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Haze

 

Die ersten Minuten sind eine Wucht! Reines Fühlkino, gewidmet dem Schmerz und dem Ertasten von Oberflächen, von Texturen. Eine Kamera, die über ein Gesicht tastet. Hände, die über Beton tasten auf der Suche nach Halt. Im grobpixeligen Grau der DV-Bilder suchen Inneres und Äußeres, der Körper und der Raum einen Zusammenhang, der sich nicht einstellen will, es sei denn darin, dass der eine verschlungen wird vom anderen. Ein Tasten nach Erinnerungen. „Moment mal. Was ist das? Was ist los? Ist was passiert? Da war doch was? Irgendwas war da doch! Ein Traum. Ich träume bestimmt. Ein Traum. Genau, ein Traum. Gleich wach’ ich auf, und die Schmerzen sind weg! Was war da? Wo war ich, bevor ich hierher kam? Warum erinnere ich mich nicht? Das ist kein Traum! Ich habe das Gedächtnis verloren. Ich muss ruhig bleiben, dann kommt es zurück. Ich erinnere mich bestimmt. Was war da nur? Wo bin ich noch mal gewesen? Wo?“

 

Der Leidensweg des Protagonisten (gespielt, wie so oft in seinen Filmen, von Regisseur Shinya Tsukamoto selbst) beginnt. Ein Gang, der so niedrig ist, dass man sich nicht aufrichten kann, nur kriechend vorankommt, tastend. Die klaustrophobischen Bilder verfehlen ihr Ziel einer physischen Wirkung nicht. Die wackelnde Handkamera und die hektischen Überblendungen vermitteln einen Bewegungsdrang, der immer schlimmer wird, in dem Maße, wie alle Bewegung unmöglich ist. Ein langes Schwarzbild. Ein Spießrutenlauf mit den Zähnen auf dem Stahlrohr und dem Hammer auf dem Kopf. Ein Sturz auf Dornen. Ein Loch in der Wand, das den Blick freigibt auf menschliche Körper, die geschunden, zerrissen werden. Bruchstück für Bruchstück ergibt sich das Bild eines infernalischen Betonlabyrinths, in dem es keinen Überblick, nur Nahaufnahmen gibt, einer bizarren Foltermaschinerie, in die er eingeschlossen ist, ohne zu wissen, warum. Industrialisierte Tortur und Post-Industrial-Sounds. Musik als Abfallprodukt einer Maschine, die Leid herstellt.

 

Tsukamoto versuchte in seinen Filmen schon immer Verbindungen von Körperlichem und Seelischem zu schaffen, in denen das eine wie das andere transzendiert wird. In seinem Vorgänger Vital, verliert ein Medizinstudent bei einem Unfall Freundin und Gedächtnis und gewinnt beides zurück in einem Anatomiekurs, bei dem ihre sterblichen Überreste auf seinem Seziertisch landen. Indem das Skalpell ihren Körper öffnet, schafft es auch einen Zugang zu seinen verlorenen Erinnerungen. Und so, wie die physische Berührung in ein psychisch Unbewusstes führt, gewinnt auch die Erinnerung, physische Qualität. „So, wie ich jetzt hier bin“, sagt er den Eltern der Verstorbenen, „existiere ich auch dort.“

 

In Haze scheint es nun, als wandle Tsukamoto auf den Spuren Otto Ranks. Der Protagonist wird eine Leidensgenossin treffen und wieder verlieren. Durch Kanäle und Becken voll abgetrennter Gliedmaßen wird er waten, schwimmen, tauchen, um sich schließlich durch eine Klappe nach draußen zu zwängen. In diesem Draußen finden die beiden wieder zusammen, entweder in den Schmerzen einer gemeinsamen Hölle, deren Ende und Anfang die Bluttat, ist oder auf dem Sofa sitzend.

 

Das Niveau des Anfangs vermag der Film nicht zu halten. Zu konventionell: Die Mittel, mit denen er ekeln und schockieren will, zu berechnend: Der Einsatz des „Experimentellen“, zu offensichtlich: Die Geburtsmetaphorik, verglichen etwa mit der vielfachen Determinierung des allgegenwärtigen Wassers in A Snake of June. Auch die Reminiszenzen an Tetsuo stehen dem Film nicht gut zu Gesicht, in seinem Langspiel-Debüt erschuf Tsukamoto nicht nur aus Schrott einen neuen Menschen, er bastelte auch aus Bilder- und Mythenmüll (Godzilla, Manga, Video-Clip, deutscher Filmexpressionismus, Industrial, Psychoanalyse, YOU NAME IT!) einen Film, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Diesen technisierten Wahnsinn vermag er hier – bestenfalls – zu zitieren, hinzufügen kann er ihm nichts.      

 

Weit davon entfernt, ein schlechter Film zu sein, kann Haze letztlich zu einem Oeuvre, in dem es so viel Exzentrisches, Einmaliges und Großartiges zu sehen gibt, wie in dem Tsukamotos, nichts Entscheidendes mehr beitragen.

 

Zur DVD:

Sehr schön ist die DVD-Auswertung von Rapid Eye Movies ausgefallen, die den Film wahlweise in deutscher Synchro oder japanischem Originalton mit optionalen deutschen Untertiteln bietet. Ein Making-of führt im Zeitraffer durch den Kulissenbau, Tsukamoto führt durch Haze und sein sonstiges Werk, in dem jeder Film eine jahre-, wenn nicht jahrzehntelange Vorgeschichte hat und Hauptdarstellerin Kahori Fujii führt durch das Filmfestival in Lorcano, wo der Film im Rahmen einer Video-Reihe lief. Außerdem gibt es den obligatorischen Trailer, eine REM-Trailershow und das bei diesem Label übliche, doppelseitige Poster, alles verpackt in einem schön gestalteten Digi-Pack. Was will man mehr!  

 

Nicolai Bühnemann

 

 

Haze

Heizu

Japan 2005; Buch, Regie, Schnitt: Shinya Tsukamoto; Musik: Chu Ishikawa; Darsteller: Shinya Tsukamoto, Kahori Fujii, Takahiro Kandaka, Takahiro Murase, Mao Saito, Masato Tsujioka. Länge: 48 Min. FSK: Keine Jugendfreigabe. Vertrieb der deutschen DVD: Rapid Eye Movies. [www.rapideyemovies.de]

 

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