Sascha Disselkamp als Freytag) sich selbst überlassen, so daß wir plötzlich Jugendliche der heutigen Aussteigergeneration beziehungslos zwischen den kulturellen Codes aus einem Spieker- oder May-Spils-Film jener Jahre wiederfinden. Hier wurde das Traummaterial einer Zeit, in der vieles zerbrach und manches Neue begann, nicht mit Kenntnis und Interesse aufgedeckt, sondern halbherzig verramscht.

 

Klaus Kreimeier

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der Frankfurter Rundschau vom Donnerstag, 27. Januar 1983

 

Die Heartbreakers

BR Deutschland - 1982 - 115 min. - Verleih: Filmverlag der Autoren - Erstaufführung: 21.1.1983 - Produktionsfirma: tura/pro-ject/WDR - Produktion: Michael Wiedemann

Regie: Peter F. Bringmann

Buch: Matthias Seelig

Kamera: Helge Weindler

Musik: Lothar Meid (Leitung)

Schnitt: Annette Dorn

Darsteller:

Sascha Disselkamp (Freytag)

Mary Ketikidou (Lisa)

Uwe Enkelmann (Schmittchen)

Mark Eichenseher (Horn)

Hartmut Isselhorst (Guido)

Michael Klein (Pico)

Rolf Zacher (Lisas Vater)

 

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